Achim Barsch

Die nicht immer lineare Entwicklung vom Schüler zum Kollegen

Mehr als 25 Jahre verbinden mich nun schon mit SJS. Dieser lange Zeitraum setzt an mit meinem Wechsel an die LiLi-Fakultät der Universität Bielefeld, zeigt Übergänge mit dem Staatsexamen und der Promotion und weist auch persönliche Einschnitte auf wie den Wechsel an die Gesamthochschule Siegen als erster dortiger wissenschaftlicher Mitarbeiter von SJS. Mehr aus meiner Sicht als für ihn handelt es sich um die Entwicklung vom einstigen Schüler (kann man denn je dieses Verhältnis zu seinem Doktorvater ablegen?) zum heutigen Kollegen, dessen letzte Prägung (die Vertretung seines Lehrstuhls) durch den Weggang von SJS an die Universität Münster erfolgte, also genau an die Universität, an der mein eigener akademischer Werdegang 1972 begann. Insofern schließt sich mit der Folge Münster - Bielefeld - Siegen - Münster ein Kreis, der sich aus unser beider Biographien ergibt.

Es begann wohl eher zufällig. Der Wechsel von Münster nach Bielefeld ergab sich aus dem Gegensatz von suboptimalen Studienbedingungen an einer Massenuniversität und der Anziehungskraft einer Universitätsneugründung, die mit einem Reformkonzept angetreten war, das sich in der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft (LiLi-Fak) in neuen Studien- und Veranstaltungsformen (Blockstudium) in neuen, aktuellen Inhalten und in enger Kooperation von Linguistik und Literaturwissenschaft dokumentierte. Das Blockstudium sah mehrwöchige Blöcke mit vormittäglichem Plenum (3 Dozenten, ca. 15-20 Studierende) und nachmittäglichen Arbeitsgruppen (1 Dozent, 5-7 Studierende) vor. Veranstaltungen im Großraumbüro des ehemaligen Siemenshauses, der damaligen Residenz der LiLi-Fakultät vor ihrem Umzug in den Universitätsneubau, unterstrichen die Aufbruchstimmung, die ebenfalls durch Seminare zu zeitgenössischer Literatur und durch Dichterlesungen z.B. mit H.C. Artmann und dann durch das Colloquium Neue Poesie geprägt war.

Schon als Schüler von werkimmanenten Interpretationen als subjektiv, nicht nachprüfbar und beliebig ver- und abgeschreckt und auch in Münster nicht von dieser Skepsis kuriert und andererseits von Analytischer Philosophie und Suche nach kausalen Zusammenhängen und Erklärungen geprägt, erschien mir SJS in Bielefeld als rechter Mann am rechten Ort. Im Sommersemester 1974 brachte der Kurs <Textanalyse/Textbeschreibung>, durchgeführt von S.J. Schmidt, J. Wirrer, P. Zima, eine erste Vorstellung nicht-interpretativer, analytischer Zugänge zu literarischen Texten. Es war die Zeit der Texttheorie und später die Zeit der TLKH (Theorie Literarischer Kommunikativer Handlungsspiele), der Vorgängertheorie der ETL (Empirische Theorie der Literatur).

Neben der Faszination der Kombination von Literatur und Sprache, die mich dann zur Linguistischen Poetik und zur Metrik führte, und über die Ablehnung der Interpretation als wissenschaftlicher Methode hinaus interessierten mich (literatur-)theoretische Fragen. Was ist Literatur? Was ist der Gegenstand der Literaturwissenschaft? Wie kann/muss eine Literaturtheorie aufgebaut sein, um Wissenschaftskriterien der Wissenschaftstheorie standhalten zu können? Was ist überhaupt eine wissenschaftliche Theorie? Antworten auf meine Fragen schienen sowohl der non-statement view von Theorien von J.D. Sneed und W. Stegmüller, auf den auch SJS und seine damalige NIKOL-Gruppe (P. Finke, W. Kindt, J. Wirrer, R. Zobel) ihre Aufmerksamkeit richteten, als auch der Theorieansatz von SJS zu geben. Ebenso deckte sich die Arbeit mit Jan Koster in einem Projekt von SJS zur Erarbeitung von Kursmaterial für die reformierte Oberstufe mit meinen eigenen wissenschaftlichen Interessen. Was lag also näher, als SJS Erstgutachter für meine Staatsexamensarbeit zu gewinnen? Die Arbeit beschäftigte sich mit dem Ansatz von T.A. van Dijk, dessen Texttheorie mit dem Theorienkonzept von Sneed logisch rekonstruiert wurde. Wohl nur SJS hätte in der damaligen Literaturwissenschaft ein Thema wie die logische Rekonstruktion Linguistischer Poetiken als Dissertationsthema akzeptiert und als Doktorvater wohlwollend unterstützt. Sein Interesse an dem Theorienkonzept von Sneed bestand in der konstruktiven Verwendung zum Aufbau einer Literaturtheorie. Mit meiner éklassisch' rekonstruktiv ausgerichteten Arbeit erhielt SJS jedoch weitere Unterstützung für die Verwendung des non-statement-view von Theorien außerhalb paradigmatischer Wissenschaften. Ob eine konstruktive Vorab-Ausrichtung an einem Theorienkonzept eine nachträgliche logische Rekonstruktion erübrigt, ist solange eine obsolete Frage, wie keine ausgearbeiteten Theorien mit empirischen Anwendungen vorliegen. Ich bin nach wie vor skeptisch gegenüber der Ansicht, dass logische Rekonstruktionen bei expliziter und sorgfältiger Theorienkonstruktion verzichtbar seien, denn wissenschaftliche Gesetze im Rahmen eines Theoriegebäudes zu formulieren, d.h. zu postulieren, und den logischen Nachweis ihres theoretischen Status zu führen, sind zwei Paar ganz unterschiedliche Schuhe. Damit möchte ich keinesfalls den heuristischen Wert und den Explizitheitsgrad leugnen, die eine konstruktive Verwendung von Theorienkonzepten begleiten.

Mit Siegen kam, wie sich herausstellen sollte, nicht nur ein Einschnitt für mich, sondern auch für das Umfeld von SJS. Alte Mitstreiter blieben in Bielefeld zurück oder wechselten in andere Tätigkeitsbereiche. In Siegen wurde die Arbeit im Rahmen der ELW fortgeführt, und es etablierte sich mit H. Hauptmeier, D. Meutsch, G. Rusch, R. Viehoff und mir die zweite Generation der NIKOL-Gruppe. Zeitgleich mit dem Wechsel von SJS nach Siegen erschien bei Vieweg sein Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft, der einerseits das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit mit den Bielefeldern Kollegen wiedergab, andererseits seinen neuen Mitarbeitern (alle männlichen Geschlechts) in Siegen als theoretische Orientierung und Arbeitsgrundlage mit paradigmatischem Anspruch diente.

Feste Arbeitstreffen einmal pro Woche brachten neue Ideen, die zum großen Teil auch realisiert wurden (Forschungsprojekte; Einzel- und Gemeinschaftspublikationen; Tagungen; Institutsgründung). Die Gründung des LUMIS-Instituts 1984 gab der Aufbruchstimmung einen weiteren Schub. Mit den neuen Kollegen (P. M. Hejl, W. K. Köck, R. Klauser), die vom aufgelösten FEoLL aus Paderborn nach Siegen kamen, wurde nicht nur die Personaldecke gestärkt, sondern vor allem die interdisziplinäre Arbeit auf einem höheren und breiterem Niveau fortgeführt. Meine bis dahin etwas reservierte Einstellung zum Radikalen Konstruktivismus änderte sich in dieser Zeit durch die Begegnung mit Ernst von Glasersfeld, der durch sein ganz undogmatisches Auftreten überzeugen konnte, und vor allem durch die Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Peter Hejl.

Die jährlichen Tätigkeitsberichte weisen aus, wie sehr das LUMIS-Institut sich zum Anziehungspunkt für viele deutsche Kollegen und ausländische Gäste entwickelte, die zu Gesprächen, Vorträgen und längeren Forschungsaufenthalten nach Siegen kamen und auf im positiven Sinne kritische Zuhörer trafen. Leider können diese Tätigkeitsberichte nicht die Arbeitsatmosphäre, die persönlichen Kontakte und individuellen Bereicherungen wiedergeben, die alle LUMIS-Mitglieder je für sich aufbauten und erfuhren. Ohne SJS und ohne LUMIS hätte es Begegnungen in dieser Form mit H. de Berg, E. v. Glasersfeld, R. Hunt, J. László, R. Segers und vielen, vielen anderen ebensowenig gegeben wie den dadurch möglichen Aufbau von Freundschaften, die weit über normale Forschungskooperationen hinausgehen.

Die interdisziplinäre und kooperative Arbeitsweise des Instituts zeigt sich in den zahlreichen Gemeinschaftspublikationen, von denen die Angewandte Literaturwissenschaft nur ein Beispiel unter vielen ist. Darüber hinaus wurden Forschungsvorhaben, Projektanträge und Manuskripte gemeinsam diskutiert oder im Umlaufverfahren mit Kommentaren bedacht, so dass die eigene Arbeit vom kritischen Blick der Kollegen unterstützt wurde.

Mit dem Grundriß als Basis entwickelten die Siegener NIKOL-Mitglieder eigene Forschungsinteressen und Arbeitsschwerpunkte, die zu Projekten und zahlreichen Publikationen führten, die ebenfalls in den jährlichen LUMIS-Tätigkeitsberichten dokumentiert sind. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus dem FEoLL gestaltete sich insbesonders dadurch als eine Bereicherung, dass die soziologische Seite der ETL/ELW mit der konstruktivistischen Theorie sozialer Systeme von P. Hejl eine anschlussfähige Ergänzung bekam.

Die institutionelle Ausweitung setzte sich mit der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Empirische Literaturwissenschaft (IGEL) 1987 in Siegen fort. Der fast familiäre Charakter der regelmäßig stattfindenen IGEL-Konferenzen mit empirisch arbeitenden Wissenschaftlern aus Literaturwissenschaft, Psychologie, Soziologie und anderen Disziplinen hat sich bis heute erhalten. Die ELW wurde u.a. damit auf eine breite internationale Basis gestellt. (Das Siegener Periodicum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft ist ein weiterer zentraler Baustein im Gebilde ELW, auf den ich hier an dieser Stelle nicht weiter eingehe, da dies der Part von R. Viehoff und G. Rusch ist). Mit IGEL konnte ein internationales Netzwerk aufgebaut werden, das sich von Europa über Nord- und Südamerika bis nach Asien erstreckt. SJS und das LUMIS leisteten nicht nur Aufbauarbeit, sondern gehören nach wie vor zum éharten Kern', der versucht, immer wieder Impulse zu geben und organisatorische Arbeit mitzutragen.

Ein planmäßiger Ausbau der ELW, wie er von SJS vielleicht im Zuge des Wechsels von Bielefeld nach Siegen gewünscht und ersehnt war, gelang jedoch trotz der Projekte zum literarischen Verstehen und zur Polyvalenz-Konvention nicht. Dem ist nicht nachzutrauern, da selbstbestimmte Forschungsinteressen im Rahmen eines größeren Theorierahmens - wie ich ihn in der ETL sehe - über fremdbestimmte Forschungen zu stellen sind. So hatte ich die Freiheit, im Anschluss an meine Arbeiten zur Linguistischen Poetik auf dem Grenzgebiet von Linguistik und Literaturwissenschaft weiter zu arbeiten. Den Gegenstandsbereich bildete das deutsche Verssystem, für das ich eine Grammatik auf der Basis phonologischer und metrischer Regeln entwickelte. Der Wert dieser Arbeit für die ETL besteht einerseits im expliziten Nachweis der Analyse von Textstrukturen im Rahmen der ELW, andererseits konnte mit den metrischen Gliederungsstrukturen eine Anbingung an biologische und kognitive Aspekte der Theorie erreicht werden. Mit den Themen Literatur und Recht, Jugendmedienschutz und populäre Lesestoffe kamen für mich weitere Arbeitsbereiche hinzu, die aus meiner Sicht für die ETL nicht nur theoretisch und empirisch - im Sinne von Anwedungsbereichen der Theorie - wichtig sind, sondern darüber hinaus auch deren praktische Relevanz unterstreichen. Diese Arbeiten verliefen unter dem stets wohlwollend kritischen Blick von SJS recht unkontrovers. Anders sah es jedoch mit meinen literaturtheoretischen Überlegungen aus, die Unzulänglichkeiten, Widersprüche und Probleme thematisierten, die ich in bestimmten Bereichen des Grundrisses sah.

Aufgrund meiner Beschäftigung mit dem Theorienkonzept von Sneed hatte ich Schwierigkeiten, in der literarischen ÄsthetikKonvention (ÄLKO) und der literarischen Polyvalenzkonvention (PLKO) Gesetze der ETL zu sehen. Denn Gesetze bestehen nach Sneed aus einem explizit angegebenen Zusammenhang t-theoretischer und nicht-t-theoretischer Funktionen. Zu klären bleibt also: Sind die beiden Konventionen nun t-theoretische Funktionen oder Gesetze? Wie hängen sie zusammen? Gibt es überhaupt einen Zusammenhang? Bilden die beiden Konventionen wirklich eine Theoretisierung oder handelt es sich bei ihnen eigentlich um Spezialisierungen aus einer vorgelagerten Theorie kommunikativen Handelns, womit der theoretische Status der ETL zu überdenken wäre? Gleichzeitig wurden ÄLKO und PLKO (in individualpsychologischer Hinsicht) als empirische Hypothesen eingeführt und in wieder einem anderem Kontext (in makrosoziologischer Perspektive) als Abgrenzungskriterien zu anderen Sozialsystemen verwendet. Zudem konnten ÄLKO und PLKO durch ihre ästhetischen Implikationen nur schwer über einen normativen Charakter hinwegtäuschen.

Wieder anders gelagerte Probleme mit den beiden literarischen Konventionen ergaben sich für mich im Rahmen der Handlungsrolle der Literatur-Verarbeitung in der unspezifischen Redeweise des Befolgens von Konventionen. Das Befolgen von Konventionen und das Reden über Konventionen liegen auf unterschiedlichen Ebenen, auch wenn es so aussieht, als ob das eine dem anderen vorausgeht, was allerdings nicht zutrifft, da ja die Befolgung von Konventionen u.a. durch sprachliche Vermittlung, also durch Reden über sie, erlernt wird. Die Lösung dieser Problematik lag für mich in der Einführung des Konzepts von Handlungsebenen, das es erlaubt, innerhalb des Literatursystems literarisches und meta-literarisches Handeln voneinander zu trennen. Weiterhin gestattet das Konzept der Handlungsebene mit seiner Fokussierung auf Literaturbegriffe die Verknüpfung mit der theoretischen Modellierung literarischer Teil- und Subsysteme, sowie die Verbindung von Literatur als Sozialsystem und Literatur als Symbolsystem auf der Basis der Unterscheidung aktiver und passiver Systeme von P. Hejl.

Ich kann hier ganz offen sagen, dass diese Überlegungen bei SJS nicht immer auf Gegenliebe stießen. Von seinem literaturtheoretischen Standpunkt aus, der sich vor allem in seiner Arbeit zur Entstehung des modernen Literatursystems im 18. Jahrhundert auch in systemtheoretischer Hinsicht weiterentwickelt hatte, mussten diese Bedenken und Ergänzungsvorschläge als zweitrangig erscheinen, da er nicht theoretische Detailfragen sondern - umfassender - Literatur im Kontext sozialer Systeme im Blick hatte. Dennoch lernten wir trotz unterschiedlicher Standpunkte viel voneinander, zumal die wissenschaftliche Neugierde und die Integrationsfähigkeit von SJS weit ausgeprägt sind. Als Kollege und als Mitstreiter der ETL bin ich ihm dankbar für die Unterstützung, die er mir gewährte, für fast 25 Jahre Gesprächskultur und für die vielen, unvergessenen unterhaltsamen Momente, ohne die auch eine wissenschaftliche Zusammenarbeit nur dürftig bleibt.