Achim Barsch
Die nicht immer lineare Entwicklung vom Schüler zum Kollegen
Abschnitt 2

   
             
 
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Schon als Schüler von werkimmanenten Interpretationen als subjektiv, nicht nachprüfbar und beliebig ver- und abgeschreckt und auch in Münster nicht von dieser Skepsis kuriert und andererseits von Analytischer Philosophie und Suche nach kausalen Zusammenhängen und Erklärungen geprägt, erschien mir SJS in Bielefeld als rechter Mann am rechten Ort. Im Sommersemester 1974 brachte der Kurs <Textanalyse/Textbeschreibung>, durchgeführt von S.J. Schmidt, J. Wirrer, P. Zima, eine erste Vorstellung nicht-interpretativer, analytischer Zugänge zu literarischen Texten. Es war die Zeit der Texttheorie und später die Zeit der TLKH (Theorie Literarischer Kommunikativer Handlungsspiele), der Vorgängertheorie der ETL (Empirische Theorie der Literatur).

Neben der Faszination der Kombination von Literatur und Sprache, die mich dann zur Linguistischen Poetik und zur Metrik führte, und über die Ablehnung der Interpretation als wissenschaftlicher Methode hinaus interessierten mich (literatur-)theoretische Fragen. Was ist Literatur? Was ist der Gegenstand der Literaturwissenschaft? Wie kann/muss eine Literaturtheorie aufgebaut sein, um Wissenschaftskriterien der Wissenschaftstheorie standhalten zu können? Was ist überhaupt eine wissenschaftliche Theorie? Antworten auf meine Fragen schienen sowohl der non-statement view von Theorien von J.D. Sneed und W. Stegmüller, auf den auch SJS und seine damalige NIKOL-Gruppe (P. Finke, W. Kindt, J. Wirrer, R. Zobel) ihre Aufmerksamkeit richteten, als auch der Theorieansatz von SJS zu geben. Ebenso deckte sich die Arbeit mit Jan Koster in einem Projekt von SJS zur Erarbeitung von Kursmaterial für die reformierte Oberstufe mit meinen eigenen wissenschaftlichen Interessen. Was lag also näher, als SJS Erstgutachter für meine Staatsexamensarbeit zu gewinnen? Die Arbeit beschäftigte sich mit dem Ansatz von T.A. van Dijk, dessen Texttheorie mit dem Theorienkonzept von Sneed logisch rekonstruiert wurde. Wohl nur SJS hätte in der damaligen Literaturwissenschaft ein Thema wie die logische Rekonstruktion Linguistischer Poetiken als Dissertationsthema akzeptiert und als Doktorvater wohlwollend unterstützt. Sein Interesse an dem Theorienkonzept von Sneed bestand in der konstruktiven Verwendung zum Aufbau einer Literaturtheorie. Mit meiner ‚klassisch' rekonstruktiv ausgerichteten Arbeit erhielt SJS jedoch weitere Unterstützung für die Verwendung des non-statement-view von Theorien außerhalb paradigmatischer Wissenschaften. Ob eine konstruktive Vorab-Ausrichtung an einem Theorienkonzept eine nachträgliche logische Rekonstruktion erübrigt, ist solange eine obsolete Frage, wie keine ausgearbeiteten Theorien mit empirischen Anwendungen vorliegen. Ich bin nach wie vor skeptisch gegenüber der Ansicht, dass logische Rekonstruktionen bei expliziter und sorgfältiger Theorienkonstruktion verzichtbar seien, denn wissenschaftliche Gesetze im Rahmen eines Theoriegebäudes zu formulieren, d.h. zu postulieren, und den logischen Nachweis ihres theoretischen Status zu führen, sind zwei Paar ganz unterschiedliche Schuhe. Damit möchte ich keinesfalls den heuristischen Wert und den Explizitheitsgrad leugnen, die eine konstruktive Verwendung von Theorienkonzepten begleiten.

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