Achim Barsch
Die nicht immer lineare Entwicklung vom Schüler zum Kollegen
Abschnitt 3

   
             
 
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Mit Siegen kam, wie sich herausstellen sollte, nicht nur ein Einschnitt für mich, sondern auch für das Umfeld von SJS. Alte Mitstreiter blieben in Bielefeld zurück oder wechselten in andere Tätigkeitsbereiche. In Siegen wurde die Arbeit im Rahmen der ELW fortgeführt, und es etablierte sich mit H. Hauptmeier, D. Meutsch, G. Rusch, R. Viehoff und mir die zweite Generation der NIKOL-Gruppe. Zeitgleich mit dem Wechsel von SJS nach Siegen erschien bei Vieweg sein Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft, der einerseits das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit mit den Bielefeldern Kollegen wiedergab, andererseits seinen neuen Mitarbeitern (alle männlichen Geschlechts) in Siegen als theoretische Orientierung und Arbeitsgrundlage mit paradigmatischem Anspruch diente.

Feste Arbeitstreffen einmal pro Woche brachten neue Ideen, die zum großen Teil auch realisiert wurden (Forschungsprojekte; Einzel- und Gemeinschaftspublikationen; Tagungen; Institutsgründung). Die Gründung des LUMIS-Instituts 1984 gab der Aufbruchstimmung einen weiteren Schub. Mit den neuen Kollegen (P. M. Hejl, W. K. Köck, R. Klauser), die vom aufgelösten FEoLL aus Paderborn nach Siegen kamen, wurde nicht nur die Personaldecke gestärkt, sondern vor allem die interdisziplinäre Arbeit auf einem höheren und breiterem Niveau fortgeführt. Meine bis dahin etwas reservierte Einstellung zum Radikalen Konstruktivismus änderte sich in dieser Zeit durch die Begegnung mit Ernst von Glasersfeld, der durch sein ganz undogmatisches Auftreten überzeugen konnte, und vor allem durch die Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Peter Hejl.

Die jährlichen Tätigkeitsberichte weisen aus, wie sehr das LUMIS-Institut sich zum Anziehungspunkt für viele deutsche Kollegen und ausländische Gäste entwickelte, die zu Gesprächen, Vorträgen und längeren Forschungsaufenthalten nach Siegen kamen und auf im positiven Sinne kritische Zuhörer trafen. Leider können diese Tätigkeitsberichte nicht die Arbeitsatmosphäre, die persönlichen Kontakte und individuellen Bereicherungen wiedergeben, die alle LUMIS-Mitglieder je für sich aufbauten und erfuhren. Ohne SJS und ohne LUMIS hätte es Begegnungen in dieser Form mit H. de Berg, E. v. Glasersfeld, R. Hunt, J. László, R. Segers und vielen, vielen anderen ebensowenig gegeben wie den dadurch möglichen Aufbau von Freundschaften, die weit über normale Forschungskooperationen hinausgehen.

Die interdisziplinäre und kooperative Arbeitsweise des Instituts zeigt sich in den zahlreichen Gemeinschaftspublikationen, von denen die Angewandte Literaturwissenschaft nur ein Beispiel unter vielen ist. Darüber hinaus wurden Forschungsvorhaben, Projektanträge und Manuskripte gemeinsam diskutiert oder im Umlaufverfahren mit Kommentaren bedacht, so dass die eigene Arbeit vom kritischen Blick der Kollegen unterstützt wurde.

Mit dem Grundriß als Basis entwickelten die Siegener NIKOL-Mitglieder eigene Forschungsinteressen und Arbeitsschwerpunkte, die zu Projekten und zahlreichen Publikationen führten, die ebenfalls in den jährlichen LUMIS-Tätigkeitsberichten dokumentiert sind. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus dem FEoLL gestaltete sich insbesonders dadurch als eine Bereicherung, dass die soziologische Seite der ETL/ELW mit der konstruktivistischen Theorie sozialer Systeme von P. Hejl eine anschlussfähige Ergänzung bekam.

Die institutionelle Ausweitung setzte sich mit der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Empirische Literaturwissenschaft (IGEL) 1987 in Siegen fort. Der fast familiäre Charakter der regelmäßig stattfindenen IGEL-Konferenzen mit empirisch arbeitenden Wissenschaftlern aus Literaturwissenschaft, Psychologie, Soziologie und anderen Disziplinen hat sich bis heute erhalten. Die ELW wurde u.a. damit auf eine breite internationale Basis gestellt. (Das Siegener Periodicum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft ist ein weiterer zentraler Baustein im Gebilde ELW, auf den ich hier an dieser Stelle nicht weiter eingehe, da dies der Part von R. Viehoff und G. Rusch ist). Mit IGEL konnte ein internationales Netzwerk aufgebaut werden, das sich von Europa über Nord- und Südamerika bis nach Asien erstreckt. SJS und das LUMIS leisteten nicht nur Aufbauarbeit, sondern gehören nach wie vor zum ‚harten Kern', der versucht, immer wieder Impulse zu geben und organisatorische Arbeit mitzutragen.

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