Norbert Groeben
Die Veränderung/en des Wissenschaftskonzepts bei S.J. Schmidt
Abschnitt 2

   
             
 
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Deshalb traf es mich relativ unvorbereitet, dass er diese »Radikalität« längst weiter ausgebaut hatte, nämlich bis hin zu erkenntnistheoretischen Fragestellungen, was in der Position des Radikalen Konstruktivismus mündete (vgl. z.B. Schmidt 1987). Die radikal-konstruktivistischen Thesen der Autopoiese, informationellen Geschlossenheit etc., die auch für die Wissenschaftskonzeption ein Abrücken von klassischen szientifischen Zielkriterien des Empirismus in Richtung auf die oberste Zielidee der Viabilität (d.h. Nützlichkeit für die Lebenserhaltung qua Autopoiese) implizierten, hatten für mich von Anfang an den Makel eines absoluten Relativismus. Und obwohl ich nun wahrlich in meinem Leben nicht so viel Philosophie gelernt und getrieben hatte wie SJS, war ich mir von meinen philosophischen Grundkenntnissen her ziemlich sicher, dass jeder absolute Relativismus unvermeidbar in Selbstwiderspruch und Selbstaufhebung enden muss. Folglich verstand ich auch überhaupt nicht, wie SJS bei seinem philosophischen Hintergrund dieser Position »aufsitzen« konnte. Ich habe es mir zunächst so zurecht gelegt, dass die Begeisterung für den Konstruktivismus (die ich ja im Prinzip vergleichbar verspürte und verspüre) bei ihm besonders vehemente Ausmaße angenommen hatte - und ich konnte mir eigentlich nicht vorstellen, dass er die aus meiner Sicht überzogene Radikalität nicht bald erkennen und revidieren würde. Das war allerdings eine (subjektive) Hypothese, die - Entschuldigung, dass ich schon wieder auf einer nicht-radikalkonstruktivistischen Sichtweise beharre - eindeutig falsifiziert wurde. Denn im Gegenteil, die Siegener NIKOL-Gruppe arbeitete nicht nur den Radikalen Konstruktivismus mit Engagement und höchster Arbeitsintensität weiter aus, sondern postulierte auch, dass die Empirische Literaturwissenschaft metatheoretisch konsequent nur auf der Basis des Radikalen Konstruktivismus zu betreiben sei. Abgesehen davon, dass ich immer die Position vertreten habe, man solle die metatheoretische Rekonstruktion einer Wissenschaftsstruktur so weit wie möglich erkenntnistheoretisch neutral halten, verwischte sich für mich mit dieser NIKOL-Position auch die Grenze zwischen wissenschaftlicher (metatheoretischer) These und Glaubensbekenntnis; oder wissenschaftspsychologisch gesprochen: die Grenze zwischen Charismatik und missionarischem Eifer. Ganz praktisch hielt ich diese propagierte Identifizierung von Empirischer Literaturwissenschaft und Radikalem Konstruktivismus nicht nur für unnötig, sondern für außerordentlich misslich: Denn alle Mitglieder der Scientific Community, die nicht bereit waren, die (erkenntnistheoretische) Position des Radikalen Konstruktivismus zu übernehmen, waren unter der Voraussetzung dieser Identifizierung für die Empirisierung der Literaturwissenschaft »verloren«. Da ich nun aber subjektiv die Empirisierung der Literaturwissenschaft als eine der wichtigsten (potenziellen) Entwicklungen der Wissenschaftsstruktur(en) im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts ansah, fühlte ich mich in der Zwangslage, etwas gegen diese Identifizierung zu tun. Was lag näher, als meine Basisüberzeugung auszuarbeiten, dass der Radikale Konstruktivismus als eine Spielart des absoluten Relativismus in Selbstwidersprüche und Selbstaufhebung führt? (so geschehen in Nüse, Groeben, Freitag & Schreier 1991).

In der Folgezeit schien es allerdings so, als ob SJS - in eher untypischer Weise - mit dem Radikalen Konstruktivismus eine (erkenntnis-)theoretische Basis gefunden hatte, an der er nichts zu ändern gedachte. Kritiken wie die genannte (vgl. auch Groeben 1989) führten nicht zu einer Annäherung, sondern höchstens zum Konsens über den Dissens (so z.B. Schmidt & Groeben 1988). Ohne Bewegung allerdings kam der vitale Intellekt von SJS nicht aus, doch war es keine metatheoretische, sondern eine objekttheoretische Veränderung: hin zur Einbeziehung der (neuen) Medien, so dass er eine (radikal-)konstruktivistische Medienwissenschaft postulierte und explizierte (vgl. z.B. Merten, Schmidt & Weischenberg 1994). Unglücklicherweise halte ich diese Bewegung für eine objektiv notwendige, weil die Literaturwissenschaft m.E. nur als Teil einer übergreifenden Medien- bzw. Kulturwissenschaft - unabhängig von der Empirizität dieser Disziplin - überleben wird (vgl. z.B. Groeben 1994). Insofern wurde durch diese objekttheoretische Erweiterung mein Leiden an der radikal-konstruktivistischen Grundposition (von SJS) nicht vermindert. Zwischenzeitlich hat er sich jedoch - sogar nach eigenem Bekunden - durchaus auch auf der metatheoretischen Dimension bewegt (vgl. z.B. Schmidt 1994; 1998). Dabei hat er die »grundsätzlich paradoxale Situation konstruktivistischen Denkens« (Schmidt 1994, 17) eingeräumt, die u.a. darin besteht, dass für bestimmte Thesen wie etwa die der informationellen Geschlossenheit kognitiver Systeme im radikalen-konstruktivistischen Diskurs ein »realistischer Status unterstellt« (l.c.) wird, so dass bei autologischen, d.h. Selbstanwendung implizierenden Begriffen (wie Selbstbeobachtung, -erkenntnis, Bewusstsein etc.) unauflösbare Paradoxien auftreten (o.c., 18). Er hat diese Kritikperspektive (unter Bezug auf Mitterer, Janich, Bardmann) als prinzipiell berechtigt anerkannt und seine Konstruktivismus-Konzeption verändert in Richtung auf einen Sozialen Konstruktivismus (z.B. im Sinne von Gergen 1985). Ich möchte hier jetzt nicht diskutieren, ob damit in der Tat alle Gefahren von Selbstwidersprüchlichkeit und -aufhebung des konstruktivistischen Diskurses überwunden sind; zu dieser Diskussion wird - hoffentlich - in den nächsten Jahren noch genügend Gelegenheit sein.

Wichtiger ist mir hier, dass mit dem Sozialen Konstruktivismus auch eine grundsätzliche objekt- und metatheoretische Position verbunden ist, deren Entwicklung bei SJS im Prinzip schon mit dem ›Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft‹ (1989; 1982) begonnen hat: nämlich die systemtheoretische Rekonstruktion literatur- und medienwissenschaftlicher Fragestellungen (vgl. Schmidt 1989; 1993). Es ist dies eine Perspektive, die mir persönlich in der Rezeption des Grundrisses zunächst entgangen war. Weil ich selbst - objekttheoretisch wie methodologisch - von der Handlungstheorie als Modell individuellen Handelns her kam, habe ich das zentrale Konzept der »Handlungsrollen« im Grundriss (Produktion, Rezeption, Vermittlung und Verarbeitung) zunächst nur im Sinne eines methodologischen Individualismus verstanden - und dabei den zweiten Wortstamm ›-rollen‹ eher verdrängt. SJS aber hat gerade diese Perspektive der sozialen Strukturphänomene (zu denen die genannten Handlungsrollen auch gehören) weiter ausgearbeitet. Wenn mir auch wegen der Verquickung von radikal- bzw. sozial-konstruktivistischem Diskurs und Systemtheorie der systemtheoretische Ansatz für eigene Arbeiten noch nicht optimal geläufig ist bzw. geeignet erscheint, so habe ich doch auch und gerade durch die diesbezüglichen Arbeiten von SJS die Einsicht gewonnen, dass eine umfassende empirische Kultur- und Sozialwissenschaft sich nicht auf einen methodologischen Individualismus zurückziehen darf, sondern berechtigte Ansprüche des methodologischen Kollektivismus bzw. Holismus mit erfüllen muss (vgl. Groeben 1999a; b). Das heißt, es geht auch hier darum, unsinnige Dichotomisierungen zu überwinden, also integrative metatheoretische Positionen zu entwickeln, die die Verbindung von z.B. Monismus und Dualismus (vgl. Groeben 1986) ebenso wie methodologischem Individualismus und Holismus ermöglichen, denn eine umfassende Kulturwissenschaft wird sowohl individuelle Handlungen als auch soziale Strukturen und deren historische Entwicklung(en) gleichermaßen und in Relation zueinander beschreiben und erklären müssen. Ob dieses Ziel dann mit systemtheoretisch-konstruktivistischen Konzepten wie der Co-Evolution oder z.B. der Handlungstheorie näher stehenden Konstrukten wie der Ko-Konstruktion (vgl. Valsiner 1994) besser gelingen kann bzw. wird, ist ebenfalls wieder eine Frage für zukünftige Diskussionen.

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