Elrud Ibsch

Der Stein der Weisen - der Stein des (Denk)Anstoßes:
Die Begegnung mit Siegfried Schmidt

 

Hierzulande, d.h. in den Niederlanden, und genauer lokalisiert an der Universität Utrecht, meiner alma mater, an der ich auch die ersten Schritte als Lehrende gesetzt hatte, hallte, wenn mein Doktorvater Hans Teesing las, der Beispielsatz »Morgen war Weihnachten« durch die Vorlesungsräume. Auch war die Rede vom »Kontinuum der Reflexion« und von der »polyphonen Harmonie«. Hamburger, Emrich und Ingarden garantierten die Wesensmerkmale und Funktionen von Literatur. Las dagegen mein Kollege Frank Maatje, so wurden Begriffe wie Entscheidungsmechanismus, Axiom und interner Bau von Theorien laut und gipfelte dies alles im Axiom der Nicht-Referentialität von sprachlichen Zeichen in Literatur, derzufolge auch Ortsnamen, Zeitangaben und die Namen historischer Personen letztendlich aufgenommen werden in die internen Beziehungen der Sprachzeichen untereinander. Damit verlieren sie selbstredend ihre denotative Funktion mit Bezug auf außertextliche Sachverhalte.

Frank Maatje hatte gerade damit angefangen, aus dem Manuskript seines in Vorbereitung befindlichen Buches vorzulesen (»Literatuurwetenschap. Grondslagen van een theorie van het literaire werk«), als er neben einer sich offenbarenden schweren Erkrankung auch noch einen Unfall erlitt. Als Assistentin fiel mir die Aufgabe zu, die Behandlung seines Manuskripts in den Vorlesungen fortzusetzen. Die Studenten reagierten mit Einwänden auf Maatjes Axiom. Wir schrieben schließlich 1970, und niemand fühlte sich behaglich in der Axiomatik, die im Grunde genommen jede Diskussion blockierte: die mit der marxistischen Lehre vertrauten Studenten waren nicht zufrieden, die literaturgeschichtlich ausgebildeten ebensowenig und auch die Dozentin nicht, die gerade begonnen hatte, sich für die bei Südostwind - der bei uns ja selten weht - langsam aus Konstanz heraufwehende Rezeptionsästhetik zu interessieren.

Zur gleichen Zeit musste mit dem erkrankten Kollegen auch noch die Festschrift für Hans Teesing redigiert werden, mit der Konsequenz, daß das Vorwort ein Kompromiss wurde. Der Sammelband erhielt den Titel »Dichter und Leser«, aber dem Leser wurde der Raum bei jeder Korrektur des Vorworts knapper bemessen. Es wurde vorsichtig vom »Nachvollzug« (Ingarden) zum »Mitvollzug« des Lesers (Iser, Mukarovský) übergegangen, aber es durfte die Rede von der »verfälschenden« Konkretisation natürlich nicht fehlen (o.c. 3, 4). Schließlich kannten Hans Teesing und Frank Maatje René Wellek ja auch besser als Hans-Robert Jauss und Wolfgang Iser. Und auch das ist, wie wir wissen, im wissenschaftlichen Betrieb nicht ohne Bedeutung.

In diese Situation hinein platzte geradezu Siegfried J. Schmidts Beitrag »Ist ›Fiktionalität‹ eine linguistische oder eine texttheoretische Kategorie?« (1972). Texttypen aufgefaßt als »Typen sozio-kommunikativen Handelns«, als »Funktionstypen« (o.c. 59), wobei textübergreifende Faktoren mitberücksichtigt werden müssen! Diese Einsichten, niedergelegt in einem Sammelband, in dem renommierte Linguisten vertreten waren, bedeuteten für mich wirklich so etwas wie wissenschaftlichen Fortschritt, nach dem ich in unserer Disziplin bislang vergeblich Ausschau gehalten hatte. Auch Konstanz ließ eine solche Klarheit in der Diktion vermissen, so kenntnisreich und belesen man sich in dieser Hermeneutik auch auszudrücken wusste.

Siegfried Schmidt hatte die Entgegnung auf Frank Maatjes Axiom bereitgestellt: »Nicht Sprache bezieht sich auf Wirklichkeit, sondern Sprecher interpretieren in kommunikativen Handlungsspielen Textkonstituenten (in Übereinstimmung mit Regeln, die im Verlauf des Spracherlernungs- und Sozialisationsprozesses erworben werden) als Instruktionen, sich auf Wirklichkeit (...) zu beziehen« (o.c. 63). Nicht nur wurde hiermit deutlich, wie Maatje zu erwidern war, zugleich erledigte sich auch die Rede vom Nach- bzw. Mitvollzug. Die Aufgabe des Rezipienten wurde unmissverständlich umschrieben als Realisierung der Instruktionen zur Referenzaufnahme, und zwar in semantischer wie auch pragmasemantischer Rezeption. ›Fiktionalität‹ wurde bestimmt als soziale Erwartungsgröße, die historisch variabel ist, womit auch die Literaturhistoriker zufriedengestellt werden konnten.

Irgendwann folgte dann die persönliche Begegnung. Sie fiel zeitlich etwa zusammen mit der Begegnung mit Norbert Groeben und wurde wichtig für mich: mit diesen beiden Kollegen aus Deutschland konnte ich unsere, insbesondere von Douwe Fokkema gepflegten atlantischen wissenschaftlichen Beziehungen ergänzen und möglicherweise ersetzen. In den atlantischen Beziehungen fehlte mir nämlich etwas wichtiges: das Deutsch als Wissenschaftssprache. Inzwischen wurde ich dann irgendwann zum Ordinarius an der Vrije Universiteit in Amsterdam ernannt und hatte ich mit Douwe das Handbuch »Theories of Literature in the Twentieth Century« (1977) veröffentlicht, in dem wir den (französischen) Strukturalismus, den Marxismus, die Rezeptionsästhetik und die Semiotik nach unserem besten Wissen beschrieben und auf die jeweiligen Entwicklungschancen abgeklopft hatten. Bei Durchsicht fällt mir heute auf, daß Siegfried Schmidt dreimal Erwähnung findet: zweimal im Rahmen der Textrezeption und einmal in seiner analytisch-philosophisch fundierten Kritik an der transzendentalen Hermeneutik sensu Habermas und Apel. Seither haben wir - habe ich - nahezu alle Veröffentlichungen von Schmidt gelesen. Das ergab sich zwangsläufig aus den Interessengebieten, die in »Theories of Literature« bereits in den Vordergrund getreten waren: Bedeutungszuschreibung und Wissenschaftsphilosophie.

In den Niederlanden war Siegfried Schmidt bald ein gern gesehener Gast: bei Teun van Dijk zunächst, dem er als Textwissenschaftler/ Linguist nahestand und dessen scharfe Polemik gegen die traditionelle Literaturwissenschaft ihm zusagen musste; hatte Schmidt mit seinen Schülern doch die NIKOL - die Nicht Konventionelle Literaturwissenschaft - in Siegen ausgerufen! Gast und gern gesehen auch bei Hugo Verdaasdonk und Kees van Rees, bei Horst Steinmetz und eben auch bei Douwe Fokkema und Elrud Ibsch. Siegfried hatte bereits verwirklicht, woran wir hier arbeiteten, nämlich Forschungsteams zusammenzustellen, mit deren Mitgliedern sich täglich im Institut Gespräche über das gemeinsame Forschungsprojekt führen ließen. Ein solcher Austausch erschien uns um so vieles fruchtbarer als der Rilke-Leseerfahrung des älteren Ordinarius zuhören zu müssen. Dass bei dieser Be- bzw. Verurteilung des Rilke-Lesens manches ungerecht und aufmüpfig war, sei zugegeben. Aber wir verlangten eben Systematik, Methode, Intersubjektivität und relevante Fragestellungen.

Siegfried Schmidt war die geeignete Persönlichkeit, uns vorzuführen, wie man so etwas zu vollbringen vermag. Ein geborener Systematiker, wie er es ist, fängt natürlich nicht bei dem Sozialsystem der Literatur an, sondern ab ovo, d.h. bei der autopoietischen Einrichtung des menschlichen Gehirns. Er stützt sich dabei auf eine Forschungstradition, die davon ausgeht, dass Wahrnehmungen sich nicht in den Sinnesorganen vollziehen, sondern über neuronale Prozesse stattfinden. Es ist nicht so, daß der Mensch auf die Wirklichkeit reagiert, gleichsam nach dem Stimulus-Respons Modell, sondern das operationell geschlossene System des Gehirns hat alle Information gespeichert und operiert auf der Grundlage früherer interner Erfahrungen und evolutionärer Festlegungen: »Das Gehirn ›kann nur (für sich und in sich selbst) präsentieren, es kann nur konstruieren‹« (Schmidt 1987, 15). Ohne hier weitere (Zwischen)Schritte im einzelnen anzuführen, umschreibe ich das Grundprinzip des Radikalen Konstruktivismus, das Siegfried Schmidt in die Literaturwissenschaft eingebracht hat: ein Organismus erzeugt seine Welt selbst. Die »Subjektdependenz allen Wissens« wurde zum Stein der Weisen und zugleich zum Stein des Anstoßes.

Man rufe sich die Situation in Erinnerung oder stelle sie sich vor: die empirische Literaturwissenschaft, von Siegfried Schmidt und seinen Mitarbeitern nicht ohne große Widerstände institutionell in der Fakultät, die für Sprache und Literatur verantwortlich gehalten wird, verankert, wurde für manchen Literaturwissenschaftler in Deutschland und im Ausland beispielhaft. Auch Linguisten, Psychologen, Soziologen fühlten sich angesprochen und kamen, bereit zur Zusammenarbeit, im Jahre 1987, dem Gründungsjahr der Internationalen Gesellschaft für Empirische Literaturwissenschaft (IGEL) nach Siegen. Eine phantastische Konferenz! Wir hatten ein gemeinsames Ziel: der hermeneutischen Introspektion überprüfbare Resultate aus dem gesellschaftlichen Handlungssystem Literatur entgegenzusetzen. Einige von uns basierten sich dabei auf die Intersubjektivität, andere hielten es - immer noch - mit der Objektivität. Wovon aber sprach Siegfried? In einem ausgearbeiteten Referat insistierte er auf der Subjektdependenz! Nicht nur, daß für manch einen Teilnehmer der Abstand zwischen der Subjektdependenz und der Introspektion plötzlich erschreckend klein wurde, ärger war, dass die eigens für die Konferenz präparierten Tabellen und statistischen Bearbeitungen verschiedener Teilnehmer in Schmidts Augen nur wenig Gnade fanden, in der Hitze der Diskussion als positivistische Restbestände ihren Glanz verloren und nur auf der epistemologischen Grundlage des Radikalen Konstruktivismus noch einigen Anspruch auf Relevanz erhalten konnten - selbstredend nur in bescheidener Position und in der Diktion der konstruktivistischen Lehre.

Ein Jahr zuvor waren Radikaler Konstruktivismus und »Positivismus« einander in Bloomington bereits begegnet. Wir waren Gäste von David Bleich, und Ernst von Glasersfeld war auch dabei. Der Positivismusvorwurf traf eigentlich nur unseren Kollegen Rosengren aus Schweden, der uns einführte in seine Forschungspraxis der »mentions«. Im übrigen waren da vor allem Vertreter einer liberalisierten Didaktik, die sich sowohl gegen die autoritäre Bedeutungsfestlegung des Lehrenden im Unterricht als gegen den traditionellen Kanon aussprachen, und es gab die »kritischen« Hermeneutiker, mit anderen Worten die dekonstruktivistisch sozialisierten Philosophen, Feministen, Postkolonialisten. Dies war ein buntes Völkchen und die Diskussion war rege. Im großen und ganzen stand man dem Radikalen Konstruktivismus aufnahmebereit gegenüber, zumal Schmidt (aber auch von Glasersfeld und Rusch) mit unermüdlicher Geduld die Bedenken in ausgreifenden Erwiderungsexkursen zu zerstreuen vermochten. Das bringt mich zu einer Beobachtung, die ich den Lesern nicht vorenthalten will. Schmidt hat eine außerordentliche Gabe, in der mündlichen Entgegnung den Gesprächspartner zur Konsensbereitschaft zu bringen, und zwar nicht über rhetorische Verführungskünste, sondern über die striktest mögliche argumentative Systematik. Bedenken, die man eventuell hat, kommen erst dann erneut auf, wenn man mit seinen Gedanken wieder allein ist. Die überzeugende Argumentation im Gespräch ist für Schmidt meines Wissens nur mit einem Gesprächspartner nicht erreichbar, nämlich mit Norbert Groeben. Streitgespräche zwischen Schmidt und Groeben können für Zuhörer (vor allem junge Menschen, die nicht erlebt haben, dass der Streit des einen Primus gegen den anderen ohne Zuhörerschaft sofort verfliegt) bedrohlich wirken. Sie haben die Neigung, sich ins Unversöhnliche zu potenzieren und sind durch die etwas gewagte Ironie auf der einen Seite und durch den bitteren Ernst auf der anderen auch kaum auf einer höheren Ebene der Gattung Streitgespräch in Übereinstimmung zu bringen.

Nun aber zurück zum Radikalen Konstruktivismus, Standort Bloomington. Ich hatte die Ehre, einen Diskussionsbeitrag zu Schmidts Radikalem Konstruktivismus zu liefern. Vorausgesetzt sei, dass ich über meine vor langen Jahren erworbene Kenntnis der Schriften Nietzsches auf die epistemologischen Voraussetzungen konstruktivistischer Philosophie gut vorbereitet war. So heißt es bei Nietzsche in »Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne«: »Es ist schwierig, sich einzugestehen, wie das Insekt oder der Vogel eine ganz andere Welt perzipieren als der Mensch, und daß die Frage, welche von beiden Weltperzeptionen richtiger ist, eine ganz sinnlose ist, da hierzu bereits mit dem Maßstabe der richtigen Perzeption, d.h. mit einem nicht vorhandenen Maßstabe, gemessen werden müßte« (Nietzsche 1960, Band III, 316 f.). Es war also kein Problem für mich, im Hause Bleich am Abend Ernst von Glasersfelds Erzählungen über Wahrnehmungsexperimente bei Fröschen zu folgen. Dass keine »unabhängige« Wahrnehmung der »Umgebung« möglich ist, ist überzeugend nachgewiesen worden. Sollte man dieser Umgebung deshalb aber jede ontologische Autonomie absprechen? Wie soll man Epistemologie und Ontologie hierarchisch einander zuordnen? Gibt Nietzsche darauf eine Antwort? »In dem Phänomenalismus der ›inneren Welt‹ kehren wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um. Die Grundtatsache der ›inneren Erfahrung‹ ist, daß die Ursache imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist« (Nietzsche 1960, Band III, 804), »und erst die gefundene Ursache tritt ins Bewußtsein« (ibid.). Dies deutet darauf hin, dass ihm, wie den Konstruktivisten, die Epistemologie weit wichtiger war als eine wo auch immer und wie auch immer zu konzipierende Ontologie. Und wo er meint: »Unsere heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf oberste Werte sind Urteile unserer Muskeln« (Nietzsche 1960, Band III, 707) leistet er der Neurowissenschaft einen guten Dienst.

Trotz alledem brachte ich in Bloomington meine Einwände vor. Für den »inner circle« der Radikalen Konstruktivisten war ich nicht reif. Undeutlich war mir nämlich, ob zur Entwicklung einer empirischen Literaturwissenschaft die Epistemologie des Radikalen Konstruktivismus unerlässlich war. Wenn nämlich diese epistemologische Position folgenlos für die Methoden der Forschung blieb (und von einer konstruktivistischen Forschungsmethode im eigentlichen Sinne war nirgendwo die Rede), so war doch alles eher ein Ornament und sollte demzufolge auch die Diskussion nicht völlig beherrschen.

Mein zweiter Einwand betraf die Voraussetzung der parallelisierten Erfahrungen, der geteilten »Unterschiebungen«, die für die Erhaltung der menschlichen Gemeinschaft gerade bei der unterstellten Subjektdependenz unumgänglich ist. Wo Konsens zum Überlebensprinzip wird - wohl verstanden ohne Grundlage in Wahrheit oder Wirklichkeit - kann es zu Immunisierungen kommen. Schließlich fürchtete ich auch, dass der Radikale Konstruktivismus zu einer erneuten Spaltung der Wissenschaftsgebiete in »zwei Kulturen« führen könne, da ich die Wahrscheinlichkeit, dass die Naturwissenschaften sich je den Diskurs des Konstruktivismus eigen machen würden, gering achtete. Dieser Diskurs bedeutete immerhin den Verzicht auf Begriffe wie Wahrheit, Falsifikation, Wirklichkeit, Gültigkeit (Ibsch 1989).

An verschiedenen Orten der Erde wurde die Diskussion fortgesetzt; genannt seien Tel Aviv, Taipei, Budapest, Leuven, Lissabon. Siegfried Schmidts Beharren auf seiner konstruktivistischen Position blieb die gleiche, wurde aber stets verbessert unter Verarbeitung der kritischen Einwände. Er lieferte jedesmal aufs neue Stoff zum intensiven Nachdenken. So wird in neueren Publikationen, z.B. in »Die Zähmung des Blicks« (1998) das Insistieren auf der Subjektdependenz zugunsten der Beschreibung sozialhistorischer und kommunikativer Abhängigkeiten eingeschränkt. Der Begriff »Fakten« (im Sinne von »Gemachtem«) als Gegenbegriff zu »Daten« (im Sinne von »Gegebenem«) taucht auf. Eine Formulierung wie die folgende: Wissenschaft betreibt »- auch im Bereich der sogenannten Geisteswissenschaften - erfahrungsorientierte Forschung im Sinne theoretisch angeleiteter Faktenproduktion zum Zwecke rationaler Problemlösung - Wissenschaft, kurzum, als methodische Zähmung des Blicks« (Schmidt 1998, 124) dürfte für Gegner des Radikalen Konstruktivismus kaum noch Anlass zu erregter Diskussion sein. Auch dass Wissenschaftler nicht mit »stabilen Realitäten« umgehen, sondern mit »experimentell und kommunikativ stabilisierten Beschreibungen oder Unterscheidungen in der Erfahrungswirklichkeit einer Gesellschaft« (125) ist eine konsensfähige Beschreibung wissenschaftlichen Handelns, die das Gefälle zwischen dem Radikalen und dem Kognitiven Konstruktivismus (so wie er von z.B. Groeben vertreten wird) geringer erscheinen lässt. In der Schmidt-Groeben-Kontroverse spielte eben der von Schmidt behauptete Schluss von der Nicht-Existenz subjektunabhängiger Erkenntnis auf die Nicht-Existenz subjektunabhängiger Wirklichkeit eine wichtige Rolle. Nicht, dass Schmidt diesen Schluß widerrufen hätte - aber dadurch, daß er ihm weniger Akzent verleiht und stattdessen mehr die evolutionären Voraussetzungen und sozial-kommunikativ geteilten Erfahrungswirklichkeit(en) in seinen Diskurs einbezieht, trägt er zur Möglichkeit des Gesprächs zwischen beiden Konstruktivismus-Varianten erheblich bei. Schließlich liegt ja auch dem Kognitiven Konstruktivismus der Gedanke an Letztbegründungen und absolute Wahrheitsclaims fern. Ein solches auf Konsens setzendes Gespräch aber gehört zu den Notwendigkeiten der Vertreter der empirischen Literaturwissenschaft, denn es gilt zu bedenken, dass übertriebene Systemzwänge auf beiden Seiten der Aufgabe abträglich sind, die die Empiriker ja auch haben, nämlich dem unbegrenzten, und damit auch ethisch nicht zu rechtfertigenden Differenzdenken dekonstruktivistischer Ansätze entgegenzutreten. Zur Zeit des Entstehens unseres in niederländischer Sprache im Jahre 1992 veröffentlichten Buches »Literatuurwetenschap en cultuuroverdracht« (eine überarbeitete englische Fassung wird unter dem Titel »Knowledge and Commitment: A Problem Oriented Approach to Literary Studies« demnächst erscheinen) haben Douwe Fokkema und ich uns intensiv auf den Radikalen und Kognitiven Konstruktivismus eingelassen und schließlich eine Position gewählt, die die Differenz zwischen beiden so gering wie möglich und doch vertretbar ansetzt.

Ich bin mir bewusst, dass der persönliche und wissenschaftliche Hintergrund eines Forschers/ einer Forscherin bestimmte Grenzen für die Akzeptanz einer Denkrichtung setzt, die weder durch freundschaftliche Verbundenheit noch durch geduldigste Argumentation gänzlich aus der Welt zu schaffen sind. Ich will es bei den wissenschaftlichen Hintergründen belassen. Meine Beschäftigung mit der Geschichte und der Literatur des Holocaust macht es unmöglich, auf die Annahme einer Welt, die nicht durch das Subjekt selbst erzeugt wird, gänzlich zu verzichten. Wäre Nietzsche ein Post-Holocaust-Philosoph, so hätte er manches auch wohl etwas anders formuliert! Gerade auch die Störungen, die bei der Aufnahme dieses Wirklichkeitsbereichs in den der Erfahrung des Individuums auftreten können, lassen es plausibel erscheinen, dass ein »Restbestand« an »Umwelt« angenommen werden muss. Es soll hier nicht eingegangen werden auf die Diskussionen, die zwischen den poststrukturalistischen, narrativistischen Historikern auf der einen und den frame of description-Historikern, die sich auf Popper oder Putnam berufen auf der anderen Seite über das Thema Holocaust geführt wurden und werden (hierzu habe ich mich geäußert in dem Aufsatz »Die Hermeneutik des Holocaust«, der in der Festschrift für H. van Gorp erscheinen wird). Dem (Radikalen) Konstruktivismus geht es nicht um eine »Versprachlichung« (»Vertextung«) der Wirklichkeit - Sprache hat im Konstruktivismus Instrumentcharakter zur Erreichung von Abstimmung und Parallelisierung von Erfahrungen. Es geht mir ausschließlich um die Annahme einer »Realität« oder (wie auch immer genannten) Umwelt, deren subjektive Verarbeitung fraglos ist, deren »Existenz« jedoch, aufgefasst als »cognitive occasion« nur unter beträchtlichen Plausibilitätsverlusten geleugnet werden kann.

Siegfried Schmidt ist einer der großen - vielleicht der einzige - echten Systematiker in unserem Fachbereich. Dafür, dass er diese Rolle auf sich genommen hat, gebührt ihm unsere Hochachtung. Vielleicht fiel es ihm relativ leicht, diese Kompromisslosigkeit heischende Rolle zu ertragen, weil er zugleich als kreativer Künstler tätig war und ist.

Kompromißlosigkeit und Systematizität auch in einem letzten Punkt, den ich aus seiner wissenschaftlichen Arbeit hervorheben möchte, weil er für mich wichtig wurde. Es ist dies die Unterscheidung zwischen der Tatsachen- und der Ästhetik-Konvention. Es folgt aus Schmidts Fiktionalitätsbegriff, den ich eingangs als »Paradigmawechsel« in unserer Wissenschaft hervorgehoben habe, dass eine textuell verankerte Literarität nicht zur Debatte stand. Literatur, aufgefasst als Sozialsystem (siehe Schmidt 1989) hat es mit Handlungsträgern zu tun, mit Produzenten, Rezipienten, Vermittlern, Verarbeitern. Zur Regulierung und Koordination des Verkehrs zwischen diesen Handlungsträgern bilden sich Konventionen heraus. Diese verantworten u.a. die Systemabgrenzung nach außen. Die beiden Konventionen nun sind die Ästhetik- und die Polyvalenz-Konvention für den Bereich, den man als »Literatur lesen« umschreibt (und dann historisch betrachtet seit dem 18. Jahrhundert). Es ist in verschiedenen Publikationen von der Hand empirisch sowohl als hermeneutisch arbeitender Literaturwissenschaftler kritisch auf die rigide Systematik dieser Konventionspaare (und namentlich auf die Ästhetik-Konvention) eingegangen worden. Um mich auf die Niederlande zu beschränken, weise ich auf den Aufsatz von Schram und Steen in SPIEL hin (Schram und Steen 1992, 239-258). Beide würdigen die Systematik Siegfried Schmidts als Anregung für empirische Forschung, meinen jedoch, dass erst eine solche Forschung uns Einsicht in die hochkomplexen Leseprozesse wird verschaffen können. Ich stimme ihnen zu. Eine offene Frage ist immer noch: Was geht eigentlich in einem Leser vor, wenn er in der Konfrontation mit einem Text, der institutionell zur Literatur gerechnet wird, die Tatsachen-Konvention zu unterdrücken bereit ist oder sich dazu genötigt sieht? Welche Restbestände der tatsachenbezogenen Konvention bleiben unter welchen Umständen resistent? Welche Kompensationen treten an die Stelle der Referenzsemantik, mit anderen Worten, wie wird das Konzept der »ästhetischen Normen«, nach denen gehandelt werden sollte (Schmidt 1980), gefasst? Verantworten die sogenannten Sekundärkodierungen die Kompensation? Immer wieder betont Schmidt, im historischen Nacheinander könne ein und derselbe Text entweder der tatsachenbezogenen Konvention oder - später - der ästhetischen Konvention folgend gelesen werden, es sei jedoch nicht möglich, ihn zugleich ästhetisch und tatsachenbezogen zu rezipieren. Das aber ist die Frage, und diese Frage stellt sich mir wiederum bei Reaktionen auf Holocaust-Literatur, ob diese Reaktionen nun von professionellen Lesern (Kritikern) oder von nicht-professionellen Lesern stammen. Schmidt ist zweifellos im Recht, wenn er die Wirksamkeit der Ästhetik-Konvention poniert, ihre präzise Abgrenzung jedoch zur Tatsachen-Konvention ist eine empirische Frage. An anderer Stelle (Ibsch 1984) habe ich eine Leservariable als mögliches Resistenzmotiv gegen die Ästhetik-Konvention in Erwägung gezogen: die Relevanz eines bestimmten Segments aus der Lebenswelt, die die Überführung des Leseprozesses in den Bereich der ästhetischen Normen blockiert. Die Ferne zur Lebenswelt erleichtert die Anwendung ästhetischer Kriteria.

Die Kollegen und Freunde, die Siegfried Schmidt hier aus Anlass seines 60. Geburtstags ehren wollen, stimmen mit ihm in ihrem Interesse für die theoretische Fundierung ihrer Disziplin überein. Immer wieder konnten sie ihre eigene Position nach Maßgabe ihrer Nähe oder Ferne zu Siegfrieds maximaler Anforderung bestimmen. Eine neue Generation ist auf dem Plan und will, so scheint es, in Mehrheit nicht allzu tief auf Fundierungsfragen eingehen. Die Forschung geriert sich in bunter Vielfalt; die Teams der IGEL bilden eine Ausnahme, deren Reichweite beschränkt ist. Wieder einmal sieht es danach aus, dass Gelehrsamkeit (im besten Falle) und Rhetorik (im schlechtesten Falle) die Systematik verdrängen. Siegfried Schmidt - er ist letztlich und endlich ein Perfektionist - wird möglicherweise zur Resignation neigen, auch darum, weil bei einem solchen Rückfall gelegentlich Eifersucht, Pfuscherei und Treulosigkeit auftauchen dort, wo man sie nicht erwartet hatte. So manches Gespräch haben wir geführt nach getaner Arbeit über Familiäres, Erfreuliches, aber auch über Enttäuschungen und manchmal über den gesundheitlichen Druck, unter dem Siegfried hin und wieder seine Leistungen vollbracht hat. Siegfried, Douwe und ich verließen nicht selten etwas eher als andere die gemütliche Abendrunde und kehrten ins Hotel zurück - Senioren geworden inzwischen und erfahren in der Einschätzung der Folgen nächtlichen Aufsitzens für den kommenden (Arbeits)tag.

Siegfried Schmidt wird seinen Weg an seiner neuen Wirkungsstätte unbeirrt weitergehen. Unbeirrt und mit dem ihm eigenen Ernst, setzend auf Kommunikation, Konsens und Überleben trotz oder gerade wegen der autopoietischen Geschlossenheit des individuellen kognitiven Systems. Wenn man, wie er, sei es auch als Kind, die Katastrophe des gerade hinter uns liegenden Jahrhunderts erlebt hat, wird es nicht gelingen, den Ernst als Begleiter abzuschütteln, auch im neuen Jahrtausend der »New Economics« nicht.

Douwe und ich möchten Dir, Siegfried, zum Schluss sagen: Du hast es gut gemacht, sehr gut, und was den Perfektionismus betrifft - der ist so schlecht noch nicht. Höre! Rabbi Jehuda teilt Rabbi Jischmael mit, er sei beschäftigt, die Tora abzuschreiben, woraufhin ihm Rabbi Jischmael folgendes mit auf den Weg gibt: Mein Sohn sei vorsichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist eine Gottesarbeit; wenn du nur einen Buchstaben auslassest oder einen Buchstaben zu viel schreibst, zerstörst du die ganze Welt.


Bibliographie

Fokkema, D.W. and Elrud Ibsch, (1977), Theories of Literature in the Twentieth Century: Structuralism, Marxism, Aesthetics of Reception, Semiotics, London: C. Hurst.

Fokkema, Douwe und Elrud Ibsch, (1992), Literatuurwetenschap en cultuuroverdracht. Muiderberg: Coutinho; überarbeitete englische Fassung: Knowledge and Commitment: A Problem Oriented Approach to Literary Studies. Amsterdam: John Benjamins, im Druck.

Ibsch, Elrud, (1984), »Ästhetische Innovation und Alltagswelt«, SPIEL 3, H. 1, 1-26.

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Ingen, Ferdinand van, Elrud Ibsch, Hans de Leeuwe, Frank C. Maatje (Hgg.), (1972), Dichter und Leser. Studien zur Literatur. Groningen: Wolters-Noordhoff.

Maatje, Frank C., (1970), Literatuurwetenschap. Grondslagen van een theorie van het literaire werk. Utrecht: A. Oosthoek‘s Uitgeversmaatschappij.

Nietzsche, Friedrich, (1960), Werke in drei Bänden, herausgegeben von Karl Schlechta. München: Hanser.

Schmidt, Siegfried J., (1972), »Ist ›Fiktionalität‹ eine linguistische oder eine texttheoretische Kategorie?«, in: Elisabeth Gülich und Wolfgang Raible (Hgg.): Textsorten. Differenzierungskriterien aus linguistischer Sicht. Frankfurt a.M.: Athenäum, 59-71.

Schmidt, Siegfried J., (1980), Grundriß der empirischen Literaturwissenschaft. Teilband 1: Der Gesellschaftliche Handlungsbereich Literatur. Braunschweig/ Wiesbaden: Vieweg.

Schmidt, Siegfried J. (Hg.), (1987), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Schmidt, Siegfried J., (1989), Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Schmidt, Siegfried J., (1998), Die Zähmung des Blicks. Konstruktivismus, Empirie, Wissenschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Schram, Dick H. und Gerard J. Steen, (1992), »›But what is literature?‹ A Programmatic Answer from the Empirical Study of Literature«, SPIEL 11, H. 2, 239-258.