Elrud Ibsch

Der Stein der Weisen - der Stein des (Denk)Anstoßes:
Die Begegnung mit Siegfried Schmidt

   
             
 
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Hierzulande, d.h. in den Niederlanden, und genauer lokalisiert an der Universität Utrecht, meiner alma mater, an der ich auch die ersten Schritte als Lehrende gesetzt hatte, hallte, wenn mein Doktorvater Hans Teesing las, der Beispielsatz »Morgen war Weihnachten« durch die Vorlesungsräume. Auch war die Rede vom »Kontinuum der Reflexion« und von der »polyphonen Harmonie«. Hamburger, Emrich und Ingarden garantierten die Wesensmerkmale und Funktionen von Literatur. Las dagegen mein Kollege Frank Maatje, so wurden Begriffe wie Entscheidungsmechanismus, Axiom und interner Bau von Theorien laut und gipfelte dies alles im Axiom der Nicht-Referentialität von sprachlichen Zeichen in Literatur, derzufolge auch Ortsnamen, Zeitangaben und die Namen historischer Personen letztendlich aufgenommen werden in die internen Beziehungen der Sprachzeichen untereinander. Damit verlieren sie selbstredend ihre denotative Funktion mit Bezug auf außertextliche Sachverhalte.

Frank Maatje hatte gerade damit angefangen, aus dem Manuskript seines in Vorbereitung befindlichen Buches vorzulesen (»Literatuurwetenschap. Grondslagen van een theorie van het literaire werk«), als er neben einer sich offenbarenden schweren Erkrankung auch noch einen Unfall erlitt. Als Assistentin fiel mir die Aufgabe zu, die Behandlung seines Manuskripts in den Vorlesungen fortzusetzen. Die Studenten reagierten mit Einwänden auf Maatjes Axiom. Wir schrieben schließlich 1970, und niemand fühlte sich behaglich in der Axiomatik, die im Grunde genommen jede Diskussion blockierte: die mit der marxistischen Lehre vertrauten Studenten waren nicht zufrieden, die literaturgeschichtlich ausgebildeten ebensowenig und auch die Dozentin nicht, die gerade begonnen hatte, sich für die bei Südostwind - der bei uns ja selten weht - langsam aus Konstanz heraufwehende Rezeptionsästhetik zu interessieren.

Zur gleichen Zeit musste mit dem erkrankten Kollegen auch noch die Festschrift für Hans Teesing redigiert werden, mit der Konsequenz, daß das Vorwort ein Kompromiss wurde. Der Sammelband erhielt den Titel »Dichter und Leser«, aber dem Leser wurde der Raum bei jeder Korrektur des Vorworts knapper bemessen. Es wurde vorsichtig vom »Nachvollzug« (Ingarden) zum »Mitvollzug« des Lesers (Iser, Mukarovský) übergegangen, aber es durfte die Rede von der »verfälschenden« Konkretisation natürlich nicht fehlen (o.c. 3, 4). Schließlich kannten Hans Teesing und Frank Maatje René Wellek ja auch besser als Hans-Robert Jauss und Wolfgang Iser. Und auch das ist, wie wir wissen, im wissenschaftlichen Betrieb nicht ohne Bedeutung.

In diese Situation hinein platzte geradezu Siegfried J. Schmidts Beitrag »Ist ›Fiktionalität‹ eine linguistische oder eine texttheoretische Kategorie?« (1972). Texttypen aufgefaßt als »Typen sozio-kommunikativen Handelns«, als »Funktionstypen« (o.c. 59), wobei textübergreifende Faktoren mitberücksichtigt werden müssen! Diese Einsichten, niedergelegt in einem Sammelband, in dem renommierte Linguisten vertreten waren, bedeuteten für mich wirklich so etwas wie wissenschaftlichen Fortschritt, nach dem ich in unserer Disziplin bislang vergeblich Ausschau gehalten hatte. Auch Konstanz ließ eine solche Klarheit in der Diktion vermissen, so kenntnisreich und belesen man sich in dieser Hermeneutik auch auszudrücken wusste.

Siegfried Schmidt hatte die Entgegnung auf Frank Maatjes Axiom bereitgestellt: »Nicht Sprache bezieht sich auf Wirklichkeit, sondern Sprecher interpretieren in kommunikativen Handlungsspielen Textkonstituenten (in Übereinstimmung mit Regeln, die im Verlauf des Spracherlernungs- und Sozialisationsprozesses erworben werden) als Instruktionen, sich auf Wirklichkeit (...) zu beziehen« (o.c. 63). Nicht nur wurde hiermit deutlich, wie Maatje zu erwidern war, zugleich erledigte sich auch die Rede vom Nach- bzw. Mitvollzug. Die Aufgabe des Rezipienten wurde unmissverständlich umschrieben als Realisierung der Instruktionen zur Referenzaufnahme, und zwar in semantischer wie auch pragmasemantischer Rezeption. ›Fiktionalität‹ wurde bestimmt als soziale Erwartungsgröße, die historisch variabel ist, womit auch die Literaturhistoriker zufriedengestellt werden konnten.

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Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Literatur

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