Elrud Ibsch
Der Stein der Weisen - der Stein des (Denk)Anstoßes:
Die Begegnung mit Siegfried Schmidt
Abschnitt 2

   
             
 
   Home    
   

Irgendwann folgte dann die persönliche Begegnung. Sie fiel zeitlich etwa zusammen mit der Begegnung mit Norbert Groeben und wurde wichtig für mich: mit diesen beiden Kollegen aus Deutschland konnte ich unsere, insbesondere von Douwe Fokkema gepflegten atlantischen wissenschaftlichen Beziehungen ergänzen und möglicherweise ersetzen. In den atlantischen Beziehungen fehlte mir nämlich etwas wichtiges: das Deutsch als Wissenschaftssprache. Inzwischen wurde ich dann irgendwann zum Ordinarius an der Vrije Universiteit in Amsterdam ernannt und hatte ich mit Douwe das Handbuch »Theories of Literature in the Twentieth Century« (1977) veröffentlicht, in dem wir den (französischen) Strukturalismus, den Marxismus, die Rezeptionsästhetik und die Semiotik nach unserem besten Wissen beschrieben und auf die jeweiligen Entwicklungschancen abgeklopft hatten. Bei Durchsicht fällt mir heute auf, daß Siegfried Schmidt dreimal Erwähnung findet: zweimal im Rahmen der Textrezeption und einmal in seiner analytisch-philosophisch fundierten Kritik an der transzendentalen Hermeneutik sensu Habermas und Apel. Seither haben wir - habe ich - nahezu alle Veröffentlichungen von Schmidt gelesen. Das ergab sich zwangsläufig aus den Interessengebieten, die in »Theories of Literature« bereits in den Vordergrund getreten waren: Bedeutungszuschreibung und Wissenschaftsphilosophie.

In den Niederlanden war Siegfried Schmidt bald ein gern gesehener Gast: bei Teun van Dijk zunächst, dem er als Textwissenschaftler/ Linguist nahestand und dessen scharfe Polemik gegen die traditionelle Literaturwissenschaft ihm zusagen musste; hatte Schmidt mit seinen Schülern doch die NIKOL - die Nicht Konventionelle Literaturwissenschaft - in Siegen ausgerufen! Gast und gern gesehen auch bei Hugo Verdaasdonk und Kees van Rees, bei Horst Steinmetz und eben auch bei Douwe Fokkema und Elrud Ibsch. Siegfried hatte bereits verwirklicht, woran wir hier arbeiteten, nämlich Forschungsteams zusammenzustellen, mit deren Mitgliedern sich täglich im Institut Gespräche über das gemeinsame Forschungsprojekt führen ließen. Ein solcher Austausch erschien uns um so vieles fruchtbarer als der Rilke-Leseerfahrung des älteren Ordinarius zuhören zu müssen. Dass bei dieser Be- bzw. Verurteilung des Rilke-Lesens manches ungerecht und aufmüpfig war, sei zugegeben. Aber wir verlangten eben Systematik, Methode, Intersubjektivität und relevante Fragestellungen.

Siegfried Schmidt war die geeignete Persönlichkeit, uns vorzuführen, wie man so etwas zu vollbringen vermag. Ein geborener Systematiker, wie er es ist, fängt natürlich nicht bei dem Sozialsystem der Literatur an, sondern ab ovo, d.h. bei der autopoietischen Einrichtung des menschlichen Gehirns. Er stützt sich dabei auf eine Forschungstradition, die davon ausgeht, daß Wahrnehmungen sich nicht in den Sinnesorganen vollziehen, sondern über neuronale Prozesse stattfinden. Es ist nicht so, dass der Mensch auf die Wirklichkeit reagiert, gleichsam nach dem Stimulus-Respons Modell, sondern das operationell geschlossene System des Gehirns hat alle Information gespeichert und operiert auf der Grundlage früherer interner Erfahrungen und evolutionärer Festlegungen: »Das Gehirn ›kann nur (für sich und in sich selbst) präsentieren, es kann nur konstruieren‹« (Schmidt 1987, 15). Ohne hier weitere (Zwischen)Schritte im einzelnen anzuführen, umschreibe ich das Grundprinzip des Radikalen Konstruktivismus, das Siegfried Schmidt in die Literaturwissenschaft eingebracht hat: ein Organismus erzeugt seine Welt selbst. Die »Subjektdependenz allen Wissens« wurde zum Stein der Weisen und zugleich zum Stein des Anstoßes.

Man rufe sich die Situation in Erinnerung oder stelle sie sich vor: die empirische Literaturwissenschaft, von Siegfried Schmidt und seinen Mitarbeitern nicht ohne große Widerstände institutionell in der Fakultät, die für Sprache und Literatur verantwortlich gehalten wird, verankert, wurde für manchen Literaturwissenschaftler in Deutschland und im Ausland beispielhaft. Auch Linguisten, Psychologen, Soziologen fühlten sich angesprochen und kamen, bereit zur Zusammenarbeit, im Jahre 1987, dem Gründungsjahr der Internationalen Gesellschaft für Empirische Literaturwissenschaft (IGEL) nach Siegen. Eine phantastische Konferenz! Wir hatten ein gemeinsames Ziel: der hermeneutischen Introspektion überprüfbare Resultate aus dem gesellschaftlichen Handlungssystem Literatur entgegenzusetzen. Einige von uns basierten sich dabei auf die Intersubjektivität, andere hielten es - immer noch - mit der Objektivität. Wovon aber sprach Siegfried? In einem ausgearbeiteten Referat insistierte er auf der Subjektdependenz! Nicht nur, daß für manch einen Teilnehmer der Abstand zwischen der Subjektdependenz und der Introspektion plötzlich erschreckend klein wurde, ärger war, dass die eigens für die Konferenz präparierten Tabellen und statistischen Bearbeitungen verschiedener Teilnehmer in Schmidts Augen nur wenig Gnade fanden, in der Hitze der Diskussion als positivistische Restbestände ihren Glanz verloren und nur auf der epistemologischen Grundlage des Radikalen Konstruktivismus noch einigen Anspruch auf Relevanz erhalten konnten - selbstredend nur in bescheidener Position und in der Diktion der konstruktivistischen Lehre.

nach oben

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Literatur

Druckversion