Elrud Ibsch
Der Stein der Weisen - der Stein des (Denk)Anstoßes:
Die Begegnung mit Siegfried Schmidt
Abschnitt 3

   
             
 
   Home    
   

Ein Jahr zuvor waren Radikaler Konstruktivismus und »Positivismus« einander in Bloomington bereits begegnet. Wir waren Gäste von David Bleich, und Ernst von Glasersfeld war auch dabei. Der Positivismusvorwurf traf eigentlich nur unseren Kollegen Rosengren aus Schweden, der uns einführte in seine Forschungspraxis der »mentions«. Im übrigen waren da vor allem Vertreter einer liberalisierten Didaktik, die sich sowohl gegen die autoritäre Bedeutungsfestlegung des Lehrenden im Unterricht als gegen den traditionellen Kanon aussprachen, und es gab die »kritischen« Hermeneutiker, mit anderen Worten die dekonstruktivistisch sozialisierten Philosophen, Feministen, Postkolonialisten. Dies war ein buntes Völkchen und die Diskussion war rege. Im großen und ganzen stand man dem Radikalen Konstruktivismus aufnahmebereit gegenüber, zumal Schmidt (aber auch von Glasersfeld und Rusch) mit unermüdlicher Geduld die Bedenken in ausgreifenden Erwiderungsexkursen zu zerstreuen vermochten. Das bringt mich zu einer Beobachtung, die ich den Lesern nicht vorenthalten will. Schmidt hat eine außerordentliche Gabe, in der mündlichen Entgegnung den Gesprächspartner zur Konsensbereitschaft zu bringen, und zwar nicht über rhetorische Verführungskünste, sondern über die striktest mögliche argumentative Systematik. Bedenken, die man eventuell hat, kommen erst dann erneut auf, wenn man mit seinen Gedanken wieder allein ist. Die überzeugende Argumentation im Gespräch ist für Schmidt meines Wissens nur mit einem Gesprächspartner nicht erreichbar, nämlich mit Norbert Groeben. Streitgespräche zwischen Schmidt und Groeben können für Zuhörer (vor allem junge Menschen, die nicht erlebt haben, dass der Streit des einen Primus gegen den anderen ohne Zuhörerschaft sofort verfliegt) bedrohlich wirken. Sie haben die Neigung, sich ins Unversöhnliche zu potenzieren und sind durch die etwas gewagte Ironie auf der einen Seite und durch den bitteren Ernst auf der anderen auch kaum auf einer höheren Ebene der Gattung Streitgespräch in Übereinstimmung zu bringen.

Nun aber zurück zum Radikalen Konstruktivismus, Standort Bloomington. Ich hatte die Ehre, einen Diskussionsbeitrag zu Schmidts Radikalem Konstruktivismus zu liefern. Vorausgesetzt sei, dass ich über meine vor langen Jahren erworbene Kenntnis der Schriften Nietzsches auf die epistemologischen Voraussetzungen konstruktivistischer Philosophie gut vorbereitet war. So heißt es bei Nietzsche in »Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne«: »Es ist schwierig, sich einzugestehen, wie das Insekt oder der Vogel eine ganz andere Welt perzipieren als der Mensch, und daß die Frage, welche von beiden Weltperzeptionen richtiger ist, eine ganz sinnlose ist, da hierzu bereits mit dem Maßstabe der richtigen Perzeption, d.h. mit einem nicht vorhandenen Maßstabe, gemessen werden müßte« (Nietzsche 1960, Band III, 316 f.). Es war also kein Problem für mich, im Hause Bleich am Abend Ernst von Glasersfelds Erzählungen über Wahrnehmungsexperimente bei Fröschen zu folgen. Dass keine »unabhängige« Wahrnehmung der »Umgebung« möglich ist, ist überzeugend nachgewiesen worden. Sollte man dieser Umgebung deshalb aber jede ontologische Autonomie absprechen? Wie soll man Epistemologie und Ontologie hierarchisch einander zuordnen? Gibt Nietzsche darauf eine Antwort? »In dem Phänomenalismus der ›inneren Welt‹ kehren wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um. Die Grundtatsache der ›inneren Erfahrung‹ ist, daß die Ursache imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist« (Nietzsche 1960, Band III, 804), »und erst die gefundene Ursache tritt ins Bewußtsein« (ibid.). Dies deutet darauf hin, dass ihm, wie den Konstruktivisten, die Epistemologie weit wichtiger war als eine wo auch immer und wie auch immer zu konzipierende Ontologie. Und wo er meint: »Unsere heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf oberste Werte sind Urteile unserer Muskeln« (Nietzsche 1960, Band III, 707) leistet er der Neurowissenschaft einen guten Dienst.

Trotz alledem brachte ich in Bloomington meine Einwände vor. Für den »inner circle« der Radikalen Konstruktivisten war ich nicht reif. Undeutlich war mir nämlich, ob zur Entwicklung einer empirischen Literaturwissenschaft die Epistemologie des Radikalen Konstruktivismus unerlässlich war. Wenn nämlich diese epistemologische Position folgenlos für die Methoden der Forschung blieb (und von einer konstruktivistischen Forschungsmethode im eigentlichen Sinne war nirgendwo die Rede), so war doch alles eher ein Ornament und sollte demzufolge auch die Diskussion nicht völlig beherrschen.

Mein zweiter Einwand betraf die Voraussetzung der parallelisierten Erfahrungen, der geteilten »Unterschiebungen«, die für die Erhaltung der menschlichen Gemeinschaft gerade bei der unterstellten Subjektdependenz unumgänglich ist. Wo Konsens zum Überlebensprinzip wird - wohl verstanden ohne Grundlage in Wahrheit oder Wirklichkeit - kann es zu Immunisierungen kommen. Schließlich fürchtete ich auch, daß der Radikale Konstruktivismus zu einer erneuten Spaltung der Wissenschaftsgebiete in »zwei Kulturen« führen könne, da ich die Wahrscheinlichkeit, dass die Naturwissenschaften sich je den Diskurs des Konstruktivismus eigen machen würden, gering achtete. Dieser Diskurs bedeutete immerhin den Verzicht auf Begriffe wie Wahrheit, Falsifikation, Wirklichkeit, Gültigkeit (Ibsch 1989).

An verschiedenen Orten der Erde wurde die Diskussion fortgesetzt; genannt seien Tel Aviv, Taipei, Budapest, Leuven, Lissabon. Siegfried Schmidts Beharren auf seiner konstruktivistischen Position blieb die gleiche, wurde aber stets verbessert unter Verarbeitung der kritischen Einwände. Er lieferte jedesmal aufs neue Stoff zum intensiven Nachdenken. So wird in neueren Publikationen, z.B. in »Die Zähmung des Blicks« (1998) das Insistieren auf der Subjektdependenz zugunsten der Beschreibung sozialhistorischer und kommunikativer Abhängigkeiten eingeschränkt. Der Begriff »Fakten« (im Sinne von »Gemachtem«) als Gegenbegriff zu »Daten« (im Sinne von »Gegebenem«) taucht auf. Eine Formulierung wie die folgende: Wissenschaft betreibt »- auch im Bereich der sogenannten Geisteswissenschaften - erfahrungsorientierte Forschung im Sinne theoretisch angeleiteter Faktenproduktion zum Zwecke rationaler Problemlösung - Wissenschaft, kurzum, als methodische Zähmung des Blicks« (Schmidt 1998, 124) dürfte für Gegner des Radikalen Konstruktivismus kaum noch Anlass zu erregter Diskussion sein. Auch daß Wissenschaftler nicht mit »stabilen Realitäten« umgehen, sondern mit »experimentell und kommunikativ stabilisierten Beschreibungen oder Unterscheidungen in der Erfahrungswirklichkeit einer Gesellschaft« (125) ist eine konsensfähige Beschreibung wissenschaftlichen Handelns, die das Gefälle zwischen dem Radikalen und dem Kognitiven Konstruktivismus (so wie er von z.B. Groeben vertreten wird) geringer erscheinen lässt. In der Schmidt-Groeben-Kontroverse spielte eben der von Schmidt behauptete Schluss von der Nicht-Existenz subjektunabhängiger Erkenntnis auf die Nicht-Existenz subjektunabhängiger Wirklichkeit eine wichtige Rolle. Nicht, dass Schmidt diesen Schluß widerrufen hätte - aber dadurch, dass er ihm weniger Akzent verleiht und stattdessen mehr die evolutionären Voraussetzungen und sozial-kommunikativ geteilten Erfahrungswirklichkeit(en) in seinen Diskurs einbezieht, trägt er zur Möglichkeit des Gesprächs zwischen beiden Konstruktivismus-Varianten erheblich bei. Schließlich liegt ja auch dem Kognitiven Konstruktivismus der Gedanke an Letztbegründungen und absolute Wahrheitsclaims fern. Ein solches auf Konsens setzendes Gespräch aber gehört zu den Notwendigkeiten der Vertreter der empirischen Literaturwissenschaft, denn es gilt zu bedenken, dass übertriebene Systemzwänge auf beiden Seiten der Aufgabe abträglich sind, die die Empiriker ja auch haben, nämlich dem unbegrenzten, und damit auch ethisch nicht zu rechtfertigenden Differenzdenken dekonstruktivistischer Ansätze entgegenzutreten. Zur Zeit des Entstehens unseres in niederländischer Sprache im Jahre 1992 veröffentlichten Buches »Literatuurwetenschap en cultuuroverdracht« (eine überarbeitete englische Fassung wird unter dem Titel »Knowledge and Commitment: A Problem Oriented Approach to Literary Studies« demnächst erscheinen) haben Douwe Fokkema und ich uns intensiv auf den Radikalen und Kognitiven Konstruktivismus eingelassen und schließlich eine Position gewählt, die die Differenz zwischen beiden so gering wie möglich und doch vertretbar ansetzt.

Ich bin mir bewusst, dass der persönliche und wissenschaftliche Hintergrund eines Forschers/ einer Forscherin bestimmte Grenzen für die Akzeptanz einer Denkrichtung setzt, die weder durch freundschaftliche Verbundenheit noch durch geduldigste Argumentation gänzlich aus der Welt zu schaffen sind. Ich will es bei den wissenschaftlichen Hintergründen belassen. Meine Beschäftigung mit der Geschichte und der Literatur des Holocaust macht es unmöglich, auf die Annahme einer Welt, die nicht durch das Subjekt selbst erzeugt wird, gänzlich zu verzichten. Wäre Nietzsche ein Post-Holocaust-Philosoph, so hätte er manches auch wohl etwas anders formuliert! Gerade auch die Störungen, die bei der Aufnahme dieses Wirklichkeitsbereichs in den der Erfahrung des Individuums auftreten können, lassen es plausibel erscheinen, dass ein »Restbestand« an »Umwelt« angenommen werden muss. Es soll hier nicht eingegangen werden auf die Diskussionen, die zwischen den poststrukturalistischen, narrativistischen Historikern auf der einen und den frame of description-Historikern, die sich auf Popper oder Putnam berufen auf der anderen Seite über das Thema Holocaust geführt wurden und werden (hierzu habe ich mich geäußert in dem Aufsatz »Die Hermeneutik des Holocaust«, der in der Festschrift für H. van Gorp erscheinen wird). Dem (Radikalen) Konstruktivismus geht es nicht um eine »Versprachlichung« (»Vertextung«) der Wirklichkeit - Sprache hat im Konstruktivismus Instrumentcharakter zur Erreichung von Abstimmung und Parallelisierung von Erfahrungen. Es geht mir ausschließlich um die Annahme einer »Realität« oder (wie auch immer genannten) Umwelt, deren subjektive Verarbeitung fraglos ist, deren »Existenz« jedoch, aufgefasst als »cognitive occasion« nur unter beträchtlichen Plausibilitätsverlusten geleugnet werden kann.

nach oben

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Literatur

Druckversion