Elrud Ibsch
Der Stein der Weisen - der Stein des (Denk)Anstoßes:
Die Begegnung mit Siegfried Schmidt
Abschnitt 4

   
             
 
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Siegfried Schmidt ist einer der großen - vielleicht der einzige - echten Systematiker in unserem Fachbereich. Dafür, dass er diese Rolle auf sich genommen hat, gebührt ihm unsere Hochachtung. Vielleicht fiel es ihm relativ leicht, diese Kompromisslosigkeit heischende Rolle zu ertragen, weil er zugleich als kreativer Künstler tätig war und ist.

Kompromisslosigkeit und Systematizität auch in einem letzten Punkt, den ich aus seiner wissenschaftlichen Arbeit hervorheben möchte, weil er für mich wichtig wurde. Es ist dies die Unterscheidung zwischen der Tatsachen- und der Ästhetik-Konvention. Es folgt aus Schmidts Fiktionalitätsbegriff, den ich eingangs als »Paradigmawechsel« in unserer Wissenschaft hervorgehoben habe, dass eine textuell verankerte Literarität nicht zur Debatte stand. Literatur, aufgefaßt als Sozialsystem (siehe Schmidt 1989) hat es mit Handlungsträgern zu tun, mit Produzenten, Rezipienten, Vermittlern, Verarbeitern. Zur Regulierung und Koordination des Verkehrs zwischen diesen Handlungsträgern bilden sich Konventionen heraus. Diese verantworten u.a. die Systemabgrenzung nach außen. Die beiden Konventionen nun sind die Ästhetik- und die Polyvalenz-Konvention für den Bereich, den man als »Literatur lesen« umschreibt (und dann historisch betrachtet seit dem 18. Jahrhundert). Es ist in verschiedenen Publikationen von der Hand empirisch sowohl als hermeneutisch arbeitender Literaturwissenschaftler kritisch auf die rigide Systematik dieser Konventionspaare (und namentlich auf die Ästhetik-Konvention) eingegangen worden. Um mich auf die Niederlande zu beschränken, weise ich auf den Aufsatz von Schram und Steen in SPIEL hin (Schram und Steen 1992, 239-258). Beide würdigen die Systematik Siegfried Schmidts als Anregung für empirische Forschung, meinen jedoch, dass erst eine solche Forschung uns Einsicht in die hochkomplexen Leseprozesse wird verschaffen können. Ich stimme ihnen zu. Eine offene Frage ist immer noch: Was geht eigentlich in einem Leser vor, wenn er in der Konfrontation mit einem Text, der institutionell zur Literatur gerechnet wird, die Tatsachen-Konvention zu unterdrücken bereit ist oder sich dazu genötigt sieht? Welche Restbestände der tatsachenbezogenen Konvention bleiben unter welchen Umständen resistent? Welche Kompensationen treten an die Stelle der Referenzsemantik, mit anderen Worten, wie wird das Konzept der »ästhetischen Normen«, nach denen gehandelt werden sollte (Schmidt 1980), gefasst? Verantworten die sogenannten Sekundärkodierungen die Kompensation? Immer wieder betont Schmidt, im historischen Nacheinander könne ein und derselbe Text entweder der tatsachenbezogenen Konvention oder - später - der ästhetischen Konvention folgend gelesen werden, es sei jedoch nicht möglich, ihn zugleich ästhetisch und tatsachenbezogen zu rezipieren. Das aber ist die Frage, und diese Frage stellt sich mir wiederum bei Reaktionen auf Holocaust-Literatur, ob diese Reaktionen nun von professionellen Lesern (Kritikern) oder von nicht-professionellen Lesern stammen. Schmidt ist zweifellos im Recht, wenn er die Wirksamkeit der Ästhetik-Konvention poniert, ihre präzise Abgrenzung jedoch zur Tatsachen-Konvention ist eine empirische Frage. An anderer Stelle (Ibsch 1984) habe ich eine Leservariable als mögliches Resistenzmotiv gegen die Ästhetik-Konvention in Erwägung gezogen: die Relevanz eines bestimmten Segments aus der Lebenswelt, die die Überführung des Leseprozesses in den Bereich der ästhetischen Normen blockiert. Die Ferne zur Lebenswelt erleichtert die Anwendung ästhetischer Kriteria.

Die Kollegen und Freunde, die Siegfried Schmidt hier aus Anlass seines 60. Geburtstags ehren wollen, stimmen mit ihm in ihrem Interesse für die theoretische Fundierung ihrer Disziplin überein. Immer wieder konnten sie ihre eigene Position nach Maßgabe ihrer Nähe oder Ferne zu Siegfrieds maximaler Anforderung bestimmen. Eine neue Generation ist auf dem Plan und will, so scheint es, in Mehrheit nicht allzu tief auf Fundierungsfragen eingehen. Die Forschung geriert sich in bunter Vielfalt; die Teams der IGEL bilden eine Ausnahme, deren Reichweite beschränkt ist. Wieder einmal sieht es danach aus, dass Gelehrsamkeit (im besten Falle) und Rhetorik (im schlechtesten Falle) die Systematik verdrängen. Siegfried Schmidt - er ist letztlich und endlich ein Perfektionist - wird möglicherweise zur Resignation neigen, auch darum, weil bei einem solchen Rückfall gelegentlich Eifersucht, Pfuscherei und Treulosigkeit auftauchen dort, wo man sie nicht erwartet hatte. So manches Gespräch haben wir geführt nach getaner Arbeit über Familiäres, Erfreuliches, aber auch über Enttäuschungen und manchmal über den gesundheitlichen Druck, unter dem Siegfried hin und wieder seine Leistungen vollbracht hat. Siegfried, Douwe und ich verließen nicht selten etwas eher als andere die gemütliche Abendrunde und kehrten ins Hotel zurück - Senioren geworden inzwischen und erfahren in der Einschätzung der Folgen nächtlichen Aufsitzens für den kommenden (Arbeits)tag.

Siegfried Schmidt wird seinen Weg an seiner neuen Wirkungsstätte unbeirrt weitergehen. Unbeirrt und mit dem ihm eigenen Ernst, setzend auf Kommunikation, Konsens und Überleben trotz oder gerade wegen der autopoietischen Geschlossenheit des individuellen kognitiven Systems. Wenn man, wie er, sei es auch als Kind, die Katastrophe des gerade hinter uns liegenden Jahrhunderts erlebt hat, wird es nicht gelingen, den Ernst als Begleiter abzuschütteln, auch im neuen Jahrtausend der »New Economics« nicht.

Douwe und ich möchten Dir, Siegfried, zum Schluss sagen: Du hast es gut gemacht, sehr gut, und was den Perfektionismus betrifft - der ist so schlecht noch nicht. Höre! Rabbi Jehuda teilt Rabbi Jischmael mit, er sei beschäftigt, die Tora abzuschreiben, woraufhin ihm Rabbi Jischmael folgendes mit auf den Weg gibt: Mein Sohn sei vorsichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist eine Gottesarbeit; wenn du nur einen Buchstaben auslassest oder einen Buchstaben zu viel schreibst, zerstörst du die ganze Welt.

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