Gebhard Rusch

Von der Empirischen Literaturwissenschaft zum Siegener Konstruktivimus

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Alles hat mit meinem Deutschlehrer begonnen. Hätte er nicht einen so gesellschaftskritischen und sozialwissenschaftlich orientierten Deutschunterricht gemacht, der literarische Texte statt sie zu interpretieren in ihre historischen und sozialen Kontexte einbettete und ihre Funktionen für Autoren und Leser thematisierte, wäre ich wohl nach Berlin gegangen, um dort Publizistik zu studieren. So aber hatte die Schul-Lektüre der Arbeiten Norbert Fügens, Leo Löwenthals, Robert Escarpits u.a. mein Interesse an literatursoziologischen Fragen und an der Buchmarktforschung nachhaltig geweckt. Weil es einen speziellen Studiengang für diese Sachgebiete nicht gab (und bis heute nicht gibt), blieb nur die Möglichkeit, mich entweder über die Soziologie oder die Germanistik/Literaturwissenschaft diesen Problemfeldern zu nähern. Das Reformmodell an der Universität Bielefeld eröffnete mir jedoch Studienmöglichkeiten, die meinen Interessen in geradezu idealer Weise entgegenkamen, weil sie Fächerkombinationen und Studienschwerpunkte gestatteten, die anderswo weder in der Germanistik (klassischen Zuschnitts), noch in der Soziologie geboten wurden.

In meinem ersten Studiensemester im Winter 1975/76 besuchte ich die von Peter Finke und Reinhard Zobel angebotene Veranstaltung >Theorie und Empirie literarischer Kommunikation<. Die Veranstalter, Mitglieder der Projektgruppe >Theorie literarischer Kommunikation (TLK)< um Siegfried J. Schmidt, führten den Begriff der literarischen Kommunikation ein, stellten Vorschläge zu seiner theoretischen Präzisierung vor und entwarfen das weite Panorama eines Gegenstandsbereiches literarischer Kommunikation und ihrer empirischen Erforschung, das von der Produktion über die Vermittlung, Rezeption und Verarbeitung alle Formen literarischen Handelns sowie soziologische, psychologische und historische Analysedimensionen einbeziehen sollte. Das war genau das, was mich interessierte. Praktisch nahtlos konnte ich an die Voraussetzungen und Ideen, an die mir bekannten Konzepte Norbert Fügens, den Begriff des >literarischen Verhaltens<, die >Strukturanalyse<, etc. anschließen. Das Seminar eröffnete Perspektiven für die Verwirklichung meiner Interessen, die meine Erwartungen und Hoffnungen noch weit übertrafen. Entsprechend groß waren meine Begeisterung und mein Engagement beim Verfassen einer Hausarbeit mit dem etwas hochtrabenden Titel >Prolegomena zu einem Modell der literarischen Kommunikation<, in der ich den Versuch unternahm, mich an der Theorieentwicklung zu beteiligen. Mir schwebte ein modulares System von Theoriekomponenten vor, die den jeweiligen Beschreibungs- und Erklärungsanforderungen entsprechend kombiniert werden könnten. Auf diese Weise wollte ich die Theorie möglichst schlank, zugleich aber mit Blick auf die unendliche Zahl literarischer Einzelphänomene besonders leistungsfähig machen.

Diese Arbeit brachte mir im Frühjahr 1976 einen Vortragstermin bei der TLK-Projektgruppe ein, der außer Peter Finke und Reinhard. Zobel auch noch Jan Wirrer und Walter Kindt angehörten, und die geleitet wurde von Siegfried J. Schmidt. Mit dieser sehr anregenden, interdisziplinären Gruppe von Lehrern hatte ich sehr früh eine wissenschaftliche Heimat gefunden. Seit dieser Zeit habe ich - in unterschiedlichen Konstellationen - insbesondere von S. J. Schmidt gelernt, für ihn und mit ihm gearbeitet, als Student und studentische Hilfskraft, später als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl und im Institut LUMIS, als Ko-Autor gemeinsamer Schriften und als Ko-Herausgeber der NIKOL-Buchreihe und des DELFIN.

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Das TLK-Projekt befand sich in seiner zweiten DFG-Förderungsphase als ich im Frühjahr 1976 zu der Bielefelder Forschungsgruppe stieß. Die Projektsitzungen jener Zeit (bis 1979) waren in erster Linie der Überarbeitung und Diskussion der von S. J. Schmidt vorgelegten Manuskripte des ersten Bandes des >Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft< gewidmet; es hat mehrere solcher Überarbeitungen gegeben. Daneben wurden empirische Projekte (z.B. zum Literaturbegriff in der Bundesrepublik, zu Persönlichkeitsvariablen von Schriftstellern, zur Rezeption literarischer Texte, zur Bedeutungseinschätzung von Theaterstücken, etc.) entwickelt, laufende Untersuchungen ausgewertet, Projektberichte verfasst und diskutiert. Es war eine sehr intensive konstruktive Phase theoretischer Reflexion und empirischer Fundierung.

Vorausgegangen war eine - in mehrfachem Sinne - analytische Phase, in der die Gruppe auf einer Linie mit Autoren wie Günther Grewendorf, Eike v. Savigny oder Heide Göttner die literaturwissenschaftliche und philologische Interpretationspraxis untersucht hatte mit dem Resultat, das Interpretieren als wissenschaftliche Operation strikt abzulehnen (darin war die Position Schmidts radikaler als die der anderen Analytiker). Um 1975 (in jenem Jahr erschien der Band >Literaturwissenschaft als argumentierende Wissenschaft<) befand sich die Entwicklung des Ansatzes an der Schwelle von der Analytischen, Rationalen oder Argumentierenden Literaturwissenschaft hin zur Empirischen Literaturwissenschaft, an der Schwelle von der Linguistik zur Sozialwissenschaft. Was Schmidt in dem genannten Band noch als >spekulative Forschungsperspektive< charakterisiert, nämlich eine Literaturwissenschaft >zwischen Linguistik und Sozialpsychologie< nimmt schon wenige Jahre später im Grundriß Gestalt an. Was er hier noch unter dem Stichwort >Empirisierung< mit Blick auf Götz Wienolds und Norbert Groebens Programme in der Semiotik und Literaturpsychologie diskutiert, wird mit dem Grundriß nur fünf Jahre später als alternatives literaturwissenschaftliches Paradigma präsentiert. Nicht genug damit, dass dieser Ansatz eine grundlegende Umorientierung der Literaturwissenschaft von der Teilnahme am literarischen Geschehen (z.B. in der Form des Interpretierens, Kritisierens, Kommentierens) hin zu dessen wissenschaftlicher Analyse (orientiert am Beispiel der Sozialwissenschaften) verlangte, er unterstellte das wissenschaftliche Handeln auch den strengen Anforderungen einer konstruktiv gewendeten analytischen und strukturalistischen Wissenschaftstheorie (i. S.v. P. Finkes Konstruktivem Funktionalismus).

Natürlich wurde meine Aufmerksamkeit während dieser Studienjahre zwischen der Mitarbeit in empirischen Projekten und der Begleitung der laufenden Weiterentwicklung der Empirischen Theorie der Literatur sehr stark auf die sprachanalytischen und wissenschaftsphilosophischen Grundlagen des Ansatzes gelenkt. Ausgehend von der Einsicht, dass die empirische Arbeit wissenschaftlich nur sinnvoll (weil nur dann nachvollziehbar und evaluierbar) betrieben werden kann mit Bezug auf explizite Objekttheorien und innerhalb eines expliziten meta-theoretischen Rahmens (der die zugrunde gelegten epistemologischen Annahmen, den Wissenschaftsbegriff und ethische Grundentscheidungen und Werte angibt), wandte ich mich auch in meiner Examensarbeit wissenschaftstheoretischen Fragen, vor allem dem Versuch einer Klärung des Empiriebegriffes zu. Dies schien mir systematisch aus zwei Gründen besonders erforderlich: erstens war die Klärung des Empiriebegriff für eine Empirische Wissenschaft grundlegend, und zweitens fand ich die Ausführungen dazu bei P. Finke oder S.J. Schmidt selbst unzureichend, besonders mit Blick auf eine im ersten Band des Grundriß noch sehr versteckte Grundannahme zum Aktantenbegriff (S. 22f.). Dort stellt Schmidt auf einer Buchseite die Kognitionsbiologie H.R.Maturanas vor, um den handlungstheoretischen Grundbegriff >Aktant< kognitionsbiologisch genauer zu charakterisieren. Nach meinem Eindruck war diese Charakterisierung nicht nur auf objekttheoretischer Ebene von viel größerer und weitreichenderer Bedeutung als es die Darstellung im Grundriß erkennen ließ, sondern insbesondere auch auf meta-theoretischer Ebene. Schließlich müssten konsequenterweise auch wissenschaftliche Aktanten als kognitive Systeme modelliert werden. Mit diesen Überlegungen habe ich mich dann mehrere Jahre bis zum Abschluss der Promotion 1987 befasst.

Während Schmidt den kognitiven Turn in der wissenschaftstheoretischen Grundlegung der ELW nach seinem Wechsel von Bielefeld nach Siegen im Jahre 1979 dann Mitte der 80-er Jahre mitvollzog und schließlich zu einem bedeutenden Promoter des konstruktivistischen Diskurses wurde, lehnte P.Finke eine konstruktivistische Wissenschaftstheorie ab, obwohl der Konstruktive Funktionalismus als wissenschaftstheoretische Konzeption eine solche Entwicklung nahe legt und aus Gründen der Konsistenz der Gesamtkonzeption auch erfordert, zumindest solange die entsprechenden handlungstheoretischen Grundannahmen in der Objekttheorie gemacht werden.

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Mit Schmidts Wechsel nach Siegen begann mit neuen Mitarbeitern (Achim Barsch, Helmut Hauptmeier, Dietrich Meutsch, Gebhard Rusch, Reinhold Viehoff) eine neue Phase. Einerseits gelang in diesen Jahren eine gewisse Konsolidierung und Institutionalisierung des empirischen Ansatzes durch eine Vielzahl von empirischen Studien und theorietechnischer Detailarbeit (vor allem zum literarischen Verstehen, zur Konventionensteuerung des literarischen Handelns, zur Mediengattungstheorie und Werbung) und durch die Gründung der Zeitschrift SPIEL 1982 (von R.Viehoff und S.J.Schmidt herausgegeben), die Gründung des Institutes LUMIS (Literatur- und Medienwissenschaftliches Institut Siegen) 1984 und der Internationalen Gesellschaft für Empirische Literaturwissenschaft (IGEL) 1987. Es ist durchaus bemerkenswert, dass in der Bezeichnung des Instituts LUMIS der Ausdruck >Medien< vorkommt; er signalisiert eine deutliche - und dem Kontext gerade der Siegener Literaturwissenschaft sehr entsprechende - Erweiterung des Fokus, wie sie erst jetzt mit den verschiedenen Varianten der Medienwissenschaft in großem Stil vollzogen wird. Man muss allerdings auch einräumen, das selbst ein so innovativer Wissenschaftler wie S.J.Schmidt Mitte der 80-er Jahre mit einer Anfrage der Siegener Philipps-Tochter zur Inhaltegestaltung des seinerzeit neuen CD-Rom-Mediums wenig anfangen konnte.

Andererseits wurde die Siegener Gruppe, zu der 1984 noch Peter M. Hejl, Wolfram K. Köck und Raimund Klauser hinzukamen, durch ihr Engagement für konstruktivistische Positionen und die Entwicklung konstruktivistischer Kommunikations-, Medien-, Sozial- und Geschichtstheorien bekannt. Das konstruktivistische Engagement (Zeitschrift DELFIN, zahlreiche Buchveröffentlichungen, Funkkolleg, Kongresse) war sehr erfolgreich, eröffnete aber neben der Literaturwissenschaft noch weitere Fronten in anderen Disziplinen, in der Philosophie, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Kommunikationswissenschaft, etc. Inzwischen ist S.J.Schmidt einem großen Publikum überhaupt nur bzw. in erster Linie als Gestalter des konstruktivistischen Diskurses bekannt. Dies ist symptomatisch für eine vielleicht 10-jährige Entwicklung, an deren Ende sich Schmidt aus der Literaturwissenschaft verabschiedete.

Als analytisch orientierter Sprachphilosoph (Habilitation über Wittgenstein) und texttheoretisch orientierter Linguist (Lehrstuhl für Texttheorie) hatte Schmidt in die Literaturwissenschaft (Lehrstuhl für Theorie der Literatur) die Voraussetzungen mitgebracht, einerseits die literaturwissenschaftliche Praxis solch radikaler Kritik zu unterziehen, andererseits durch solche Kritik in seiner persönlichen wissenschaftlichen Identität und interdisziplinären Identifikation nicht erschüttert zu werden und schließlich die Opposition und Distanz zum literaturwissenschaftlichen Mainstream ein ganzes Jahrzehnt lang - dann aber auch nicht länger - aushalten zu können.

Auf Seiten der kritisierten Literaturwissenschaft, die wie auch andere Disziplinen in den 80-er Jahren eine Phase intensiver wissenschaftstheoretischer und wissenschaftsphilosophischer Selbstreflexion durchlebte, die sich in zahlreichen Methodendiskussionen dokumentierte und in ein methodenpluralistisches Patt mündete, fand der Vorschlag einer Empirischen Literaturwissenschaft insgesamt nur wenig Sympathie. Aus meiner Sicht ist es nicht bzw. nur unvollkommen gelungen, das konstruktive Anliegen der Empirischen Literaturwissenschaft und die für diesen Ansatz sprechenden Gründe verständlich zu machen.

Die Präsentation des Ansatzes hatte im geisteswissenschaftlichen Argumentationskontext stets mit einer ganzen Reihe von Verständnisproblemen zu kämpfen. So sollte Interpretation im Rahmen einer Empirischen Literaturwissenschaft als Teilnahmehandlung weiter gepflegt und gelehrt werden, wurde aber zugleich als unwissenschaftlich abgelehnt. Wie sollte dies in der deutschen Hochschulwirklichkeit realisierbar sein? Während die postulierten Konventionen literarischen Handelns im Rahmen der Empirischen Theorie der Literatur als sozialpsychologische Konstrukte mit teilweise guter empirischer Fundierung gelten, wurden sie von Kritikern als Versatzstücke einer normativen Poetik und Ästhetik wahrgenommen, die von der Kunst- und Literaturgeschichte spätestens im 18 Jh. überwunden worden waren. Was sich dem Bemühen um Klarheit, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit verdankte, nämlich die explizite Orientierung an Standards analytischer Wissenschaftstheorie, wurde selbst zum Verständnisproblem, weil es (nicht nur) im literaturwissenschaftlichen Diskurs in hohem Maße erklärungs- und begründungsbedürftig war. Was aus der Innenperspektive als Innovation und theoretischer Fortschritt erschien, präsentierte sich von Außen besehen als Ungereimtheit oder überflüssiger Ballast. Die radikale Ablehnung von Interpretation als wissenschaftlicher Operation, der hohe methodologische Anspruch, das Postulat der Empirisierung, das Kritiker aus den Geisteswissenschaften leider stets als positivistische Orientierung missverstanden haben, und schließlich die spezielle subjektorientierte Variante der konstruktivistischen Wende müssen - neben manchen Ungeschicklichkeiten - als wichtigste Gründe für die geringe Durchsetzungskraft des Ansatzes geltend gemacht werden. Man kann sogar an zahlreichen Hinweisen - zuletzt an der Wiederbesetzung seines Siegener Lehrstuhls - feststellen, dass die Ablehnung im Verlaufe der letzten beiden Jahrzehnte, besonders seit der einseitigen Verkündung des Endes der Theoriedebatte durch Lutz Danneberg und Friedrich Vollhardt 1992 sogar noch größer geworden ist. Nur in wenigen Fällen ist der Ansatz in einschlägigen Einführungsbänden oder Handbüchern repräsentiert, die Literaturwissenschaft und die jüngst aus dieser heraus sich entwickelnden Formen philologischer (i.e. germanistischer, romanistischer, etc.) Medienwissenschaft sind leider noch immer recht weit von einem produktiven Verständnis der empirischen Methodologie entfernt. Einzig das (noch am wenigsten originelle) Konzept der (literarischen) Handlungsrollen (Produktion, Rezeption, Vermittlung und Verarbeitung) hat - zusammen mit der Redeweise vom Literatursystem - in größerem Umfang Aufnahme gefunden. Die wenigen expliziten Referenzen auf den empirischen Ansatz der ELW etwa in der Medienpädagogik, Literaturdidaktik und in der Medienwissenschaft lassen jedoch darauf hoffen, dass die Argumente der ELW für eine Neuorientierung wissenschaftlicher Literaturforschung - nicht der Literaturwissenschaft schlechthin - doch noch überzeugen könnten. Dies ist nicht nur ein frommer Wunsch, schließlich sind diese Argumente durch jahrelanges Ablagern nicht schlechter geworden, sondern mit Blick auf die Transformationsprozesse in den Geisteswissenschaften vielleicht sogar eher gereift. Zumindest haben sich die Bedingungen im disziplinären Umfeld schon ein wenig gewandelt - ob dies allerdings mittelfristig zu verbesserter Akzeptanz führt, wird auch davon abhängen, ob und wie es gelingt, die fraglos in hohem Maße vorhandenen bedeutsamen Einsichten der Empirischen Literaturwissenschaft für die Medienwissenschaft fruchtbar zu machen.

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In der Außenwahrnehmung wirken Forschungsgruppen oft erratisch, bestimmen die Leiter und Sprecher das Image der ganzen Gruppe mit, treten interne Differenzen in den Hintergrund, weil oft gar nicht nach außen kommuniziert. Im Falle der Siegener Gruppe war das nicht anders. Unter den Mitgliedern gab es von Beginn an recht klar zu unterscheidende Interessen- und Identifikationsschwerpunkte. Es gab Phasen größerer und solche geringerer interner Konsense, mal stärkere, mal schwächere Fraktionenbildungen. So verliefen Demarkationslinien mehr oder weniger deutlich zwischen ELW-Vertretern (NIKOL-Gruppe) und den Ex-FEOLL-Mitarbeitern, zwischen Empirikern und Theoretikern, zwischen Konstruktivisten und Realisten. In der Gruppe spiegelten sich z.T. die gleichen Abgrenzungen, denen man auch außerhalb begegnete. Manche dieser Unterschiede ebneten sich in der gegenseitigen Sozialisation durch Gruppensitzungen, Gespräche, gemeinsame Veröffentlichungen, etc. ein, andere traten durch die Fokussierung auf Detailfragen oder durch die Entwicklung neuer Standpunkte erst hervor. Was die Gruppe überhaupt so lange zusammenhielt und den Siegener Kern weiter zusammenhält, waren und sind gemeinsame Ziele und Überzeugungen, zu denen aus meiner Sicht gehören:

Einige der überdauernden Problemfelder in meinem Verhältnis zur Empirischen Literaturwissenschaft und zu der Variante von Konstruktivismus, wie S. J. Schmidt sie für sich entwickelte, liegen in verschiedenen Bereichen. Einerseits geht es um das Konzept der Handlungsrollen, insbesondere um die nach meiner Einschätzung zu reduktive Beschränkung auf lediglich vier Handlungsrollen in der ETL, sowie um die Frage nach den für literarische Prozesse konstitutiven Bedingungen, nach der empirischen Abgrenzbarkeit von Literatursystemen und nach deren Komponenten. Insbesondere teile ich nicht die Auffassung, Literatursysteme seien autopoietische, autonome oder auch nur selbstregelnde Systeme. Es ist vielmehr empirisch adäquater, davon auszugehen, dass stets mehrere - nur analytisch trennbare - Systemebenen unterschiedlicher Reichweite oder Handlungsrelevanz einander überlagern oder durchdringen, so dass etwa rechtliche Regelungen (Rechtssystem) auf literarische Vermittlungshandlungen (z.B. Annahme eines Manuskriptes zur Veröffentlichung) oder Verarbeitungshandlungen (z.B. Lektorierungsprozesse mit Blick auf den Persönlichkeitsschutz bei Schlüsselromanen ) durchschlagen können. Daran hängt auch die Problematik der Konventionensteuerung literarischen Handelns. Schmidt hat den Konfliktfall der Kollision von Tatsachenkonvention und Ästhetikkonvention - wie im o.g. Beispiel angedacht - für literarisches Handeln wegdefiniert. Die Praxis dürfte jedoch komplexer sein. Eine neue Herausforderung des Konventionenansatzes stellen interaktive Medien dar, besonders PC- und Video-Games. Folgt dieses Spielhandeln ästhetischen oder Tatsachenkonventionen? Oder müssen hier Mischformen oder ganz andere Konventionen angesetzt werden. Vieles spricht dafür, dass das bisher entwickelte ETL-Begriffs-Repertoir bei weitem nicht ausreicht. Leider hat - trotz der langen Siegener Jahre - die Zeit nicht gereicht, diese Fragen bereits systematischer zu verfolgen.

Ein anderer Problembereich betrifft die von S.J.Schmidt vorgenommenen Importe Luhmannscher Systemtheorie, und zwar sowohl mit Blick auf die Literaturtheorie (z.B. nachzulesen im Band >Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert<) als auch mit Blick auf die Konzepte von Kommunikation, Medien, Kultur sowie den konstruktivistischen Ansatz insgesamt. Problematisch erscheint an Schmidts Vorgehen einerseits die durch diese Importe entstehende Inkonsistenz der Sozialtheorie, die einmal individuenorientiert (i. S. Hejls, Glasersfelds, Maturanas), einmal in Begriffen einer makrologischen Theorie der Sozialautopoiese (Luhmann) modelliert wird. In der Folge dieser Unschärfe werden auch der Kommunikationsbegriff und der Medienbegriff problematisch: fasst man wie Schmidt Medien als Kopplungsinstrumente von Kommunikation und Kognition auf, gerät Kommunikation als sozialer Prozess in eine merkwürdige Schieflage zum Kognitionskonzept. Kommunikation ist dann nicht mehr kognitiv, was wiederum unvereinbar ist mit einer ganzen Fülle weiterer kommunikationstheoretischer Annahmen. Nach meiner Einschätzung ist es mehr als nur verwirrend, unter wechselnden Beoachterperspektiven wechselnde Beschreibungssysteme und Theoriedesigns zu verwenden. Es ist unvereinbar mit strukturalistischen Prinzipien des Theoriendesigns.

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Persönlich habe ich Siegfried J. Schmidt unendlich viel zu verdanken. Wenn man einen wissenschaftlichen Lehrer findet mit einer solchen multidisziplinären Kompetenz, einer so außerordentlichen Eloquenz, einer schier unerschöpflichen Kreativität und Innovativität und einer derart unbändigen Produktivität, hat man sicher großes Glück. Aber natürlich stellt eine solche Persönlichkeit auch eine sehr große Herausforderung dar. Ich wünsche Siegfried J. Schmidt zu seinem 60-sten Geburtstag, vor allem aber über diesen hinaus, dass ihm sein enormes Leistungs- und Innovationsvermögen noch recht lang erhalten bleiben möge. Ich bin sicher, dass er dann auch weiterhin für uns alle eine Herausforderung - und für die Wissenschaften ein Glücksfall - bleiben wird. Ich wünsche ihm aber auch die Zeit und Muße für Reflexionsgewinne in Gebieten, der er - ruhelos - womöglich zu schnell hinter sich gelassen hat.