Gebhard Rusch
Von der Empirischen Literaturwissenschaft zum Siegener Konstruktivismus

   
             
 
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Das TLK-Projekt befand sich in seiner zweiten DFG-Förderungsphase als ich im Frühjahr 1976 zu der Bielefelder Forschungsgruppe stieß. Die Projektsitzungen jener Zeit (bis 1979) waren in erster Linie der Überarbeitung und Diskussion der von S. J. Schmidt vorgelegten Manuskripte des ersten Bandes des >Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft< gewidmet; es hat mehrere solcher Überarbeitungen gegeben. Daneben wurden empirische Projekte (z.B. zum Literaturbegriff in der Bundesrepublik, zu Persönlichkeitsvariablen von Schriftstellern, zur Rezeption literarischer Texte, zur Bedeutungseinschätzung von Theaterstücken, etc.) entwickelt, laufende Untersuchungen ausgewertet, Projektberichte verfasst und diskutiert. Es war eine sehr intensive konstruktive Phase theoretischer Reflexion und empirischer Fundierung.

Vorausgegangen war eine - in mehrfachem Sinne - analytische Phase, in der die Gruppe auf einer Linie mit Autoren wie Günther Grewendorf, Eike v. Savigny oder Heide Göttner die literaturwissenschaftliche und philologische Interpretationspraxis untersucht hatte mit dem Resultat, das Interpretieren als wissenschaftliche Operation strikt abzulehnen (darin war die Position Schmidts radikaler als die der anderen Analytiker). Um 1975 (in jenem Jahr erschien der Band >Literaturwissenschaft als argumentierende Wissenschaft<) befand sich die Entwicklung des Ansatzes an der Schwelle von der Analytischen, Rationalen oder Argumentierenden Literaturwissenschaft hin zur Empirischen Literaturwissenschaft, an der Schwelle von der Linguistik zur Sozialwissenschaft. Was Schmidt in dem genannten Band noch als >spekulative Forschungsperspektive< charakterisiert, nämlich eine Literaturwissenschaft >zwischen Linguistik und Sozialpsychologie< nimmt schon wenige Jahre später im Grundriß Gestalt an. Was er hier noch unter dem Stichwort >Empirisierung< mit Blick auf Götz Wienolds und Norbert Groebens Programme in der Semiotik und Literaturpsychologie diskutiert, wird mit dem Grundriß nur fünf Jahre später als alternatives literaturwissenschaftliches Paradigma präsentiert. Nicht genug damit, dass dieser Ansatz eine grundlegende Umorientierung der Literaturwissenschaft von der Teilnahme am literarischen Geschehen (z.B. in der Form des Interpretierens, Kritisierens, Kommentierens) hin zu dessen wissenschaftlicher Analyse (orientiert am Beispiel der Sozialwissenschaften) verlangte, er unterstellte das wissenschaftliche Handeln auch den strengen Anforderungen einer konstruktiv gewendeten analytischen und strukturalistischen Wissenschaftstheorie (i. S.v. P. Finkes Konstruktivem Funktionalismus).

Natürlich wurde meine Aufmerksamkeit während dieser Studienjahre zwischen der Mitarbeit in empirischen Projekten und der Begleitung der laufenden Weiterentwicklung der Empirischen Theorie der Literatur sehr stark auf die sprachanalytischen und wissenschaftsphilosophischen Grundlagen des Ansatzes gelenkt. Ausgehend von der Einsicht, dass die empirische Arbeit wissenschaftlich nur sinnvoll (weil nur dann nachvollziehbar und evaluierbar) betrieben werden kann mit Bezug auf explizite Objekttheorien und innerhalb eines expliziten meta-theoretischen Rahmens (der die zugrunde gelegten epistemologischen Annahmen, den Wissenschaftsbegriff und ethische Grundentscheidungen und Werte angibt), wandte ich mich auch in meiner Examensarbeit wissenschaftstheoretischen Fragen, vor allem dem Versuch einer Klärung des Empiriebegriffes zu. Dies schien mir systematisch aus zwei Gründen besonders erforderlich: erstens war die Klärung des Empiriebegriff für eine Empirische Wissenschaft grundlegend, und zweitens fand ich die Ausführungen dazu bei P. Finke oder S.J. Schmidt selbst unzureichend, besonders mit Blick auf eine im ersten Band des Grundriß noch sehr versteckte Grundannahme zum Aktantenbegriff (S. 22f.). Dort stellt Schmidt auf einer Buchseite die Kognitionsbiologie H.R.Maturanas vor, um den handlungstheoretischen Grundbegriff >Aktant< kognitionsbiologisch genauer zu charakterisieren. Nach meinem Eindruck war diese Charakterisierung nicht nur auf objekttheoretischer Ebene von viel größerer und weitreichenderer Bedeutung als es die Darstellung im Grundriß erkennen ließ, sondern insbesondere auch auf meta-theoretischer Ebene. Schließlich müssten konsequenterweise auch wissenschaftliche Aktanten als kognitive Systeme modelliert werden. Mit diesen Überlegungen habe ich mich dann mehrere Jahre bis zum Abschluss der Promotion 1987 befasst.

Während Schmidt den kognitiven Turn in der wissenschaftstheoretischen Grundlegung der ELW nach seinem Wechsel von Bielefeld nach Siegen im Jahre 1979 dann Mitte der 80-er Jahre mitvollzog und schließlich zu einem bedeutenden Promoter des konstruktivistischen Diskurses wurde, lehnte P.Finke eine konstruktivistische Wissenschaftstheorie ab, obwohl der Konstruktive Funktionalismus als wissenschaftstheoretische Konzeption eine solche Entwicklung nahe legt und aus Gründen der Konsistenz der Gesamtkonzeption auch erfordert, zumindest solange die entsprechenden handlungstheoretischen Grundannahmen in der Objekttheorie gemacht werden.

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