Gebhard Rusch
Von der Empirischen Literaturwissenschaft zum Siegener Konstruktivismus

   
             
 
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Mit Schmidts Wechsel nach Siegen begann mit neuen Mitarbeitern (Achim Barsch, Helmut Hauptmeier, Dietrich Meutsch, Gebhard Rusch, Reinhold Viehoff) eine neue Phase. Einerseits gelang in diesen Jahren eine gewisse Konsolidierung und Institutionalisierung des empirischen Ansatzes durch eine Vielzahl von empirischen Studien und theorietechnischer Detailarbeit (vor allem zum literarischen Verstehen, zur Konventionensteuerung des literarischen Handelns, zur Mediengattungstheorie und Werbung) und durch die Gründung der Zeitschrift SPIEL 1982 (von R.Viehoff und S.J.Schmidt herausgegeben), die Gründung des Institutes LUMIS (Literatur- und Medienwissenschaftliches Institut Siegen) 1984 und der Internationalen Gesellschaft für Empirische Literaturwissenschaft (IGEL) 1987. Es ist durchaus bemerkenswert, dass in der Bezeichnung des Instituts LUMIS der Ausdruck >Medien< vorkommt; er signalisiert eine deutliche - und dem Kontext gerade der Siegener Literaturwissenschaft sehr entsprechende - Erweiterung des Fokus, wie sie erst jetzt mit den verschiedenen Varianten der Medienwissenschaft in großem Stil vollzogen wird. Man muss allerdings auch einräumen, das selbst ein so innovativer Wissenschaftler wie S.J.Schmidt Mitte der 80-er Jahre mit einer Anfrage der Siegener Philipps-Tochter zur Inhaltegestaltung des seinerzeit neuen CD-Rom-Mediums wenig anfangen konnte.

Andererseits wurde die Siegener Gruppe, zu der 1984 noch Peter M. Hejl, Wolfram K. Köck und Raimund Klauser hinzukamen, durch ihr Engagement für konstruktivistische Positionen und die Entwicklung konstruktivistischer Kommunikations-, Medien-, Sozial- und Geschichtstheorien bekannt. Das konstruktivistische Engagement (Zeitschrift DELFIN, zahlreiche Buchveröffentlichungen, Funkkolleg, Kongresse) war sehr erfolgreich, eröffnete aber neben der Literaturwissenschaft noch weitere Fronten in anderen Disziplinen, in der Philosophie, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Kommunikationswissenschaft, etc. Inzwischen ist S.J.Schmidt einem großen Publikum überhaupt nur bzw. in erster Linie als Gestalter des konstruktivistischen Diskurses bekannt. Dies ist symptomatisch für eine vielleicht 10-jährige Entwicklung, an deren Ende sich Schmidt aus der Literaturwissenschaft verabschiedete.

Als analytisch orientierter Sprachphilosoph (Habilitation über Wittgenstein) und texttheoretisch orientierter Linguist (Lehrstuhl für Texttheorie) hatte Schmidt in die Literaturwissenschaft (Lehrstuhl für Theorie der Literatur) die Voraussetzungen mitgebracht, einerseits die literaturwissenschaftliche Praxis solch radikaler Kritik zu unterziehen, andererseits durch solche Kritik in seiner persönlichen wissenschaftlichen Identität und interdisziplinären Identifikation nicht erschüttert zu werden und schließlich die Opposition und Distanz zum literaturwissenschaftlichen Mainstream ein ganzes Jahrzehnt lang - dann aber auch nicht länger - aushalten zu können.

Auf Seiten der kritisierten Literaturwissenschaft, die wie auch andere Disziplinen in den 80-er Jahren eine Phase intensiver wissenschaftstheoretischer und wissenschaftsphilosophischer Selbstreflexion durchlebte, die sich in zahlreichen Methodendiskussionen dokumentierte und in ein methodenpluralistisches Patt mündete, fand der Vorschlag einer Empirischen Literaturwissenschaft insgesamt nur wenig Sympathie. Aus meiner Sicht ist es nicht bzw. nur unvollkommen gelungen, das konstruktive Anliegen der Empirischen Literaturwissenschaft und die für diesen Ansatz sprechenden Gründe verständlich zu machen.

Die Präsentation des Ansatzes hatte im geisteswissenschaftlichen Argumentationskontext stets mit einer ganzen Reihe von Verständnisproblemen zu kämpfen. So sollte Interpretation im Rahmen einer Empirischen Literaturwissenschaft als Teilnahmehandlung weiter gepflegt und gelehrt werden, wurde aber zugleich als unwissenschaftlich abgelehnt. Wie sollte dies in der deutschen Hochschulwirklichkeit realisierbar sein? Während die postulierten Konventionen literarischen Handelns im Rahmen der Empirischen Theorie der Literatur als sozialpsychologische Konstrukte mit teilweise guter empirischer Fundierung gelten, wurden sie von Kritikern als Versatzstücke einer normativen Poetik und Ästhetik wahrgenommen, die von der Kunst- und Literaturgeschichte spätestens im 18 Jh. überwunden worden waren. Was sich dem Bemühen um Klarheit, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit verdankte, nämlich die explizite Orientierung an Standards analytischer Wissenschaftstheorie, wurde selbst zum Verständnisproblem, weil es (nicht nur) im literaturwissenschaftlichen Diskurs in hohem Maße erklärungs- und begründungsbedürftig war. Was aus der Innenperspektive als Innovation und theoretischer Fortschritt erschien, präsentierte sich von Außen besehen als Ungereimtheit oder überflüssiger Ballast. Die radikale Ablehnung von Interpretation als wissenschaftlicher Operation, der hohe methodologische Anspruch, das Postulat der Empirisierung, das Kritiker aus den Geisteswissenschaften leider stets als positivistische Orientierung missverstanden haben, und schließlich die spezielle subjektorientierte Variante der konstruktivistischen Wende müssen - neben manchen Ungeschicklichkeiten - als wichtigste Gründe für die geringe Durchsetzungskraft des Ansatzes geltend gemacht werden. Man kann sogar an zahlreichen Hinweisen - zuletzt an der Wiederbesetzung seines Siegener Lehrstuhls - feststellen, dass die Ablehnung im Verlaufe der letzten beiden Jahrzehnte, besonders seit der einseitigen Verkündung des Endes der Theoriedebatte durch Lutz Danneberg und Friedrich Vollhardt 1992 sogar noch größer geworden ist. Nur in wenigen Fällen ist der Ansatz in einschlägigen Einführungsbänden oder Handbüchern repräsentiert, die Literaturwissenschaft und die jüngst aus dieser heraus sich entwickelnden Formen philologischer (i.e. germanistischer, romanistischer, etc.) Medienwissenschaft sind leider noch immer recht weit von einem produktiven Verständnis der empirischen Methodologie entfernt. Einzig das (noch am wenigsten originelle) Konzept der (literarischen) Handlungsrollen (Produktion, Rezeption, Vermittlung und Verarbeitung) hat - zusammen mit der Redeweise vom Literatursystem - in größerem Umfang Aufnahme gefunden. Die wenigen expliziten Referenzen auf den empirischen Ansatz der ELW etwa in der Medienpädagogik, Literaturdidaktik und in der Medienwissenschaft lassen jedoch darauf hoffen, dass die Argumente der ELW für eine Neuorientierung wissenschaftlicher Literaturforschung - nicht der Literaturwissenschaft schlechthin - doch noch überzeugen könnten. Dies ist nicht nur ein frommer Wunsch, schließlich sind diese Argumente durch jahrelanges Ablagern nicht schlechter geworden, sondern mit Blick auf die Transformationsprozesse in den Geisteswissenschaften vielleicht sogar eher gereift. Zumindest haben sich die Bedingungen im disziplinären Umfeld schon ein wenig gewandelt - ob dies allerdings mittelfristig zu verbesserter Akzeptanz führt, wird auch davon abhängen, ob und wie es gelingt, die fraglos in hohem Maße vorhandenen bedeutsamen Einsichten der Empirischen Literaturwissenschaft für die Medienwissenschaft fruchtbar zu machen.

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