Gebhard Rusch
Von der Empirischen Literaturwissenschaft zum Siegener Konstruktivismus

   
             
 
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In der Außenwahrnehmung wirken Forschungsgruppen oft erratisch, bestimmen die Leiter und Sprecher das Image der ganzen Gruppe mit, treten interne Differenzen in den Hintergrund, weil oft gar nicht nach außen kommuniziert. Im Falle der Siegener Gruppe war das nicht anders. Unter den Mitgliedern gab es von Beginn an recht klar zu unterscheidende Interessen- und Identifikationsschwerpunkte. Es gab Phasen größerer und solche geringerer interner Konsense, mal stärkere, mal schwächere Fraktionenbildungen. So verliefen Demarkationslinien mehr oder weniger deutlich zwischen ELW-Vertretern (NIKOL-Gruppe) und den Ex-FEOLL-Mitarbeitern, zwischen Empirikern und Theoretikern, zwischen Konstruktivisten und Realisten. In der Gruppe spiegelten sich z.T. die gleichen Abgrenzungen, denen man auch außerhalb begegnete. Manche dieser Unterschiede ebneten sich in der gegenseitigen Sozialisation durch Gruppensitzungen, Gespräche, gemeinsame Veröffentlichungen, etc. ein, andere traten durch die Fokussierung auf Detailfragen oder durch die Entwicklung neuer Standpunkte erst hervor. Was die Gruppe überhaupt so lange zusammenhielt und den Siegener Kern weiter zusammenhält, waren und sind gemeinsame Ziele und Überzeugungen, zu denen aus meiner Sicht gehören:

  • Die Entwicklung einer rationalen Konzeption von Wissen und Wissenschaft angesichts einer unklaren epistemischen Ausgangslage (=> Konstruktivismus, Erfahrungswissenschaft)
  • Die Entwicklung leistungsfähiger Objekttheorien, die neben Beschreibungen und Erklärungen insbesondere die aktive und produktive Teilhabe der Individuen an der Gestaltung und Veränderung unserer Wirklichkeit gestatten (=> Empirische Theorie der Literatur, Konstruktivistische Sozialtheorie, Kommunikationstheorie, Medientheorie)
  • Die Wahrnehmung gesellschaftlicher, politischer (Mit-)Verantwortung durch Wissenschaft, indem theoretisches und praktisches Know How für Problemlösungen und Kritik verfügbar gemacht wird (Angewandte Literaturwissenschaft, Angewandte Medienwissenschaft, Medienkritik, Sozialkritik)

Einige der überdauernden Problemfelder in meinem Verhältnis zur Empirischen Literaturwissenschaft und zu der Variante von Konstruktivismus, wie S. J. Schmidt sie für sich entwickelte, liegen in verschiedenen Bereichen. Einerseits geht es um das Konzept der Handlungsrollen, insbesondere um die nach meiner Einschätzung zu reduktive Beschränkung auf lediglich vier Handlungsrollen in der ETL, sowie um die Frage nach den für literarische Prozesse konstitutiven Bedingungen, nach der empirischen Abgrenzbarkeit von Literatursystemen und nach deren Komponenten. Insbesondere teile ich nicht die Auffassung, Literatursysteme seien autopoietische, autonome oder auch nur selbstregelnde Systeme. Es ist vielmehr empirisch adäquater, davon auszugehen, dass stets mehrere - nur analytisch trennbare - Systemebenen unterschiedlicher Reichweite oder Handlungsrelevanz einander überlagern oder durchdringen, so dass etwa rechtliche Regelungen (Rechtssystem) auf literarische Vermittlungshandlungen (z.B. Annahme eines Manuskriptes zur Veröffentlichung) oder Verarbeitungshandlungen (z.B. Lektorierungsprozesse mit Blick auf den Persönlichkeitsschutz bei Schlüsselromanen ) durchschlagen können. Daran hängt auch die Problematik der Konventionensteuerung literarischen Handelns. Schmidt hat den Konfliktfall der Kollision von Tatsachenkonvention und Ästhetikkonvention - wie im o.g. Beispiel angedacht - für literarisches Handeln wegdefiniert. Die Praxis dürfte jedoch komplexer sein. Eine neue Herausforderung des Konventionenansatzes stellen interaktive Medien dar, besonders PC- und Video-Games. Folgt dieses Spielhandeln ästhetischen oder Tatsachenkonventionen? Oder müssen hier Mischformen oder ganz andere Konventionen angesetzt werden. Vieles spricht dafür, dass das bisher entwickelte ETL-Begriffs-Repertoir bei weitem nicht ausreicht. Leider hat - trotz der langen Siegener Jahre - die Zeit nicht gereicht, diese Fragen bereits systematischer zu verfolgen.

Ein anderer Problembereich betrifft die von S.J.Schmidt vorgenommenen Importe Luhmannscher Systemtheorie, und zwar sowohl mit Blick auf die Literaturtheorie (z.B. nachzulesen im Band >Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert<) als auch mit Blick auf die Konzepte von Kommunikation, Medien, Kultur sowie den konstruktivistischen Ansatz insgesamt. Problematisch erscheint an Schmidts Vorgehen einerseits die durch diese Importe entstehende Inkonsistenz der Sozialtheorie, die einmal individuenorientiert (i. S. Hejls, Glasersfelds, Maturanas), einmal in Begriffen einer makrologischen Theorie der Sozialautopoiese (Luhmann) modelliert wird. In der Folge dieser Unschärfe werden auch der Kommunikationsbegriff und der Medienbegriff problematisch: fasst man wie Schmidt Medien als Kopplungsinstrumente von Kommunikation und Kognition auf, gerät Kommunikation als sozialer Prozess in eine merkwürdige Schieflage zum Kognitionskonzept. Kommunikation ist dann nicht mehr kognitiv, was wiederum unvereinbar ist mit einer ganzen Fülle weiterer kommunikationstheoretischer Annahmen. Nach meiner Einschätzung ist es mehr als nur verwirrend, unter wechselnden Beoachterperspektiven wechselnde Beschreibungssysteme und Theoriedesigns zu verwenden. Es ist unvereinbar mit strukturalistischen Prinzipien des Theoriendesigns.

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