Jörg Schönert

(Theorie-)Arbeit schändet nicht

Für Festschriften zu Geburtstagen im Nahbereich des akademischen Ruhestandes können intertextuelle Bezüge in der Ruhmesgeschichte der abendländischen Kultur nicht hoch und weit genug greifen. Warum also nicht den alten Hesiod (Werke und Tage 311) bemühen, um sein Diktum mit einem ›on-dit‹ aus der jüngeren Geschichte der Literaturwissenschaft in den deutschen Landen zu verbinden, das denjenigen, die sich in den 50er und frühen 60er Jahren vor allem mit theoretischen Fragen befassten, bescheinigen wollte, dass sie mit dem Eigentlichen der Literaturwissenschaft, der ›schönen Literatur‹, nichts anfangen können.[1] Auch S. J. Schmidt ist diesem Vorwurf nicht entgangen. Einschränkungen wurden erst dann formuliert, als es sich herumgesprochen hatte, dass der ›Siegener Cheftheoretiker‹ nicht nur literaturtheoretische Abhandlungen, sondern auch literarische Texte zu schreiben versteht. Obwohl die literaturwissenschaftliche Theorie-Arbeit in den späten 60er Jahren für ein gutes Jahrzehnt lang höher im Kurs stand und sie derzeit in ihrem Marktwert noch beträchtlich vom Tiefpunkt vor 40/50 Jahren entfernt ist, muss auch heute ein vordringliches Interesse an theoretischen Fragen besonders gerechtfertigt werden. Um eine solche Rechtfertigung ist es mir hier weniger zu tun als um die rückblickende Beobachtung meiner ›Beobachtungen‹ zu S. J. Schmidts Beobachter- und Akteursrolle in unserer literaturwissenschaftlichen Praxis, der mehr theoretische Fundierung durchaus nicht schaden könnte.

Als 1979 an der Universität München von der DFG eine Forschergruppe zur Sozialgeschichte der Literatur eingerichtet wurde, war auch ein ›Theorie-Projekt‹ vorgesehen, dessen Ergebnisse schließlich 1988 zur Veröffentlichung kamen - unter dem Titel »Zur theoretischen Grundlegung einer Sozialgeschichte der Literatur« (hg. von Renate v. Heydebrand u.a.). Die ›Theorie-Arbeiter‹, zu denen auch Georg Jäger und ich zählten, stützten sich auf die Kooperation mit dem Soziologen (und Germanisten) Dieter Pfau und den soziologisch geschulten Doktoranden Friederike Meyer und Claus-Michael Ort. Hier war also eine Arbeitsgruppe am Werk, die einiges gemeinsam hatte mit dem Team, das S. J. Schmidt in Siegen um sich sammelte. Mit nachhaltiger Aufmerksamkeit (und Hochachtung) hatten wir S. J. Schmidts literaturtheoretische Arbeiten der 70er Jahre und seine Abwendung von der Sprachphilosophie hin zur Sozialwissenschaft verfolgt. Das besondere Interesse am ›Handlungssystem Literatur‹ (am ›Sozialsystem Literatur‹) teilte die Münchner mit der Siegener Gruppe. Und doch vollzog sich unsere Theorie-Arbeit unter anderen institutionellen und konzeptuellen Bedingungen. Sie war in den Prozess kontinuierlicher Entwicklung von Forschung einbezogen, während es den Kollegen in Siegen um einen ›Paradigmawechsel‹ in der Literaturwissenschaft zu tun war: im Ersetzen der hermeneutischen Grundlegung der Textwissenschaft durch eine empirisch begründete Wissenschaft von den literarischen Kommunikationshandlungen. Das Münchner Projekt sah dagegen in ›Sozialgeschichte der Literatur‹ nur eine von möglichen Perspektivierungen literaturwissenschaftlicher Interessen. Und unsere Aufmerksamkeit galt neben dem ›Sozialsystem Literatur‹ weiterhin (und gestärkt durch die gerade vollzogenen strukturalistischen und semiotischen Orientierungen der Literaturwissenschaft) dem ›Symbolsystem Literatur‹ und damit auch den Problemen einer überzeugenden Verknüpfung beider Konzeptionen und Forschungsinteressen.

Dass die Münchner Theoriegruppe mögliche ›Anschlüsse‹ an den gemeinhin akzeptierten Stand der Forschungsdiskussionen suchte, war nicht zuletzt darin begründet, dass Renate v. Heydebrand, Georg Jäger und ich neben der Theorie-Arbeit auch in Projekten zu Gegenständen der (weit gefassten) Literaturgeschichte engagiert waren. Vor allem aber hatten ›wir Jüngeren‹ (die ›Vierziger‹ Jäger, Pfau und ich sowie die gut zehn Jahre jüngeren Mitarbeiter Friederike Meyer und Claus-Michael Ort) unsere Theorie-Vorstellungen zu vermitteln gegenüber den etwas Älteren, nämlich Renate v. Heydebrand und Wolfgang Frühwald, die noch in anderen wissenschaftlichen Konstellationen ›sozialisiert‹ worden waren als wir. Und zudem war stets zu rechnen mit der milden (und hilfreichen) Skepsis von Friedrich Sengle gegenüber ›einem Theoretisieren‹, das allzu sehr von der ›Praxis der Literaturgeschichte‹ abhob. Da sich die literaturgeschichtlichen (Re-)Konstruktionen in der Regel auf die Ergebnisse der Interpretation von literarischen Texten stützen, wurden wir immer wieder mit der Frage konfrontiert: »Wo haben im Theorie-Entwurf die Texte ihren Ort, was bringt uns das für die Textinterpretation?«

Dass die Texte der ›schönen Literatur‹ das Ergebnis von Handlungen im ›Sozialsystem Literatur‹ sind, und dass aus Text-Lektüren Handlungen entstehen, die auch über das ›Sozialsystem Literatur‹ hinausreichen, ließ sich in den Diskussionen, die zu Beginn der 80er Jahre zwischen München und Siegen in Gang gesetzt wurden, rasch als gemeinsam akzeptierte Einsicht festhalten. Differenzen ergaben sich dann, wenn es um die möglichen literaturwissenschaftlichen Konsequenzen (und die daraus folgenden Einstellungen als Wissenschaftler) ging. Die Kontroversen ließen sich in der Frage zuspitzen, ob außer der Beobachtung von Kommunikationshandlungen, die auf der Basis der Texte ›schöner Literatur‹ vollzogen werden, auch die Rolle einer expertenhaft betriebenen ›Sinnproduktion‹ mit Hilfe von Literatur zulässig sei, ob sich Literaturwissenschaftler und Literaturwissenschaftlerinnen auf die Textinterpretation als ›Sinnstiftungsgewerbe‹ einlassen sollten.

Dem Einspruch, dass Textinterpretation nicht zu solchen objektivierbaren Ergebnissen kommen kann wie die (theoretisch begründete und systematisch organisierte) ›Beobachtung von Kommunikationshandlungen‹, gebe ich - wie schon vor zwei Jahrzehnten - ohne Zögern statt. Doch bleibe ich auch heute bei einer (kompromisslerischen) pragmatischen Einstellung: In unserer Gesellschaft besteht ein spezifischer Bedarf an Sinnverständigung mit Hilfe von ›schöner Literatur‹; warum dies so ist, müsste eine noch auszuarbeitende ›Sozialtheorie der Literatur‹ begründen. In unterschiedlichen institutionellen Konstellationen werden wir alle - ob Literaturwissenschaftler oder nicht - zu einem entsprechenden Umgang mit Literatur sozialisiert. Zugleich werden diese Sozialisationsleistungen von der Literaturwissenschaft angelegt und beobachtet, ja sogar kontrolliert und beherrscht. Dabei muss es nicht nur darum gehen, mögliche Interpretationen zu einem Text ›zu verknappen‹; es kann auch das Interesse entstehen, sie zu vermehren, ein breites Spektrum unterschiedlicher ›Textauslegungen‹ zu ermöglichen. Wie auch immer: Literaturwissenschaftler werden in der Expertengesellschaft von heute als Experten für Textinterpretation (und für das ›Einordnen‹ der interpretierten Texte in ›Literaturgeschichte‹) verstanden. Unter diesen Aspekten ›leistet‹ sich die Gesellschaft die Literaturwissenschaft. S. J. Schmidts Theorie-Engagement ging von der Konzeption aus, dass die Literaturwissenschaft auch Anderes (und Besseres) für die Gesellschaft erbringen könne. Doch haben sich davon weder die Gesellschaft noch die Literaturwissenschaft so richtig überzeugen lassen wollen. Über Gründe dafür will ich hier nicht spekulieren, sondern darauf verweisen, wie ich es ›mit der Interpretation halte‹.

Nachdem jeder Interpretation (als literaturwissenschaftlicher Aktion) eine Lektüre (oder mehrere Lektüren) des zu interpretierenden Textes vorausgeht, sollten wir mehr darüber wissen, wie wir und andere Leser Texte der ›schönen Literatur‹ lesen, wie unser Lektüreverhalten so sozialisiert wird, dass sich die Bedeutungszuschreibungen, die sich als ›Ergebnis‹ der Text-Lektüre darstellen, zumindest miteinander vermitteln lassen, wenn nicht gar mehr oder weniger weitreichend Übereinstimmungen zeigen. Ein solches Interesse eröffnet sogleich die Verbindungen zum Programm der Empirischen Literaturwissenschaft (beispielsweise zu Arbeiten von Reinhold Viehoff und Norbert Groeben).

Meine Anschluss-Frage führt mich dann auf ein Terrain, auf das mir die Siegener Gruppe noch folgen wird. Sie gilt den Konzeptionen, die uns bei der Zuschreibung von Bedeutung für Texte der ›schönen Literatur‹ leiten, und der Absicht, dafür explizierbare und plausible Vorgehensweisen zu entwickeln. Die Übereinstimmung wird allerdings beim nächsten Schritt ihr Ende finden. Ich halte - aus den oben genannten Gründen gesellschaftlicher Akzeptanz von Literaturwissenschaft - einiges davon, auf der Grundlage einsichtiger Bedeutungs(zuschreibungs)konzeptionen eine systematisch entwickelte und regelgeleitete Praxis literaturwissenschaftlicher Textanalyse und Textinterpretation (als spezifisches, d.h. als expertenhaftes Verfahren) anzustreben, um zu intersubjektiv nachvollziehbaren Interpretationen zu kommen, die sich dann als plausible und weniger plausible ordnen und in ihrer tatsächlichen Akzeptanz in der ›scientific community‹ als erfolgreiche und weniger erfolgreiche charakterisieren lassen.

Ich beschränke mich hier nur auf die Behauptung, dass es möglich ist, in einem ersten Schritt ›Interpretation‹ als weithin objektivierbare (d.h. regelgeleitete) ›strukturbestimmende Textanalyse‹ anzulegen, die dann in weiterreichende Bedeutungszuschreibungen, in ›Interpretation‹, überführt wird, indem der zu interpretierende Text mit bestimmten Kontexten (aus einer größeren Zahl möglicher Kontexte) in Verbindung gesetzt wird.[2] Wenn auch diese Auswahl expliziert und begründet, wenn der gewählte Kontext (bzw. die gewählten Kontexte) regelgeleitet genutzt wird (bzw. werden), dann verliert eine solche - in allen Entscheidungen - nachvollziehbare Interpretation einiges vom Ruch der ›Beliebigkeit‹. Es versteht sich unter diesen Maßgaben, dass Interpretationen nicht ›richtig‹ oder ›falsch‹, sondern nur ›plausibel‹ und ›weniger plausibel‹ im Bezug auf ein bestimmtes Interesse sein können.

Ebenso ließe sich die Praxis der Literaturgeschichtsschreibung in ihren jeweiligen Voraussetzungen und Vorgaben (beispielsweise im Nutzen bestimmter Annahmen zum Verlauf geschichtlicher Prozesse oder zur Verknüpfung von gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen) explizieren, systematisch begründen und regelgeleitet durchführen - selbst dann, wenn die historiographische Darstellung sich zu einem großen Anteil auf ›Textinterpretationen‹ stützt. Diese Interpretationen sind - so lässt sich verallgemeinern - von dem Interesse bestimmt, mit Hilfe literarischer Texte zu ›rekonstruieren‹, wie in einer historischen Situation geschichtlich relevante Erfahrungen in sinnbesetzten Zusammenhängen ›verarbeitet‹ wurden. An solchen Explikationen und Systematisierungen der Literaturgeschichtsschreibung war - weitaus mehr als als an der Praxis der Textinterpretation - die Siegener Gruppe um S. J. Schmidt interessiert, obwohl sich dieses Vorgehen nur im eingeschränkten Maße ›empirisch‹ anlegen lässt. Insbesondere die Arbeiten von Gebhard Rusch und S. J. Schmidt hierzu sind als Beispiel einer theoriebezogenen und systematisch ausgeführten (wenn auch nicht empirischen) Literaturgeschichtsschreibung anzusehen.

Schmidts Studie zur »Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert« (1989) ist in ihrem Anspruch zumeist missverstanden worden. Zum einen weil der Autor sich nur durch Forschungsliteratur vermittelt der ›Quellen‹ bedient, das geschichtliche Geschehen also gerade nicht im empirischer Vorgehen erschließt. Doch theoriebezogen und systematisch überzeugend ist seine Rekonstruktion allemal. Zum anderen vermissten die Rezensenten die Auseinandersetzung mit den literarischen Texten, die Interpretationen zum dichterischen Werk der Autoren. Doch beschränkt sich die Darstellung S. J. Schmidts ja explizit auf das ›Sozialsystem Literatur‹ und verzichtet weithin auf die Beschreibung des ›Symbolsystems Literatur‹.[3] Im konsequenten Umsetzen der explizierten Prämissen für das eigene Vorgehen erscheint mir Schmidts Studie als eindrucksvolles Exempel für theoriegestützte und regelgeleitete Historiographie.

Auch in einem weiteren Arbeitsfeld der Literaturwissenschaft, nämlich in der Literatursoziologie, sind aus der Siegener Arbeitsgruppe Unternehmungen und Veröffentlichungen entstanden (insbesondere von Achim Barsch), die zeigen, dass es für den ›Fortschritt der Wissenschaft‹ nützlicher ist, konsequent ein Untersuchungsprogramm zu entwickeln, mit Theoriebezügen zu stützen und in kontinuierlich-ergebnisreicher Arbeit umzusetzen, als einen Paradigmawechsel nach dem anderen zu inszenieren.

So habe auch ich keinen Anlass dafür gesehen, in die eilfertigen Lamentationen über das ›Ende für die Sozialgeschichte der Literatur‹ einzustimmen - nur weil sich im Laufe der 80er Jahre erwiesen hatte, dass sich nicht innerhalb eines Jahrzehnts ein Forschungsprogramm so ausarbeiten lässt, dass die historiographischen Unternehmungen einer großen Gruppe von Autoren in überzeugender Weise für die Epochen-Bände literaturgeschichtlicher Reihen koordiniert werden können. Ein ›Paradigma‹ sollte nicht preisgegeben werden, ehe es in allen seinen theoretischen Möglichkeiten hinreichend erprobt wurde: Theorie-Arbeit schändet nicht.

Gelegenheit zu gemeinsamen Diskussionen über konzeptuelle und theoretische Probleme der Literaturwissenschaft gab es für die Siegener und Münchner Gruppe in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten in vielfacher Weise: bei informellen Gesprächen, bei Workshops und Tagungen. In München wurde Joachim Linder verstärkt in die Debatten einbezogen; nach meinem Wechsel nach Hamburg (1983) kamen dort Lutz Danneberg und Friedrich Vollhardt hinzu, die seither die ›Theorie-Arbeit‹ mittragen. Eine ›kleine Geschichte‹ dieser Begegnungen, Auseinandersetzungen und Kooperationen zu schreiben, wäre ein Unternehmen für sich. Hier will ich mich nur auf ein ›Ereignis‹ konzentrieren, auf die Eröffnung des Siegener LUMIS-Instituts für Empirische Literatur- und Medienforschung am 6.12.1984. Ich hatte mich über die ehrenvolle Einladung, in Siegen zur Eröffnung zu sprechen, gefreut. Der Text des Vortrags wurde 1985 als Nr. 5 der LUMIS-Schriften in den Druck gegeben; der - ziemlich ausladende - Titel lautete: »Empirische Literaturwissenschaft: verschlossene wissenschaftliche Anstalt oder Bastion mit offenen Toren? Überlegungen zur Organisation literaturwissenschaftlicher Theorie und Praxis«. Ich will hier und heute an die Überlegungen aus dem Jahr 1984 anknüpfen, um kurz kennzeichnende Konstellationen der Theorie-Diskussionen der jüngsten Vergangenheit in der (germanistischen) Literaturwissenschaft ansprechen zu können.

Am NIKOLaustag des besagten Jahres war nach der Eröffnungsveranstaltung noch ein workshop angesetzt, zu dem auch Mitglieder der Münchner Theorie-Gruppe nach Siegen reisten.[4] Für mich war die Zugfahrt ›über die Dörfer‹ (mit so schönen Namen wie Letmathe, Altena, Werdohl, Plettenberg, Finnentrop, Altenhundem und Kreuztal), die Begegnung mit dem (zum Abbruch bestimmten) »Hotel Oderbein« und das Erklimmen des Siegener Wissenschaftsgipfels noch eine abenteuerliche Ersterfahrung. Nicht ehrfürchtig wollte ich mich nähern, sondern in der Rolle des austeilenden, aber freundlichen Krampus, eines zur empirischen Bekehrung noch nicht ganz bereiten hermeneutischen Gottseibeiuns.

Dass ich mich bei der Eröffnungsrede für das »Institut für Empirische Literatur- und Medienforschung« auf ›Probleme der Literaturwissenschaft‹ beschränkte und mich ›einen Teufel um die Medienwissenschaft scherte‹, kann ich mir heute kaum verzeihen. Es spricht für die Weitsicht S. J. Schmidts zur disziplinären Entwicklung der Literaturwissenschaft, dass er schon zu Beginn der 80er Jahre die medienwissenschaftliche Orientierung der Literaturwissenschaft als wichtige Forschungsaufgabe ansah und zu den Initiatoren des Fernseh-Sonderforschungsbereiches zählte, der 1985 der DFG von ihren Gutachtern zur Einrichtung empfohlen wurde. Erst zehn Jahre später waren ›im Fach‹ Fragen wie ›Literaturwissenschaft als Medienwissenschaft?« bzw. »Literaturwissenschaft oder Medienwissenschaft?« zu einem wichtigen Thema für die Zukunft der Disziplin geworden. Und heute werden an den meisten Universitäten in den alten und neuen Bundesländern Hörfunk, Film, Fernsehen, Videos und ästhetisch anspruchsvolle PC-Produktionen als unverzichtbare Gegenstandsgebiete für Lehre und Forschung angesehen - innerhalb und außerhalb der Zuständigkeit der Philologien. Also: »Von Siegen lernen, heißt siegen lernen«?

Was aber ist im Bereich der - im engeren Sinne - literaturwissenschaftlichen Praxis von den LUMIS-Aufbrüchen und -Herausforderungen aufgenommen worden? 1984 hatte ich im Rückblick auf S. J. Schmidts Entwürfe zu einer ›Empirischen Literaturwissenschaft‹ festgehalten, dass wir uns künftig mit einem »wohldurchdachten, konsistent enwickelten und anwendungsorientierten Forschungsprogramm« auseinanderzusetzen hätten, das für die Literaturwissenschaft einen »szientistischen Schub« auslösen könnte. Obwohl in der Folgezeit die Siegener Gruppe den Anspruch einschränkte, dass Literaturwissenschaft als Wissenschaft nur auf empirischer Grundlage betrieben werden könne und sich das LUMIS-Institut als »Bastion mit offenen Toren« erwies, wurde in der Fachdiskussion eher auf ›Ausgrenzung‹ der Empirischen Literaturwissenschaft gesetzt als dass man erwogen hätte, welche Arbeitsfelder der literaturwissenschaftlichen Praxis durch ›mehr Empirie‹ auch ›mehr Wissenschaftlichkeit‹ beanspruchen könnten. Stattdessen zogen in den Konzept-Debatten im Jahrzehnt von 1985 bis 1995 die Auseinandersetzungen mit dem Poststrukturalismus auf dem angestammten Terrain der ›Textinterpretation‹ die größte Aufmerksamkeit auf sich. Und wo der wissenschaftliche Umgang mit der ›schönen Literatur‹ theoretisch mit Bezügen auf ›Kommunikation‹ und ›Gesellschaft‹ fundiert werden sollte, gewann Luhmanns Systemtheorie nachhaltigen Einfluß. Womöglich kann jedoch mit dem Postulat, Literaturwissenschaft als ›Medien(kultur)wissenschaft‹ zu verstehen und zu betreiben, der Siegener Anspruch auf ›mehr Empirie‹ in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der ›schönen Literatur‹ erneuert werden.

Mit seiner ›Auswanderung‹ in die Publizistik und Kommunikationswissenschaft hat S. J. Schmidt entsprechende Zeichen gesetzt: in diesem disziplinären Bereich müssen sich seit jeher hermeneutische Forschungsprogramme gegenüber empirischen Vorgehensweisen rechtfertigen und nicht umgekehrt. Es bleibt zu hoffen, dass der ›Wechsel der Fronten‹ nicht ausschließt, dass S. J. Schmidt auch weiterhin die Verfahrensweisen der Literaturwissenschaft ›beobachtet‹ und mit Gegenvorschlägen konfrontiert. Weil nur durch Kritik zu lernen ist, hätte ich gerne einmal mit ihm ein gemeinsames Forschungsprojekt betrieben. Auf Veranlassung des Vorstandes der Gruppe der Hochschullehrer und Hochschullehrinnen im Germanistenverband hatten wir - im Verein mit weiteren Antragstellern - 1993 ein Projekt zu Möglichkeiten der Übertragung von Kategorien und Konzepten der Literaturwissenschaft in eine - noch zu organisierende - medienwissenschaftliche Praxis beim Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen eingereicht - allerdings ohne Erfolg. Doch hat diese Initiative des Germanistenverbandes immerhin dazu beigetragen, den Weg zu bereiten für das Kölner Kulturwissenschaftliche Forschungskolleg »Medien und kulturelle Kommunikation« und für die Ergänzung der DFG-Förderung durch Landesmittel.

Was mit der Gründung des LUMIS-Institutes an der Universität GHS Siegen in Gang gesetzt werden sollte, das Zusammenwirken von Literatur- und Medienforschung, ist heute als Strategie für disziplinäre Entwicklungen eine weithin akzeptierte Option; umstritten bleibt, ob man dabei vor allem hermeneutischen oder empirischen Forschungsprogrammen folgen soll. Wie auch immer - die Erfahrungen aus dem gemeinsamen Interesse an Theorie-Arbeit, die S. J. Schmidt und ich in unterschiedlicher Weise gemacht haben, geben Anlass dazu ein Bild von Wissenschaftskommunikation zu entwerfen, für das nicht Hesiod bemüht werden kann, aber immerhin der Kirchenvater Augustinus. Verheißungsvoll genug hat er es als Ideal von intellektueller Gemeinschaftlichkeit entworfen (Confessiones, IV, 8, 13); ich zitiere in freier Übersetzung (und wiederhole mich zu meiner Rede vom NIKOLaustag 1984):

Miteinander reden und lachen, sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen, zusammen wohlgeschriebene Bücher lesen, sich necken, dabei aber einander Achtung zeigen, mitunter sich auch streiten, ohne Haß, so wie man es einmal mit sich selbst tut; durch ebendiese Uneinigkeit die herrschende Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen [...].

»Allerdings«, wird man antworten, wäre dies wohl erst »das letzte Kapitel von der Geschichte der [gelehrten] Welt.«


1 Vgl. zu diesem Aspekt den Beitrag von Nikolaus Wegmann in »Literaturwissenschaft und Wissenschaftsforschung« (hg. von Jörg Schönert, Stuttgart/Weimar 2000, im Erscheinen), der sich mit dem Topos »Wer von der Sache nichts versteht, macht Theorie« unter dem Aspekt ›philologischer curiositas‹ beschäftigt.

2 Vgl. zu dieser Sicht der Dinge meine Überlegungen zu »‹Aber [...] wer ists?‹ - Die Referenz der Aktoren in ›Harzreise im Winter‹ als Deutungsproblem«. In: Gerhard Sauder (Hrsg.) (1996), Goethe-Gedichte. Zweiunddreißig Interpretationen, München/Wien, 89-99.

3 Vgl. zum systematisch organisierten Vorgehen bei Prozessbeschreibungen für das ›Symbolsystem Literatur‹ Michael Titzmann: Skizze einer integrativen Literaturgeschichte und ihres Ortes in einer Systematik der Literaturwissenschaft, in: ders (Hrsg.) (1991), Modelle des literarischen Strukturwandels, Tübingen, 395-438.

4 In einer Fußnote zum gedruckten Text meines Vortrags vom 6.12.1984 hatte ich die Veröffentlichung als »Null-Exemplar der MÜSTUZUMA-WIKO« (Münchner Studien zur mainüberschreitenden Wissenschaftskommunikation) bezeichnet, um das Siegener SPIEL mit Abkürzungen noch überbieten zu können.