Jörg Schönert

(Theorie-)Arbeit schändet nicht

   
             
 
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Für Festschriften zu Geburtstagen im Nahbereich des akademischen Ruhestandes können intertextuelle Bezüge in der Ruhmesgeschichte der abendländischen Kultur nicht hoch und weit genug greifen. Warum also nicht den alten Hesiod (Werke und Tage 311) bemühen, um sein Diktum mit einem ›on-dit‹ aus der jüngeren Geschichte der Literaturwissenschaft in den deutschen Landen zu verbinden, das denjenigen, die sich in den 50er und frühen 60er Jahren vor allem mit theoretischen Fragen befassten, bescheinigen wollte, dass sie mit dem Eigentlichen der Literaturwissenschaft, der ›schönen Literatur‹, nichts anfangen können.[1] Auch S. J. Schmidt ist diesem Vorwurf nicht entgangen. Einschränkungen wurden erst dann formuliert, als es sich herumgesprochen hatte, dass der ›Siegener Cheftheoretiker‹ nicht nur literaturtheoretische Abhandlungen, sondern auch literarische Texte zu schreiben versteht. Obwohl die literaturwissenschaftliche Theorie-Arbeit in den späten 60er Jahren für ein gutes Jahrzehnt lang höher im Kurs stand und sie derzeit in ihrem Marktwert noch beträchtlich vom Tiefpunkt vor 40/50 Jahren entfernt ist, muss auch heute ein vordringliches Interesse an theoretischen Fragen besonders gerechtfertigt werden. Um eine solche Rechtfertigung ist es mir hier weniger zu tun als um die rückblickende Beobachtung meiner ›Beobachtungen‹ zu S. J. Schmidts Beobachter- und Akteursrolle in unserer literaturwissenschaftlichen Praxis, der mehr theoretische Fundierung durchaus nicht schaden könnte.

Als 1979 an der Universität München von der DFG eine Forschergruppe zur Sozialgeschichte der Literatur eingerichtet wurde, war auch ein ›Theorie-Projekt‹ vorgesehen, dessen Ergebnisse schließlich 1988 zur Veröffentlichung kamen - unter dem Titel »Zur theoretischen Grundlegung einer Sozialgeschichte der Literatur« (hg. von Renate v. Heydebrand u.a.). Die ›Theorie-Arbeiter‹, zu denen auch Georg Jäger und ich zählten, stützten sich auf die Kooperation mit dem Soziologen (und Germanisten) Dieter Pfau und den soziologisch geschulten Doktoranden Friederike Meyer und Claus-Michael Ort. Hier war also eine Arbeitsgruppe am Werk, die einiges gemeinsam hatte mit dem Team, das S. J. Schmidt in Siegen um sich sammelte. Mit nachhaltiger Aufmerksamkeit (und Hochachtung) hatten wir S. J. Schmidts literaturtheoretische Arbeiten der 70er Jahre und seine Abwendung von der Sprachphilosophie hin zur Sozialwissenschaft verfolgt. Das besondere Interesse am ›Handlungssystem Literatur‹ (am ›Sozialsystem Literatur‹) teilte die Münchner mit der Siegener Gruppe. Und doch vollzog sich unsere Theorie-Arbeit unter anderen institutionellen und konzeptuellen Bedingungen. Sie war in den Prozess kontinuierlicher Entwicklung von Forschung einbezogen, während es den Kollegen in Siegen um einen ›Paradigmawechsel‹ in der Literaturwissenschaft zu tun war: im Ersetzen der hermeneutischen Grundlegung der Textwissenschaft durch eine empirisch begründete Wissenschaft von den literarischen Kommunikationshandlungen. Das Münchner Projekt sah dagegen in ›Sozialgeschichte der Literatur‹ nur eine von möglichen Perspektivierungen literaturwissenschaftlicher Interessen. Und unsere Aufmerksamkeit galt neben dem ›Sozialsystem Literatur‹ weiterhin (und gestärkt durch die gerade vollzogenen strukturalistischen und semiotischen Orientierungen der Literaturwissenschaft) dem ›Symbolsystem Literatur‹ und damit auch den Problemen einer überzeugenden Verknüpfung beider Konzeptionen und Forschungsinteressen.

Dass die Münchner Theoriegruppe mögliche ›Anschlüsse‹ an den gemeinhin akzeptierten Stand der Forschungsdiskussionen suchte, war nicht zuletzt darin begründet, dass Renate v. Heydebrand, Georg Jäger und ich neben der Theorie-Arbeit auch in Projekten zu Gegenständen der (weit gefassten) Literaturgeschichte engagiert waren. Vor allem aber hatten ›wir Jüngeren‹ (die ›Vierziger‹ Jäger, Pfau und ich sowie die gut zehn Jahre jüngeren Mitarbeiter Friederike Meyer und Claus-Michael Ort) unsere Theorie-Vorstellungen zu vermitteln gegenüber den etwas Älteren, nämlich Renate v. Heydebrand und Wolfgang Frühwald, die noch in anderen wissenschaftlichen Konstellationen ›sozialisiert‹ worden waren als wir. Und zudem war stets zu rechnen mit der milden (und hilfreichen) Skepsis von Friedrich Sengle gegenüber ›einem Theoretisieren‹, das allzu sehr von der ›Praxis der Literaturgeschichte‹ abhob. Da sich die literaturgeschichtlichen (Re-)Konstruktionen in der Regel auf die Ergebnisse der Interpretation von literarischen Texten stützen, wurden wir immer wieder mit der Frage konfrontiert: »Wo haben im Theorie-Entwurf die Texte ihren Ort, was bringt uns das für die Textinterpretation?«

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