Jörg Schönert
(Theorie-)Arbeit schändet nicht
Abschnitt 2

   
             
 
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Dass die Texte der ›schönen Literatur‹ das Ergebnis von Handlungen im ›Sozialsystem Literatur‹ sind, und dass aus Text-Lektüren Handlungen entstehen, die auch über das ›Sozialsystem Literatur‹ hinausreichen, ließ sich in den Diskussionen, die zu Beginn der 80er Jahre zwischen München und Siegen in Gang gesetzt wurden, rasch als gemeinsam akzeptierte Einsicht festhalten. Differenzen ergaben sich dann, wenn es um die möglichen literaturwissenschaftlichen Konsequenzen (und die daraus folgenden Einstellungen als Wissenschaftler) ging. Die Kontroversen ließen sich in der Frage zuspitzen, ob außer der Beobachtung von Kommunikationshandlungen, die auf der Basis der Texte ›schöner Literatur‹ vollzogen werden, auch die Rolle einer expertenhaft betriebenen ›Sinnproduktion‹ mit Hilfe von Literatur zulässig sei, ob sich Literaturwissenschaftler und Literaturwissenschaftlerinnen auf die Textinterpretation als ›Sinnstiftungsgewerbe‹ einlassen sollten.

Dem Einspruch, dass Textinterpretation nicht zu solchen objektivierbaren Ergebnissen kommen kann wie die (theoretisch begründete und systematisch organisierte) ›Beobachtung von Kommunikationshandlungen‹, gebe ich - wie schon vor zwei Jahrzehnten - ohne Zögern statt. Doch bleibe ich auch heute bei einer (kompromisslerischen) pragmatischen Einstellung: In unserer Gesellschaft besteht ein spezifischer Bedarf an Sinnverständigung mit Hilfe von ›schöner Literatur‹; warum dies so ist, müsste eine noch auszuarbeitende ›Sozialtheorie der Literatur‹ begründen. In unterschiedlichen institutionellen Konstellationen werden wir alle - ob Literaturwissenschaftler oder nicht - zu einem entsprechenden Umgang mit Literatur sozialisiert. Zugleich werden diese Sozialisationsleistungen von der Literaturwissenschaft angelegt und beobachtet, ja sogar kontrolliert und beherrscht. Dabei muss es nicht nur darum gehen, mögliche Interpretationen zu einem Text ›zu verknappen‹; es kann auch das Interesse entstehen, sie zu vermehren, ein breites Spektrum unterschiedlicher ›Textauslegungen‹ zu ermöglichen. Wie auch immer: Literaturwissenschaftler werden in der Expertengesellschaft von heute als Experten für Textinterpretation (und für das ›Einordnen‹ der interpretierten Texte in ›Literaturgeschichte‹) verstanden. Unter diesen Aspekten ›leistet‹ sich die Gesellschaft die Literaturwissenschaft. S. J. Schmidts Theorie-Engagement ging von der Konzeption aus, dass die Literaturwissenschaft auch Anderes (und Besseres) für die Gesellschaft erbringen könne. Doch haben sich davon weder die Gesellschaft noch die Literaturwissenschaft so richtig überzeugen lassen wollen. Über Gründe dafür will ich hier nicht spekulieren, sondern darauf verweisen, wie ich es ›mit der Interpretation halte‹.

Nachdem jeder Interpretation (als literaturwissenschaftlicher Aktion) eine Lektüre (oder mehrere Lektüren) des zu interpretierenden Textes vorausgeht, sollten wir mehr darüber wissen, wie wir und andere Leser Texte der ›schönen Literatur‹ lesen, wie unser Lektüreverhalten so sozialisiert wird, dass sich die Bedeutungszuschreibungen, die sich als ›Ergebnis‹ der Text-Lektüre darstellen, zumindest miteinander vermitteln lassen, wenn nicht gar mehr oder weniger weitreichend Übereinstimmungen zeigen. Ein solches Interesse eröffnet sogleich die Verbindungen zum Programm der Empirischen Literaturwissenschaft (beispielsweise zu Arbeiten von Reinhold Viehoff und Norbert Groeben).

Meine Anschluss-Frage führt mich dann auf ein Terrain, auf das mir die Siegener Gruppe noch folgen wird. Sie gilt den Konzeptionen, die uns bei der Zuschreibung von Bedeutung für Texte der ›schönen Literatur‹ leiten, und der Absicht, dafür explizierbare und plausible Vorgehensweisen zu entwickeln. Die Übereinstimmung wird allerdings beim nächsten Schritt ihr Ende finden. Ich halte - aus den oben genannten Gründen gesellschaftlicher Akzeptanz von Literaturwissenschaft - einiges davon, auf der Grundlage einsichtiger Bedeutungs(zuschreibungs)konzeptionen eine systematisch entwickelte und regelgeleitete Praxis literaturwissenschaftlicher Textanalyse und Textinterpretation (als spezifisches, d.h. als expertenhaftes Verfahren) anzustreben, um zu intersubjektiv nachvollziehbaren Interpretationen zu kommen, die sich dann als plausible und weniger plausible ordnen und in ihrer tatsächlichen Akzeptanz in der ›scientific community‹ als erfolgreiche und weniger erfolgreiche charakterisieren lassen.

Ich beschränke mich hier nur auf die Behauptung, dass es möglich ist, in einem ersten Schritt ›Interpretation‹ als weithin objektivierbare (d.h. regelgeleitete) ›strukturbestimmende Textanalyse‹ anzulegen, die dann in weiterreichende Bedeutungszuschreibungen, in ›Interpretation‹, überführt wird, indem der zu interpretierende Text mit bestimmten Kontexten (aus einer größeren Zahl möglicher Kontexte) in Verbindung gesetzt wird.[2] Wenn auch diese Auswahl expliziert und begründet, wenn der gewählte Kontext (bzw. die gewählten Kontexte) regelgeleitet genutzt wird (bzw. werden), dann verliert eine solche - in allen Entscheidungen - nachvollziehbare Interpretation einiges vom Ruch der ›Beliebigkeit‹. Es versteht sich unter diesen Maßgaben, dass Interpretationen nicht ›richtig‹ oder ›falsch‹, sondern nur ›plausibel‹ und ›weniger plausibel‹ im Bezug auf ein bestimmtes Interesse sein können.

Ebenso ließe sich die Praxis der Literaturgeschichtsschreibung in ihren jeweiligen Voraussetzungen und Vorgaben (beispielsweise im Nutzen bestimmter Annahmen zum Verlauf geschichtlicher Prozesse oder zur Verknüpfung von gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen) explizieren, systematisch begründen und regelgeleitet durchführen - selbst dann, wenn die historiographische Darstellung sich zu einem großen Anteil auf ›Textinterpretationen‹ stützt. Diese Interpretationen sind - so lässt sich verallgemeinern - von dem Interesse bestimmt, mit Hilfe literarischer Texte zu ›rekonstruieren‹, wie in einer historischen Situation geschichtlich relevante Erfahrungen in sinnbesetzten Zusammenhängen ›verarbeitet‹ wurden. An solchen Explikationen und Systematisierungen der Literaturgeschichtsschreibung war - weitaus mehr als als an der Praxis der Textinterpretation - die Siegener Gruppe um S. J. Schmidt interessiert, obwohl sich dieses Vorgehen nur im eingeschränkten Maße ›empirisch‹ anlegen lässt. Insbesondere die Arbeiten von Gebhard Rusch und S. J. Schmidt hierzu sind als Beispiel einer theoriebezogenen und systematisch ausgeführten (wenn auch nicht empirischen) Literaturgeschichtsschreibung anzusehen.

Schmidts Studie zur »Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert« (1989) ist in ihrem Anspruch zumeist missverstanden worden. Zum einen weil der Autor sich nur durch Forschungsliteratur vermittelt der ›Quellen‹ bedient, das geschichtliche Geschehen also gerade nicht im empirischer Vorgehen erschließt. Doch theoriebezogen und systematisch überzeugend ist seine Rekonstruktion allemal. Zum anderen vermissten die Rezensenten die Auseinandersetzung mit den literarischen Texten, die Interpretationen zum dichterischen Werk der Autoren. Doch beschränkt sich die Darstellung S. J. Schmidts ja explizit auf das ›Sozialsystem Literatur‹ und verzichtet weithin auf die Beschreibung des ›Symbolsystems Literatur‹.[3] Im konsequenten Umsetzen der explizierten Prämissen für das eigene Vorgehen erscheint mir Schmidts Studie als eindrucksvolles Exempel für theoriegestützte und regelgeleitete Historiographie.

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