Jörg Schönert
(Theorie-)Arbeit schändet nicht
Abschnitt 3

   
             
 
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Auch in einem weiteren Arbeitsfeld der Literaturwissenschaft, nämlich in der Literatursoziologie, sind aus der Siegener Arbeitsgruppe Unternehmungen und Veröffentlichungen entstanden (insbesondere von Achim Barsch), die zeigen, dass es für den ›Fortschritt der Wissenschaft‹ nützlicher ist, konsequent ein Untersuchungsprogramm zu entwickeln, mit Theoriebezügen zu stützen und in kontinuierlich-ergebnisreicher Arbeit umzusetzen, als einen Paradigmawechsel nach dem anderen zu inszenieren.

So habe auch ich keinen Anlass dafür gesehen, in die eilfertigen Lamentationen über das ›Ende für die Sozialgeschichte der Literatur‹ einzustimmen - nur weil sich im Laufe der 80er Jahre erwiesen hatte, dass sich nicht innerhalb eines Jahrzehnts ein Forschungsprogramm so ausarbeiten lässt, dass die historiographischen Unternehmungen einer großen Gruppe von Autoren in überzeugender Weise für die Epochen-Bände literaturgeschichtlicher Reihen koordiniert werden können. Ein ›Paradigma‹ sollte nicht preisgegeben werden, ehe es in allen seinen theoretischen Möglichkeiten hinreichend erprobt wurde: Theorie-Arbeit schändet nicht.

Gelegenheit zu gemeinsamen Diskussionen über konzeptuelle und theoretische Probleme der Literaturwissenschaft gab es für die Siegener und Münchner Gruppe in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten in vielfacher Weise: bei informellen Gesprächen, bei Workshops und Tagungen. In München wurde Joachim Linder verstärkt in die Debatten einbezogen; nach meinem Wechsel nach Hamburg (1983) kamen dort Lutz Danneberg und Friedrich Vollhardt hinzu, die seither die ›Theorie-Arbeit‹ mittragen. Eine ›kleine Geschichte‹ dieser Begegnungen, Auseinandersetzungen und Kooperationen zu schreiben, wäre ein Unternehmen für sich. Hier will ich mich nur auf ein ›Ereignis‹ konzentrieren, auf die Eröffnung des Siegener LUMIS-Instituts für Empirische Literatur- und Medienforschung am 6.12.1984. Ich hatte mich über die ehrenvolle Einladung, in Siegen zur Eröffnung zu sprechen, gefreut. Der Text des Vortrags wurde 1985 als Nr. 5 der LUMIS-Schriften in den Druck gegeben; der - ziemlich ausladende - Titel lautete: »Empirische Literaturwissenschaft: verschlossene wissenschaftliche Anstalt oder Bastion mit offenen Toren? Überlegungen zur Organisation literaturwissenschaftlicher Theorie und Praxis«. Ich will hier und heute an die Überlegungen aus dem Jahr 1984 anknüpfen, um kurz kennzeichnende Konstellationen der Theorie-Diskussionen der jüngsten Vergangenheit in der (germanistischen) Literaturwissenschaft ansprechen zu können.

Am NIKOLaustag des besagten Jahres war nach der Eröffnungsveranstaltung noch ein workshop angesetzt, zu dem auch Mitglieder der Münchner Theorie-Gruppe nach Siegen reisten.[4] Für mich war die Zugfahrt ›über die Dörfer‹ (mit so schönen Namen wie Letmathe, Altena, Werdohl, Plettenberg, Finnentrop, Altenhundem und Kreuztal), die Begegnung mit dem (zum Abbruch bestimmten) »Hotel Oderbein« und das Erklimmen des Siegener Wissenschaftsgipfels noch eine abenteuerliche Ersterfahrung. Nicht ehrfürchtig wollte ich mich nähern, sondern in der Rolle des austeilenden, aber freundlichen Krampus, eines zur empirischen Bekehrung noch nicht ganz bereiten hermeneutischen Gottseibeiuns.

Dass ich mich bei der Eröffnungsrede für das »Institut für Empirische Literatur- und Medienforschung« auf ›Probleme der Literaturwissenschaft‹ beschränkte und mich ›einen Teufel um die Medienwissenschaft scherte‹, kann ich mir heute kaum verzeihen. Es spricht für die Weitsicht S. J. Schmidts zur disziplinären Entwicklung der Literaturwissenschaft, dass er schon zu Beginn der 80er Jahre die medienwissenschaftliche Orientierung der Literaturwissenschaft als wichtige Forschungsaufgabe ansah und zu den Initiatoren des Fernseh-Sonderforschungsbereiches zählte, der 1985 der DFG von ihren Gutachtern zur Einrichtung empfohlen wurde. Erst zehn Jahre später waren ›im Fach‹ Fragen wie ›Literaturwissenschaft als Medienwissenschaft?« bzw. »Literaturwissenschaft oder Medienwissenschaft?« zu einem wichtigen Thema für die Zukunft der Disziplin geworden. Und heute werden an den meisten Universitäten in den alten und neuen Bundesländern Hörfunk, Film, Fernsehen, Videos und ästhetisch anspruchsvolle PC-Produktionen als unverzichtbare Gegenstandsgebiete für Lehre und Forschung angesehen - innerhalb und außerhalb der Zuständigkeit der Philologien. Also: »Von Siegen lernen, heißt siegen lernen«?

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