Jörg Schönert
(Theorie-)Arbeit schändet nicht
Abschnitt 4

   
             
 
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Was aber ist im Bereich der - im engeren Sinne - literaturwissenschaftlichen Praxis von den LUMIS-Aufbrüchen und -Herausforderungen aufgenommen worden? 1984 hatte ich im Rückblick auf S. J. Schmidts Entwürfe zu einer ›Empirischen Literaturwissenschaft‹ festgehalten, dass wir uns künftig mit einem »wohldurchdachten, konsistent enwickelten und anwendungsorientierten Forschungsprogramm« auseinanderzusetzen hätten, das für die Literaturwissenschaft einen »szientistischen Schub« auslösen könnte. Obwohl in der Folgezeit die Siegener Gruppe den Anspruch einschränkte, dass Literaturwissenschaft als Wissenschaft nur auf empirischer Grundlage betrieben werden könne und sich das LUMIS-Institut als »Bastion mit offenen Toren« erwies, wurde in der Fachdiskussion eher auf ›Ausgrenzung‹ der Empirischen Literaturwissenschaft gesetzt als dass man erwogen hätte, welche Arbeitsfelder der literaturwissenschaftlichen Praxis durch ›mehr Empirie‹ auch ›mehr Wissenschaftlichkeit‹ beanspruchen könnten. Statt dessen zogen in den Konzept-Debatten im Jahrzehnt von 1985 bis 1995 die Auseinandersetzungen mit dem Poststrukturalismus auf dem angestammten Terrain der ›Textinterpretation‹ die größte Aufmerksamkeit auf sich. Und wo der wissenschaftliche Umgang mit der ›schönen Literatur‹ theoretisch mit Bezügen auf ›Kommunikation‹ und ›Gesellschaft‹ fundiert werden sollte, gewann Luhmanns Systemtheorie nachhaltigen Einfluss. Womöglich kann jedoch mit dem Postulat, Literaturwissenschaft als ›Medien(kultur)wissenschaft‹ zu verstehen und zu betreiben, der Siegener Anspruch auf ›mehr Empirie‹ in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der ›schönen Literatur‹ erneuert werden.

Mit seiner ›Auswanderung‹ in die Publizistik und Kommunikationswissenschaft hat S. J. Schmidt entsprechende Zeichen gesetzt: in diesem disziplinären Bereich müssen sich seit jeher hermeneutische Forschungsprogramme gegenüber empirischen Vorgehensweisen rechtfertigen und nicht umgekehrt. Es bleibt zu hoffen, dass der ›Wechsel der Fronten‹ nicht ausschließt, dass S. J. Schmidt auch weiterhin die Verfahrensweisen der Literaturwissenschaft ›beobachtet‹ und mit Gegenvorschlägen konfrontiert. Weil nur durch Kritik zu lernen ist, hätte ich gerne einmal mit ihm ein gemeinsames Forschungsprojekt betrieben. Auf Veranlassung des Vorstandes der Gruppe der Hochschullehrer und Hochschullehrinnen im Germanistenverband hatten wir - im Verein mit weiteren Antragstellern - 1993 ein Projekt zu Möglichkeiten der Übertragung von Kategorien und Konzepten der Literaturwissenschaft in eine - noch zu organisierende - medienwissenschaftliche Praxis beim Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen eingereicht - allerdings ohne Erfolg. Doch hat diese Initiative des Germanistenverbandes immerhin dazu beigetragen, den Weg zu bereiten für das Kölner Kulturwissenschaftliche Forschungskolleg »Medien und kulturelle Kommunikation« und für die Ergänzung der DFG-Förderung durch Landesmittel.

Was mit der Gründung des LUMIS-Institutes an der Universität GHS Siegen in Gang gesetzt werden sollte, das Zusammenwirken von Literatur- und Medienforschung, ist heute als Strategie für disziplinäre Entwicklungen eine weithin akzeptierte Option; umstritten bleibt, ob man dabei vor allem hermeneutischen oder empirischen Forschungsprogrammen folgen soll. Wie auch immer - die Erfahrungen aus dem gemeinsamen Interesse an Theorie-Arbeit, die S. J. Schmidt und ich in unterschiedlicher Weise gemacht haben, geben Anlass dazu ein Bild von Wissenschaftskommunikation zu entwerfen, für das nicht Hesiod bemüht werden kann, aber immerhin der Kirchenvater Augustinus. Verheißungsvoll genug hat er es als Ideal von intellektueller Gemeinschaftlichkeit entworfen (Confessiones, IV, 8, 13); ich zitiere in freier Übersetzung (und wiederhole mich zu meiner Rede vom NIKOLaustag 1984):

Miteinander reden und lachen, sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen, zusammen wohlgeschriebene Bücher lesen, sich necken, dabei aber einander Achtung zeigen, mitunter sich auch streiten, ohne Haß, so wie man es einmal mit sich selbst tut; durch ebendiese Uneinigkeit die herrschende Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen [...].

»Allerdings«, wird man antworten, wäre dies wohl erst »das letzte Kapitel von der Geschichte der [gelehrten] Welt.«

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