Reinhold Viehoff

Das SJS-Paradigma

Im Frühsommer 1981 nahm ich zum ersten Mal an einer NIKOL-Sitzung teil. Sie fand an der Universität in Bielefeld statt, in einem schmalen, eher muffigen Zimmer. Mir wurden von Siegfried J. Schmidt alle Teilnehmer der Runde vorgestellt - Peter Finke, Jan Wirrer, Walther Kindt, Achim Barsch, Gebhard Rusch - jeweils mit den Forschungs- und Spezialgebieten: ich war beeindruckt und hörte zu, worüber diskutiert wurde. Gegenstand der Diskussion war ein Kapitel aus dem Band 2 des Grundrisses, dessen erster Band schon bei Vieweg erschienen war, und dessen Lektüre mich dazu bewogen hatte, das Angebot anzunehmen und bei Siegfried J. Schmidt, der inzwischen den Ruf an die Universität Siegen angenommen hatte, im Sommer eine Stelle anzutreten.

Diese Diskussion ist mir - ohne genaue Details - als eine Art von Schlüsselerlebnis immer in Erinnerung geblieben. Merkwürdig fand ich nämlich, mit wieviel Sicherheit von dem »Literatursystem« gesprochen wurde, so als ob man einem solchen System jederzeit auf der Straße begegnen könne, wenn man nur die Augen aufmache. Bestimmte, aus meiner Sicht hochspekulative und rein hypothetische Vermutungen über literarische Handlungsrollen und Facetten von literarischen Rollenspielen wurden diskutiert als ob es sich um den banalsten Alltagsfall handele, mit dem jeder sich täglich herumschlagen müsse. In meinen Augen triviale literarische Ereignisse oder auch solche weit außerhalb dessen, was ich vorher überhaupt als literarisches Problem angesehen hätte, wurden als ausgesprochen brisante Probleme eines sozusagen »real existierenden« Literatursystems und faktischen literarischen Handelns angesprochen, wobei die Tragweite des Problems mit der Länge der Diskussion eher zunahm. Kurz: ich hatte den ersten Eindruck, in einen Kreis geraten zu sein, der sich auf eine beinahe virtuelle Art mit Problemen beschäftigte, die diese Probleme erst erzeugte. Diese Gruppe wirkte bei dieser ersten Begegnung auf mich wie eine Versammlung von wissenschaftlichen Tagträumern, die mit großer Entschiedenheit ihre Träume als Wirklichkeit anzusehen sich entschlossen hatte. Das Verhalten kam mir völlig paradox vor, denn die Widersprüche, die die Gruppe beschäftigten, waren für einen - damals vollständig - Außenstehenden wie mich entweder überhaupt keine Widersprüche oder aber solche, die nur scheinbar von der besonderen Tragweite und Problematik waren, die ihr die Gruppe zuwies, etwa Fragen der literarischen Interpretation, dem schon damals erkennbaren Hauptfeind aller empirischen Literaturwissenschaft. Mir schien, daß man auf diese Weise nicht wirklich erfolgreich die klassische Literaturwissenschaft aushebeln und mit Erfolg würde Empirisieren können; denn wenn ich schon nicht sofort zu überzeugen war, wie sollten es dann überzeugte und erfolgreiche Interpretationspäpste sein? Gleichwohl war mir auch klar, daß ein solches Projekt wie das der Empirischen Literaturwissenschaft nicht einfach scheitern konnte, weil die sozialwissenschaftlichen und handlungstheoretischen Grundideen zu gut und gegen Scheitern resistent waren.

Nun ist dieser erste - paradoxe - Eindruck natürlich im Laufe der Jahre nicht und nicht ausschließlich bestätigt worden. Gleichwohl soll diese Erinnerung hier an den Beginn gestellt sein, weil sich damit für mich das Motiv verbindet, unter das ich diesen kurzen Essay stelle. Das Motiv von der paradoxen Struktur des SJS-Paradigmas und meiner paradoxen Erfahrung damit.

1

Mit der Entwicklung der empirischen Literaturwissenschaft Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre hat Siegfried J. Schmidt sein analytisch-konstruktives Paradigma, seine Wissenschaftskonzeption an die Stelle der hermeneutischen Mehrheitsmeinung in der Literaturwissenschaft gestellt. Das erklärte Ziel war es, dieses vorherrschende Paradigma vom spekulativ-interpretativen »hermeneutischen Kopf« auf empirisch-analytisch fest verankerte »wissenschaftliche Füße« zu stellen. Am Ende dieses Prozesses sollte es die empirische Literaturwissenschaft als neues Paradigma der Literaturwissenschaft geben, und eigentlich sollte es auch nur noch die empirische Literaturwissenschaft als Paradigma geben.

Wenn man sich heute, also gut zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des »Grundrisses Band 1« die universitäre Landschaft der institutionalisierten Germanistik / Literaturwissenschaft im Hinblick auf Binnendifferenzierung und Wandel ansieht, so ist von einer wirklich umfassenden Resonanz der empirischen Literaturwissenschaft nichts zu sehen oder zu hören. Zwar gibt es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an diesem Konzept weiterhin interessiert sind und manchmal auch entsprechend publizieren, zwar gibt es eine Zeitschrift SPIEL, die sich programmatisch der Förderung der empirischen Literaturwissenschaft verschrieben hat und die ohne Subventionen nun schon seit zwanzig Jahren erscheint, zwar gibt es eine wissenschaftliche Vereinigung IGEL, die gerade in diesem Jahr 2000 in Toronto einen gut besuchten Internationalen Kongreß durchgeführt hat, zwar gab es bis vor kurzem noch eine eigene Buchreihe NIKOL, in der wissenschaftliche Publikationen aus dem Umfeld der empirischen Literaturwissenschaft erschienen, zwar gibt es inzwischen auch einige Handbücher und Lexika, in denen die empirische Literaturwissenschaft erwähnt wird, - aber der damalige Anspruch der Empirischen Literaturwissenschaft, als ein neues literaturwissenschaftliches Paradigma auf allen Ebenen der Kuhnschen Matrix sich so zu entwickeln, daß sie an Stelle der traditionellen Literaturwissenschaft treten könne, dieser Anspruch ist bis heute nicht eingelöst worden.

Im Gegenteil, wenn nicht alles täuscht, dann wird in der nahen Zukunft das Konzept der Empirischen Literaturwissenschaft innerhalb der literaturwissenschaftlichen Disziplinen lediglich in der - damals so genannten »schwachen« - Version einer Empirisierung von Teilfragestellungen und methodischen Verfahren noch wirksam sein. Der eigentliche Tagtraum der NIKOL-Gruppe, eine nicht-konservative Literaturwissenschaft so erfolgreich durchzusetzen, daß sie als Basiskonzept der Literaturwissenschaften die klassischen hermeneutischen Grundlagen der Philologien ablösen können würde, hat sich so nicht erfüllt. Dennoch ist das Konzept nicht gescheitert, sondern außerordentlich erfolgreich. Meine These ist, daß sich die Empirische Literaturwissenschaft seit der Konzeption des Grundrisses Ende der siebziger Jahre in einer paradoxen Verquickung von Scheitern und Erfolg beinahe selbst zugrunde gerichtet hat, um erfolgreich zu sein. Die Empirische Literaturwissenschaft in der NIKOL-Konzeption ist heute kaum mehr ein Stachel im Fleisch der wissenschaftlichen Literaturinterpreten und Literaturgeschichtsschreiber. Und gleichwohl löst das, was aus ihr geworden ist, heute die größten Ängste um universitäres Terrain und um den Zugriff auf knappe Ressourcen bei den klassischen Philologien aus.

Wenn man nämlich einen zweiten Blick auf die gegenwärtige Landschaft der universitären Entwicklungen wirft und beobachtet, wo besonders dynamische Studiengänge und -konzepte entstehen, so ist an kaum einer deutschen Universität gegenwärtig die sogenannte Medienwissenschaft zu übersehen. Fachbereiche, die früher »Sprach- und Literaturwissenschaft« hießen, nennen sich um in »Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft«, literaturwissenschaftliche Fachbereiche haben darüber hinaus in der Vergangenheit weit ausstrahlende medienwissenschaftliche Sonderforschungsbereiche etabliert. Es gibt inzwischen fast keine deutsche Universität mehr, die nicht in irgendeiner Form einen »medienwissenschaftlichen« Studiengang anbietet. An knapp 70 universitären Einrichtungen finden sich gegenwärtig medienwissenschaftliche Studiengänge oder Institutionen, und nicht wenige davon sind aus den muttersprachlichen Literaturwissenschaften, aus der (germanistischen) Sprach- und Literaturwissenschaft hervorgegangen.

Diese neuen Studiengänge und Studienrichtungen sind natürlich nicht alle Ergebnis der wissenschaftlichen Durchsetzungskraft der empirischen Literaturwissenschaft, sie sind nicht alle als Beweis dafür zu interpretieren, daß mit dem Buch von Siegfried J. Schmidt 1981 der Beginn einer historischen Wende von der Literaturwissenschaft zur Medienwissenschaft begonnen hat. Aber umgekehrt gilt: es gäbe viele dieser Studienrichtungen heute nicht, wenn es nicht vorher die Konzeption Empirische Literaturwissenschaft gegeben hätte.

2

Vom »Grundriss Band 1« diesen weiten Bogen über eine Generation, über zwanzig oder gar fünfundzwanzig Jahre zu schlagen bis hin zur institutionellen Etablierung der Medienwissenschaft an den deutschsprachigen Universitäten, inzwischen meist unabhängig von der Sprach- und Literaturwissenschaft, ist deshalb nützlich, weil so die Zeiträume etwas angedeutet sind, in denen sich disziplinäre Veränderungen durchzusetzen beginnen. Dieser in den letzten Jahrzehnten beobachtbare Wandel der Literaturwissenschaft ist nicht zufällig so geworden, wie er geworden ist. Dieser Wandel ging aus von einer Krisenerfahrung.

Bekanntlich eignen sich Krisen alter Paradigmen besonders gut dazu, daß sich neue Gedanken und Konzepte durchsetzen. Die Krisendiagnostik zur Situation der Germanistik und der Literaturwissenschaft insgesamt war Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre - vor allem im Zusammenhang mit dem sogenannten Methodenstreit - allgegenwärtig. Hinzu kamen Ursachen und »Kontexte«, die nicht von der Literaturwissenschaft ausgingen, sie aber besonders hart trafen. Dazu gehört einmal der umfassende kulturelle Wandel - Stichwort 1968 - , dazu gehört eine unerhörte Expansion des deutschen Hochschulwesens mit zahlreichen Neugründungen, und dazu gehört auch, daß sich die Anstellungschancen für Lehrer Ende der siebziger Jahre dramatisch verschlechterten. Neben diesen von außen die Bedingungen literaturwissenschaftlichen Lehrens und Forschens bestimmenden Veränderungen gab es natürlich auch wissenschaftsinterne Fragen (und anschließende) Probleme, die zu Krisen führten. Die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Forschungen und Forschungspositionen war ohne Zweifel in dieser Zeit eine grundsätzliche Frage, die auf die Geisteswissenschaften krisenhafte Auswirkungen hatte.

In dieser Lage wurde die traditionelle Literaturwissenschaft damit konfrontiert, daß sie mindestens von zwei Seiten grundsätzlich in Frage gestellt wurde, und zwar in dem, was sie tat, und in dem, wie sie es tat, und auch in dem, wie sie dies alles begründete. Beide Seiten bezogen dabei - zumindest zu Beginn der Debatte - wesentliche Argumente aus eben jenem eher deutschen Positivismusstreit, der mit Argumenten einerseits aus der Hermeneutik und der dialektisch-kritischen Linie von Hegel über Marx her geführt wurde, andererseits mit solchen aus der angelsächsischen Tradition der analytischen Wissenschaftstheorie und des kritischen Rationalismus. Die eine Gruppe, der ich mich seit damals weit eher zugehörig gefühlt habe als der zweiten, warf der etablierten Literaturwissenschaft vor, unpolitisch bzw. ohne kritisches Bewußtsein und gesellschaftliche Analyse sich ihres Gegenstandes zu bemächtigen und damit doch nur die in Traditionen manifestierte und geronnene »Macht des Erfolges« - im ökonomischen, im kulturellen und auch im speziell literarischen Produktions- und Konsumtionszusammenhang - zu feiern. Die andere Gruppe kritisierte szientistisch, daß die eingeübten Methoden und theoretischen Hintergrundannahmen - etwa die vom »hermeneutischen Zirkel« - wegen ihrer Ambivalenz, ihrer Ungenauigkeit und ihrer je beliebigen Berücksichtigung von diesen oder jenen Voraussetzungen wissenschaftlich nicht länger tragfähig seien. Das war die Position der NIKOL-Gruppe, die ich damals kennen lernte (wobei ich das »Lernen« dieser Position betone) und in der ich dann auch bis zum Ende mitgearbeitet habe.

In beiden Gruppen begannen, über die bloße Kritik hinaus, eine Reihe von Wissenschaftlern damit, diese Defizite produktiv zu bearbeiten. Sie konzentrierten sich dabei darauf, vor allem die fehlende Bedeutsamkeit der literaturwissenschaftlichen Forschung für allgemeine gesellschaftliche bzw. im engeren Sinne auch wissenschaftliche Probleme, Bezugsgruppen und »Methodenschulen« zu beheben und - zumindest - durch neue Problembeschreibungen zu ersetzen. Neben der marxistischen oder ideologiekritischen Linie war eine der konstruktiven Antworten auf die vielzitierte Krise der »Relevanz« von literaturwissenschaftlichen Studien die Entwicklung von sozialwissenschaftlichen und empirischen Forschungsansätzen in der Literaturwissenschaft durch Norbert Groeben und Siegfried J. Schmidt.

Ohne hier näher auf die Unterschiede der Positionen von Groeben und Schmidt einzugehen kann man doch für beide Richtungen festhalten, dass man sich aus der Empirisierung generell nicht nur eine »härtere« Forschung versprach, die z.B. überprüfbar wäre, sondern auch einen Anschluß an die wissenschaftlichen Diskurse der empirisierten Kulturwissenschaften wie Soziologie und Psychologie, die neben der Linguistik zu den Leitdisziplinen der literaturwissenschaftlichen Erneuerung in den siebziger und achtziger Jahren avancierten.

Das Diskursklima der damaligen Zeit wurde von den folgenden Problemen bestimmt. Sie gemeinsam ergaben jene kritische Grundstimmung, die für den notwendigen Veränderungsdruck sorgte.

Diese innerdisziplinären Erweiterungen und Veränderungen waren allesamt aus dem Perspektivwechsel entstanden, den die politisierte und auf Veränderungen drängende literarische Öffentlichkeit in und außerhalb der Universitäten erzwungen hatte. Es schien nicht mehr möglich und nur schwer zu rechtfertigen, die zweihundertste Interpretation der Kafkaschen »Verwandlung« zu schreiben und wissenschafts-öffentlich zu diskutieren, aber die in der allgemeinen Öffentlichkeit diskutierten Rezeptionsereignisse wie etwa »Das Halstuch« oder den Beginn der »Tatort-Serie« wissenschaftlich zu ignorieren. Man wollte etwas Genaues über die kommunikativ-ästhetische Funktion solcher Fernsehsendungen wissen und nicht mehr in metaphorischer Sprache beschrieben lesen, wie z.B. auf einen hochspezialisierten Goetheforscher die erneute Lektüre des »Faust« wirkt.

Gerade angesichts eines expandierenden Marktes des Massenmedien, besonders der audiovisuellen Medien wie Fernsehen und Video, und gerade angesichts des kaum angezweifelten allgemeinen Manipulationsverdachtes gegen die Betreiber dieses internationalen Medienmarktes schien es auch vielen Literaturwissenschaftlern nicht mehr möglich, sich ausschließlich mit historisierender Betrachtung und artifizieller Interpretation literarischer Werke des »gegebenen« Kanons zu beschäftigen. Prognosen etwa über das »Ende des Buchzeitalters« machten - auch für den engen Bereich der Literatur-Literatur hinaus - Probleme bewusst und setzten solche Fragen auf die agenda, die mit dem traditionellen theoretischen und methodischen Instrumentarium nicht mehr bewältigt und beantwortet werden konnten.

3

Methodische und theoretische Anleihen bei den etablierten - und gesellschaftlich anerkannten - Sozialwissenschaften waren eine der Konsequenzen: zuerst nur geduldet als eine Art »Hilfsdienst« oder »Hilfswissenschaft wurde daraus ein starkes Mittel, um die empirische Rezeptionsforschung, die Textverstehens- und Leserforschung, die Trivialliteratur und Fernsehforschung näher an die (in nomologischen Wissenschaften gewünschte) Intersubjektivität der Verfahren heran zu führen, hypothesenprüfende Forschungsprozesse brachten zunehmend durch entsprechende Prüfverfahren die geforderte Distanz von Gegenstand und Beobachter. Ein solches langsames Anwachsen und Erstarken der »Hilfs- und Kontextwissenschaften« und die immer häufiger angestrebte nomologische Struktur von Argumentationen in literaturwissenschaftlichen Arbeiten zeigten bald weitere grundsätzliche Wirkungen.

In der traditionellen Literaturwissenschaft lösten sich in der Lehre und auch in der publizierten Forschung die vorher scharfen Grenzen des Gegenstandsbereiches »Literatur = (schriftsprachlicher) Text« auf. Werkimmanente Interpretationen, auch solche, die vordem im Rahmen einer essentialistischen Textauffassung als paradigmatisch ›beste‹ Lösungen, d.h. als schöne, originelle, kunstvolle und zeitgenössisch adäquate Verstehens- und Deutungsleistungen gegolten hatten, erhielten im Umkreis der empirischen Forschungsansätze énur' noch den Status heuristischer Entwürfe zum Ableiten von Hypothesen. Sie konnten dazu dienen, bestimmte Literaturauffassungen, die jeweils funktionalen Werte des Literaturbegriffs für eine bestimmte Verstehensleistung besser zu erklären und deren handlungsleitende Kraft bei Lesern zu prüfen. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Ein solches Modell mußte und konnte natürlich nicht auf naive Leser beschränkt bleiben, sondern durchaus auch professionelle Leser - Literaturkritiker und -wissenschaftler - zum »Objekt« der Untersuchung machen. Zu prüfen war dann generell, wie bestimmte Leser mit Texten interpretativ deutend umgingen, die sie für literarisch hielten. Zu prüfen war, aufgrund welcher Voraussetzungen sie dies taten, mit welchen Absichten, Interessen, Gefühlen, welche Wirkungen zu beobachten waren und anderes mehr. Diese ›Selbstbeobachtung‹ von Literaturwissenschaftlern bedeutete nichts weniger als daß die von ihnen betriebene Literaturwissenschaft sich zu einer empirischen Handlungswissenschaft veränderte. Eine Literaturwissenschaft als Handlungswissenschaft im Sinne der NIKOL-Konzeption der Empirischen Literaturwissenschaft schien in der Lage, all jene unterschiedlichen Perspektiven der Forschung zu bündeln und dabei diese Perspektiven nicht länger an »Hilfswissenschaften« auszugliedern, sondern einem zusammenhängenden wissenschaftlichen Paradigma der Literaturwissenschaft zu integrieren. So habe ich das damals gesehen und so habe ich an der NIKOL-Konzeption mitgearbeitet.

Es liegt auf der Hand, daß durch solche Entwicklungen und schließlich durch die Publikation des »Grundrisses« die Interpretations-Bastionen traditioneller Literaturwissenschaft bis in die theoretischen Grundfesten erschüttert wurden. Die Textinterpretation, die neben der Literaturgeschichtsschreibung traditionell als Kernbereich der Literaturwissenschaft gilt, ging nämlich von einem essentialistischen Literaturbegriff aus. Dieser Literaturbegriff wurde nun kritisiert, de-ontologisiert und schließlich - im Rahmen der handlungstheoretischen Überlegungen - zu einem funktionalen Literaturbegriff entfaltet, der empirisch überprüft werden konnte. Der Text und seine Bedeutung werden danach zu einer Funktion spezieller, auf den Text bezogener Handungen. Damit verändert sich endlich fundamental der Gegenstandsbereich dieser Literatur-Wissenschaft: denn jetzt ist nicht mehr der literarische Text einziges oder wichtigstes Moment, sondern jetzt ist es der beschreibbare, analysierbare und erklärbare Umgang von Menschen mit Texten, der das Gegenstandsfeld der Wissenschaft bildet. Die Ursachen dafür, daß das Prädikat »ist literarisch« in einem kognitiven und sozialen Prozess zugeordnet wird, müssen nicht mehr im Text gesucht werden. Plausibler ist es, sie in den sozial verbindlichen und im Wissen der Subjekte eingelagerten Regulationen - Konventionen, Werten, Normen, Gebräuchen, Stilen - zu suchen.

Mit dieser Entwicklung und der theoretischen Formulierung des Zusammenhangs im »Grundriss« war die Literaturwissenschaft - zumindest in solchen avancierten Schulen und Forschungsrichtungen wie sie die NIKOL-Gruppe darstellte - an der Schwelle eines neuen Paradigmas angelangt. Die Literaturwissenschaft war deshalb durch solche Vorarbeiten theoretisch vorbereitet auf den extraordinary cultural turn der achtziger und neunziger Jahre, den Jeffrey C. Alexander beschrieben hat und der - zumindest in Teilen - zu einer neuen »disziplinären Identität« (Jörg Schönert) führen mußte, allerdings nicht innerhalb der Literaturwissenschaften, sondern - paradoxerweise - außerhalb.

Beide Kernannahmen der empirischen Literaturwissenschaft - die vom funktionalen Textbegriff und die von der handlungstheoretischen Begründung - sind mit einer dritten logisch verbunden: der Kernannahme nämlich, daß es bei der Literaturwissenschaft darum geht, Fragen zu stellen, die durch empirische Forschung, durch intersubjektiv nachvollziehbaren Regeln, durch sichere und ergiebige Methoden prüfbar und womöglich auch beantwortbar sind. Aus dieser Kernannahme leitet sich die - gegenüber den traditionellen literaturwissenschaftlichen Ansätzen besonders »provokante« wissenschaftliche Haltung ab, den Forschungsgegenstand methodisch zu distanzieren, also als Literaturwissenschaftler selbst nicht innerhalb des literarischen Handlungssystems (nach den dort geltenden Regeln des kreativ-hedonistischen Umgangs mit Texten), sondern innerhalb des Wissenschaftssystems nach den dort geltenden Regeln der Explizitheit, der Relevanz und der Theorieorientierung zu handeln.

Spätestens hier erfolgte durch die Arbeiten von Siegfried J. Schmidt und seiner Arbeitsgruppe NIKOL dann der Rückgriff auf Thomas S. Kuhns wissenschaftssoziologische Neuinterpretation von wissenschaftlichen Paradigmen. Im Sinne Kuhns wurde der disziplinäre Rahmen dieser ›neuen‹ Modelle (bevorzugte Analogien und Metaphern), wurden die ›neuen‹ Werte (metatheoretische Orientierungen wie Explizität, Überprüfbarkeit, ...) und ›neuen‹ (angestrebten) Musterlösungen (exemplarische Problemlösungen) mit einer ›neuen‹ Fachsprache in Form symbolischer Verallgemeinerungen verbunden. Die erfolgreichsten Modelle der empirischen Literaturwissenschaft, die am besten zu begründenden Werte der empirischen Literaturwissenschaft und die am ehesten akzeptierten Musterlösungen der empirischen Literaturwissenschaft in dieser Entwicklung haben zur Medienwissenschaft geführt.

Der entscheidende Schritt dazu war mit diesem konzeptionellen Rahmen getan. Denn es zeigte sich, daß jetzt konsequent und konsistent literarische (ans Medium des Buches gebundene) Kommunikation und überhaupt jede Form medialer Kommunikation nur noch hinreichend analysiert und diskutiert werden konnte, wenn man die inzwischen schon mehrstelligen Aussagen um eben mindestens eine weitere Relation ergänzte: die Medien.

4

Diese Ergänzung und Erweiterung vorzunehmen war zwingend. Eine Wissenschaft nämlich, die nach langen Mühen erklärte, ihr Gegenstand und ihre Aufgabe sei es, das literarische Handeln von Subjekten in sozialen Gruppen, Subkulturen und Gesellschaften zu untersuchen, steht bei der weiteren Entfaltung der eigenen Grundannahmen, der Anwendung der Theorie und der Differenzierung der Modelle vor zwei zentralen Aufgaben. Sie muß einmal zu klären versuchen, wie alle einzelnen Handlungen in einem Handlungssystem zusammenhängen, wobei allererst der Begriff der Handlung und des Handlungssystems selbst erläutert werden muß. Und sie muß sich zum weiten dem Problem stellen, daß literarisches Handeln und seine Funktionen nicht exklusiv an ein Handlungsmedium gebunden ist, sondern die Medien literarischen Handelns vielfältig sind. Was bei einer textzentrierten Wissenschaft als Problem des »Transfers« vom Text in andere Medien der sprachlichen und visuellen Kommunikation - Theater, Fernsehen, Film - behandelt wird, tritt nun als Grundproblem der Medialität von ästhetischer, literarischer Kommunikation überhaupt in den Blick. Im Grunde war damit eben jener »cultural turn« vollzogen, der insgesamt die Wissenschaftsdynamik der achtziger und neunziger Jahre bestimmt.

Die systematisierende Problemsicht auf die Medien der ästhetischen Kommunikation hat in den achtziger (und neunziger) Jahren dazu geführt, daß der Einfluß der psychologischen, sprachpsychologischen, schematheoretischen und kognitionswissenschaftlichen, insgesamt: der eher individuelles Handeln in den Vordergrund stellenden wissenschaftlichen Ansätze etwas zurückgedrängt wurde und eher systemtheoretische Konzepte aus den Sozialwissenschaften, besonders aus der Soziologie - Jürgen Habermas, Talcott Parsons, Niklas Luhmann - von Literaturwissenschaftlern lebhaft rezipiert worden sind . Eines der mitlaufenden Ergebnisse dieser Rezeption war, daß die Fokussierung auf die ästhetisch-literarische Kommunikation wissenschaftlich in der Hintergrund trat. Das eigentliche Bemühen richtete sich eher auf theoriebautechnische Probleme, um den Zusammenhang von Mikro- und Makrokonstellationen so zu lösen, daß individuelle soziale Handlungen und (literarische) Kommunikation, (literarische) Kommunikation und Gesellschaft als ein gegenseitig sich bedingender und beeinflussender Wirkungszusammenhang verstanden und theoretisch begründet werden konnte. Erst in diesem Handlungs- und Systemzusammenhang war »Literatur« wieder funktional neu zu definieren.

Kurz: die literaturwissenschaftliche Diskussion hatte sich konsequent fortbewegt von einer Ontologisierung des Gegenstandes »Text«, indem sie sich mit allen Kon-Texten beschäftigte, die einen Handlungszusammenhang konstituieren, in dem Texte für literarisch gehalten werden und entsprechend mit ihnen umgegangen wird - kognitiv und praktisch. Durch die immer komplexeren Kontextaufschlüsselungen wurden etwa im kognitiven Bereich durch die Variablenaufgliederung in Subjekt- , Äußerungs- und Situationsfaktoren die kognitiven Schemata selbst wieder dynamisiert, veränderbar und in ihrer sozialen Reichweite auf gruppenkohärente Merkmale zurückgeführt. Durch Entfaltung und systematische Kritik der pragmatischen Handlungskontexte im sozialen Bereich des literarischen Handelns trat eine ähnliche »Vervielfältigung« der Beziehungsgrößen und Rahmenbedingungen auf, die geeignet und notwendig schienen, literarisches Handeln als soziales zu erklären. Damit der Gegenstand der Diskussion sich nicht in den unendlichen Filiationen solcher individueller und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen verlor, mußte durch entsprechende theoretische Generalisierung und durch entsprechende Modellierung eines zentralen Begriffs wieder theoretische Strukturierung geleistet werden. Der »Medienbegriff« stellte sich dabei als der eigentliche Favorit heraus, über den Begriff des Mediums konnte der umfassendere Zusammenhang - die Kultur - ebenso in die Argumentationen eingebaut werden wie der eingeschlossene Bereich - die Literatur.

5

Die Differenz dieser aus der empirischen Literaturwissenschaft herausgewachsenen Medienwissenschaft zu den anderen medien- und kommunikationswissenschaftlichen Traditionslinien und eigenständigen Fächern wie Kommunikationswissenschaft oder wie Publizistik scheint von daher bis heute darin zu liegen, daß das wissenschaftliche Profil der Medienwissenschaft besonders dadurch bestimmt ist, daß hier weiterhin danach gefragt wird, wie ästhetisch die Präsentationsformen von Medienangeboten sind, in welchen gattungs- und stilgeschichtlichen Traditionslinien diese Präsentationsformen stehen, und welche Konventionen der Produktion und der Rezeption im Medienangebot verschränkt werden müssen, um es für bestimmte Ziele und Bedürfnisse des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns funktional zu machen. Medienwissenschaft aus dieser Tradition ist zudem immer an den historischen Linien interessiert, die gezogen worden sind, um Medien zu den gesellschaftlichen Instrumenten der Kommunikation und Selbstreflexion zu machen, die sie heute sind und als die sie heute täglich die Welt, die wir kennen, zeigen, beschreiben und benennen. Medienwissenschaft aus dieser Tradition wird deshalb immer die Frage in den Vordergrund stellen müssen, welchen Stellenwert die Medienkultur einer Gesellschaft für deren kulturelle Entwicklung hat.

Exemplarisch soll für diese Entwicklung auf jenen Lebenslauf zurückgegriffen werden, um den es bei diesem »Festschriftprojekt« geht. Und es wird darauf perspektivisch zurückgegriffen, wie sonst. In diesem »Lebenslauf« über eine Generation drückt sich die »Logik« der Dynamik aus, die die Medienwissenschaft, oder (wie gerade von Siegfried J. Schmidt seit einiger Zeit vorgeschlagen wird) die Medienkulturwissenschaft schließlich über die traditionellen Fragen und Antworten der textorientierten Literaturwissenschaft hinausgetrieben hat. Und zugleich wird dadurch etwas verständlicher, dass sich ein Thema wie das der »Wirklichkeit der Medien« zwar genetisch, also in seinem Ursprung an die Problematik der literarischen Fiktion, an die Fiktionalisierungsdebatte und an die Frage nach dem logischen Status von literarischen Aussagen über die Welt anbinden lässt, dass es aber zugleich und grundsätzlich auch als ein neues Problem zu verstehen ist. Denn wenn die Medien es sind, in denen die Subjekte sich selbst und ihre Vergesellschaftung reflektieren und kommunizieren, dann wird dadurch ein epistemologisches Verhältnis etabliert: ähnlich, aber dennoch grundsätzlich anders als vordem die Hochliteratur der überlieferten Texte sind Medien dann nämlich die handlungslogische Bedingung der Möglichkeit von Weltwissen und Welterkenntnis, von sozialer Konstruktion des von allen geteilten Wirklichkeitszusammenhangs.

In einem Gespräch, das in diesem Festschriftprojekt nachzulesen ist, hat Siegfried J. Schmidt seine Entwicklung selbst einmal dadurch charakterisiert, dass er allen Anfang bei Wittgenstein setzte - »also innerhalb der Philosophie war ganz sicher Wittgenstein eine der prägenden Erfahrungen«. Nach der Habilitation über Wittgenstein in Karlsruhe wurde Schmidt 1971 auf den neugegründeten linguistischen Lehrstuhl für Texttheorie an der Universität Bielefeld berufen, wo er - in Zeiten einer Linguistik, die sich um Mathematisierung und Formalisierung im Schweif der »generativen Grammatik« bemühte - mit einem pragmatischen Ansatz darauf bestand, dass Texte und ihre Bedeutung sich nicht aus den Texten heraus beschreiben lassen, sondern aus den Handlungsspielen derjenigen, die mit ihnen umgehen. Nach Erweiterung des Lehrstuhls für allgemeine Linguistik und Theorie der Literatur blieb er dennoch nicht in Bielefeld, sondern wechselte 1979 an die Universität Siegen auf einen Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Germanistik, weitete also - durchaus in der Logik seines pragmatischen, texttheoretischen Ansatzes - sein Forschungsfeld deutlich aus, indem er nun die literaturwissenschaftlichen und literarischen Handlungsspiele zu seinem Gegenstand machte. Dazu hatte er, gemeinsam mit der NIKOL-Forschungsgruppe, einen theoretischen »Grundriss« entwickelt, der eben wieder eine Ausweitung begründete, nämlich ein konstruktiv beschreibendes Modell der relevanten literarischen Handlungsspiele, die alle erst zusammengenommen jenes »Literatursystem« begründeten, das die Literaturwissenschaft empirisch zu erforschen habe. Die mit Anspruch auf Angemessenheit (oder gar Richtigkeit) auftretende Interpretation von literarischen Texten im Rahmen eines hermeneutischen Paradigmas spielte dabei die Rolle des Negativmodells. In den nächsten zehn Jahren führte die Arbeit an diesem ›Grundriss‹ in drei Richtungen zu systematischen und - aus der Rückschau auch zwingenden - Erweiterungen.

Es ist deshalb auch nur konsequent, dass Siegfried J. Schmidt 1997 den literaturwissenschaftlichen Lehrstuhl an der Universität Siegen verlassen hat und einem Ruf auf den Lehrstuhl für Kommunikationstheorie und Medienkultur am publizistischen Institut der Universität Münster gefolgt ist.

Die dynamische »Erweiterung« des literaturwissenschaftlichen Gegenstandsbereichs und zugleich seine präzisere theoretische Modellierung scheint heute allgemein in eine Phase der Etablierung des medienwissenschaftlichen Paradigmas überzugehen. Insofern ist dieses Beispiel eines Lebenslaufes nicht nur eine persönliche »Karriere«, sondern an ihm zeigt sich, was Gegenstand dieser persönlichen und zugleich »wissenschaftshistorischen« Bemerkungen war: an ihm zeigt sich ein Weg von der Literaturwissenschaft zur Medienwissenschaft.

Aber es ist dies eben - mit aller leidenschaftlichen Logik und mit aller kühlen Vehemenz, die das SJS-Paradigma auszeichnet - ein Weg aus der Literaturwissenschaft hinaus in eine neue Disziplin. Und je konsequenter dieser Weg der Entfaltung der empirischen Literaturwissenschaft in der NIKOL-Konzeption von Siegfried J. Schmidt betrieben worden ist und je erfolgreicher, um so weniger wurden seine wissenschaftlichen Arbeiten noch als Provokation der Literaturwissenschaft rezipiert. Indem der paradigmatische Anspruch der empirischen Literaturwissenschaft verwirklicht wurde, zeigte sich, dass er sich nur außerhalb der klassischen Literaturwissenschaft verwirklichen ließ. Da diese sich von innen heraus nicht ändern ließ, änderte sich das Paradigma der empirischen Literaturwissenschaft zum Paradigma der Medienwissenschaft oder, noch besser, zum Paradigma der Medienkulturwissenschaft. Indem das SJS-Paradigma der empirischen Literaturwissenschaft bei der inneren radikalen und konsequenten Revolution der Literaturwissenschaft gescheitert ist, wurde es erfolgreich und konkurriert heute - von außen - weit erfolgreicher mit dieser Disziplin als es sich die NIKOL-Gruppe in ihren frühen Tagträumen je vorgestellt hat.

Übrigens habe ich seit meiner ersten Begegnung mit der NIKOL-Gruppe und in der danach folgenden Zusammenarbeit mit Siegfried J. Schmidt gelernt, dass ohne wissenschaftliches Tagträumen die Kraft zum Kämpfen fehlt. Ich habe gelernt, dass eine zuverlässige Solidarität mit einem Konzept nicht zur Selbstaufgabe verpflichtet und auch nicht zum Missionieren, sondern zum andauernden Lernen. Und übrigens habe ich den paradoxen Weg der Entfaltung der empirischen Literaturwissenschaft konsequent mitgemacht und bin heute selbst »Medienwissenschaftler« - im Rahmen des SJS-Paradigmas. Soviel zu einigen der Wirkungen des beschriebenen Lebenslaufs auf mich. Es gibt noch andere.