Reinhold Viehoff

Das SJS-Paradigma

   
             
 
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Im Frühsommer 1981 nahm ich zum ersten Mal an einer NIKOL-Sitzung teil. Sie fand an der Universität in Bielefeld statt, in einem schmalen, eher muffigen Zimmer. Mir wurden von Siegfried J. Schmidt alle Teilnehmer der Runde vorgestellt - Peter Finke, Jan Wirrer, Walther Kindt, Achim Barsch, Gebhard Rusch - jeweils mit den Forschungs- und Spezialgebieten: ich war beeindruckt und hörte zu, worüber diskutiert wurde. Gegenstand der Diskussion war ein Kapitel aus dem Band 2 des Grundrisses, dessen erster Band schon bei Vieweg erschienen war, und dessen Lektüre mich dazu bewogen hatte, das Angebot anzunehmen und bei Siegfried J. Schmidt, der inzwischen den Ruf an die Universität Siegen angenommen hatte, im Sommer eine Stelle anzutreten.

Diese Diskussion ist mir - ohne genaue Details - als eine Art von Schlüsselerlebnis immer in Erinnerung geblieben. Merkwürdig fand ich nämlich, mit wieviel Sicherheit von dem »Literatursystem« gesprochen wurde, so als ob man einem solchen System jederzeit auf der Straße begegnen könne, wenn man nur die Augen aufmache. Bestimmte, aus meiner Sicht hochspekulative und rein hypothetische Vermutungen über literarische Handlungsrollen und Facetten von literarischen Rollenspielen wurden diskutiert als ob es sich um den banalsten Alltagsfall handele, mit dem jeder sich täglich herumschlagen müsse. In meinen Augen triviale literarische Ereignisse oder auch solche weit außerhalb dessen, was ich vorher überhaupt als literarisches Problem angesehen hätte, wurden als ausgesprochen brisante Probleme eines sozusagen »real existierenden« Literatursystems und faktischen literarischen Handelns angesprochen, wobei die Tragweite des Problems mit der Länge der Diskussion eher zunahm. Kurz: ich hatte den ersten Eindruck, in einen Kreis geraten zu sein, der sich auf eine beinahe virtuelle Art mit Problemen beschäftigte, die diese Probleme erst erzeugte. Diese Gruppe wirkte bei dieser ersten Begegnung auf mich wie eine Versammlung von wissenschaftlichen Tagträumern, die mit großer Entschiedenheit ihre Träume als Wirklichkeit anzusehen sich entschlossen hatte. Das Verhalten kam mir völlig paradox vor, denn die Widersprüche, die die Gruppe beschäftigten, waren für einen - damals vollständig - Außenstehenden wie mich entweder überhaupt keine Widersprüche oder aber solche, die nur scheinbar von der besonderen Tragweite und Problematik waren, die ihr die Gruppe zuwies, etwa Fragen der literarischen Interpretation, dem schon damals erkennbaren Hauptfeind aller empirischen Literaturwissenschaft. Mir schien, daß man auf diese Weise nicht wirklich erfolgreich die klassische Literaturwissenschaft aushebeln und mit Erfolg würde Empirisieren können; denn wenn ich schon nicht sofort zu überzeugen war, wie sollten es dann überzeugte und erfolgreiche Interpretationspäpste sein? Gleichwohl war mir auch klar, daß ein solches Projekt wie das der Empirischen Literaturwissenschaft nicht einfach scheitern konnte, weil die sozialwissenschaftlichen und handlungstheoretischen Grundideen zu gut und gegen Scheitern resistent waren.

Nun ist dieser erste - paradoxe - Eindruck natürlich im Laufe der Jahre nicht und nicht ausschließlich bestätigt worden. Gleichwohl soll diese Erinnerung hier an den Beginn gestellt sein, weil sich damit für mich das Motiv verbindet, unter das ich diesen kurzen Essay stelle. Das Motiv von der paradoxen Struktur des SJS-Paradigmas und meiner paradoxen Erfahrung damit.

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