Reinhold Viehoff
Das SJS-Paradigma
Abschnitt 2

   
             
 
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Mit der Entwicklung der empirischen Literaturwissenschaft Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre hat Siegfried J. Schmidt sein analytisch-konstruktives Paradigma, seine Wissenschaftskonzeption an die Stelle der hermeneutischen Mehrheitsmeinung in der Literaturwissenschaft gestellt. Das erklärte Ziel war es, dieses vorherrschende Paradigma vom spekulativ-interpretativen »hermeneutischen Kopf« auf empirisch-analytisch fest verankerte »wissenschaftliche Füße« zu stellen. Am Ende dieses Prozesses sollte es die empirische Literaturwissenschaft als neues Paradigma der Literaturwissenschaft geben, und eigentlich sollte es auch nur noch die empirische Literaturwissenschaft als Paradigma geben.

Wenn man sich heute, also gut zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des »Grundrisses Band 1« die universitäre Landschaft der institutionalisierten Germanistik / Literaturwissenschaft im Hinblick auf Binnendifferenzierung und Wandel ansieht, so ist von einer wirklich umfassenden Resonanz der empirischen Literaturwissenschaft nichts zu sehen oder zu hören. Zwar gibt es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an diesem Konzept weiterhin interessiert sind und manchmal auch entsprechend publizieren, zwar gibt es eine Zeitschrift SPIEL, die sich programmatisch der Förderung der empirischen Literaturwissenschaft verschrieben hat und die ohne Subventionen nun schon seit zwanzig Jahren erscheint, zwar gibt es eine wissenschaftliche Vereinigung IGEL, die gerade in diesem Jahr 2000 in Toronto einen gut besuchten Internationalen Kongreß durchgeführt hat, zwar gab es bis vor kurzem noch eine eigene Buchreihe NIKOL, in der wissenschaftliche Publikationen aus dem Umfeld der empirischen Literaturwissenschaft erschienen, zwar gibt es inzwischen auch einige Handbücher und Lexika, in denen die empirische Literaturwissenschaft erwähnt wird, - aber der damalige Anspruch der Empirischen Literaturwissenschaft, als ein neues literaturwissenschaftliches Paradigma auf allen Ebenen der Kuhnschen Matrix sich so zu entwickeln, daß sie an Stelle der traditionellen Literaturwissenschaft treten könne, dieser Anspruch ist bis heute nicht eingelöst worden.

Im Gegenteil, wenn nicht alles täuscht, dann wird in der nahen Zukunft das Konzept der Empirischen Literaturwissenschaft innerhalb der literaturwissenschaftlichen Disziplinen lediglich in der - damals so genannten »schwachen« - Version einer Empirisierung von Teilfragestellungen und methodischen Verfahren noch wirksam sein. Der eigentliche Tagtraum der NIKOL-Gruppe, eine nicht-konservative Literaturwissenschaft so erfolgreich durchzusetzen, daß sie als Basiskonzept der Literaturwissenschaften die klassischen hermeneutischen Grundlagen der Philologien ablösen können würde, hat sich so nicht erfüllt. Dennoch ist das Konzept nicht gescheitert, sondern außerordentlich erfolgreich. Meine These ist, daß sich die Empirische Literaturwissenschaft seit der Konzeption des Grundrisses Ende der siebziger Jahre in einer paradoxen Verquickung von Scheitern und Erfolg beinahe selbst zugrunde gerichtet hat, um erfolgreich zu sein. Die Empirische Literaturwissenschaft in der NIKOL-Konzeption ist heute kaum mehr ein Stachel im Fleisch der wissenschaftlichen Literaturinterpreten und Literaturgeschichtsschreiber. Und gleichwohl löst das, was aus ihr geworden ist, heute die größten Ängste um universitäres Terrain und um den Zugriff auf knappe Ressourcen bei den klassischen Philologien aus.

Wenn man nämlich einen zweiten Blick auf die gegenwärtige Landschaft der universitären Entwicklungen wirft und beobachtet, wo besonders dynamische Studiengänge und -konzepte entstehen, so ist an kaum einer deutschen Universität gegenwärtig die sogenannte Medienwissenschaft zu übersehen. Fachbereiche, die früher »Sprach- und Literaturwissenschaft« hießen, nennen sich um in »Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft«, literaturwissenschaftliche Fachbereiche haben darüber hinaus in der Vergangenheit weit ausstrahlende medienwissenschaftliche Sonderforschungsbereiche etabliert. Es gibt inzwischen fast keine deutsche Universität mehr, die nicht in irgendeiner Form einen »medienwissenschaftlichen« Studiengang anbietet. An knapp 70 universitären Einrichtungen finden sich gegenwärtig medienwissenschaftliche Studiengänge oder Institutionen, und nicht wenige davon sind aus den muttersprachlichen Literaturwissenschaften, aus der (germanistischen) Sprach- und Literaturwissenschaft hervorgegangen.

Diese neuen Studiengänge und Studienrichtungen sind natürlich nicht alle Ergebnis der wissenschaftlichen Durchsetzungskraft der empirischen Literaturwissenschaft, sie sind nicht alle als Beweis dafür zu interpretieren, daß mit dem Buch von Siegfried J. Schmidt 1981 der Beginn einer historischen Wende von der Literaturwissenschaft zur Medienwissenschaft begonnen hat. Aber umgekehrt gilt: es gäbe viele dieser Studienrichtungen heute nicht, wenn es nicht vorher die Konzeption Empirische Literaturwissenschaft gegeben hätte.

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