Reinhold Viehoff
Das SJS-Paradigma
Abschnitt 4

   
             
 
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Methodische und theoretische Anleihen bei den etablierten - und gesellschaftlich anerkannten - Sozialwissenschaften waren eine der Konsequenzen: zuerst nur geduldet als eine Art »Hilfsdienst« oder »Hilfswissenschaft wurde daraus ein starkes Mittel, um die empirische Rezeptionsforschung, die Textverstehens- und Leserforschung, die Trivialliteratur und Fernsehforschung näher an die (in nomologischen Wissenschaften gewünschte) Intersubjektivität der Verfahren heran zu führen, hypothesenprüfende Forschungsprozesse brachten zunehmend durch entsprechende Prüfverfahren die geforderte Distanz von Gegenstand und Beobachter. Ein solches langsames Anwachsen und Erstarken der »Hilfs- und Kontextwissenschaften« und die immer häufiger angestrebte nomologische Struktur von Argumentationen in literaturwissenschaftlichen Arbeiten zeigten bald weitere grundsätzliche Wirkungen.

In der traditionellen Literaturwissenschaft lösten sich in der Lehre und auch in der publizierten Forschung die vorher scharfen Grenzen des Gegenstandsbereiches »Literatur = (schriftsprachlicher) Text« auf. Werkimmanente Interpretationen, auch solche, die vordem im Rahmen einer essentialistischen Textauffassung als paradigmatisch ›beste‹ Lösungen, d.h. als schöne, originelle, kunstvolle und zeitgenössisch adäquate Verstehens- und Deutungsleistungen gegolten hatten, erhielten im Umkreis der empirischen Forschungsansätze ‚nur' noch den Status heuristischer Entwürfe zum Ableiten von Hypothesen. Sie konnten dazu dienen, bestimmte Literaturauffassungen, die jeweils funktionalen Werte des Literaturbegriffs für eine bestimmte Verstehensleistung besser zu erklären und deren handlungsleitende Kraft bei Lesern zu prüfen. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Ein solches Modell mußte und konnte natürlich nicht auf naive Leser beschränkt bleiben, sondern durchaus auch professionelle Leser - Literaturkritiker und -wissenschaftler - zum »Objekt« der Untersuchung machen. Zu prüfen war dann generell, wie bestimmte Leser mit Texten interpretativ deutend umgingen, die sie für literarisch hielten. Zu prüfen war, aufgrund welcher Voraussetzungen sie dies taten, mit welchen Absichten, Interessen, Gefühlen, welche Wirkungen zu beobachten waren und anderes mehr. Diese ›Selbstbeobachtung‹ von Literaturwissenschaftlern bedeutete nichts weniger als daß die von ihnen betriebene Literaturwissenschaft sich zu einer empirischen Handlungswissenschaft veränderte. Eine Literaturwissenschaft als Handlungswissenschaft im Sinne der NIKOL-Konzeption der Empirischen Literaturwissenschaft schien in der Lage, all jene unterschiedlichen Perspektiven der Forschung zu bündeln und dabei diese Perspektiven nicht länger an »Hilfswissenschaften« auszugliedern, sondern einem zusammenhängenden wissenschaftlichen Paradigma der Literaturwissenschaft zu integrieren. So habe ich das damals gesehen und so habe ich an der NIKOL-Konzeption mitgearbeitet.

Es liegt auf der Hand, daß durch solche Entwicklungen und schließlich durch die Publikation des »Grundrisses« die Interpretations-Bastionen traditioneller Literaturwissenschaft bis in die theoretischen Grundfesten erschüttert wurden. Die Textinterpretation, die neben der Literaturgeschichtsschreibung traditionell als Kernbereich der Literaturwissenschaft gilt, ging nämlich von einem essentialistischen Literaturbegriff aus. Dieser Literaturbegriff wurde nun kritisiert, de-ontologisiert und schließlich - im Rahmen der handlungstheoretischen Überlegungen - zu einem funktionalen Literaturbegriff entfaltet, der empirisch überprüft werden konnte. Der Text und seine Bedeutung werden danach zu einer Funktion spezieller, auf den Text bezogener Handungen. Damit verändert sich endlich fundamental der Gegenstandsbereich dieser Literatur-Wissenschaft: denn jetzt ist nicht mehr der literarische Text einziges oder wichtigstes Moment, sondern jetzt ist es der beschreibbare, analysierbare und erklärbare Umgang von Menschen mit Texten, der das Gegenstandsfeld der Wissenschaft bildet. Die Ursachen dafür, daß das Prädikat »ist literarisch« in einem kognitiven und sozialen Prozess zugeordnet wird, müssen nicht mehr im Text gesucht werden. Plausibler ist es, sie in den sozial verbindlichen und im Wissen der Subjekte eingelagerten Regulationen - Konventionen, Werten, Normen, Gebräuchen, Stilen - zu suchen.

Mit dieser Entwicklung und der theoretischen Formulierung des Zusammenhangs im »Grundriss« war die Literaturwissenschaft - zumindest in solchen avancierten Schulen und Forschungsrichtungen wie sie die NIKOL-Gruppe darstellte - an der Schwelle eines neuen Paradigmas angelangt. Die Literaturwissenschaft war deshalb durch solche Vorarbeiten theoretisch vorbereitet auf den extraordinary cultural turn der achtziger und neunziger Jahre, den Jeffrey C. Alexander beschrieben hat und der - zumindest in Teilen - zu einer neuen »disziplinären Identität« (Jörg Schönert) führen mußte, allerdings nicht innerhalb der Literaturwissenschaften, sondern - paradoxerweise - außerhalb.

Beide Kernannahmen der empirischen Literaturwissenschaft - die vom funktionalen Textbegriff und die von der handlungstheoretischen Begründung - sind mit einer dritten logisch verbunden: der Kernannahme nämlich, daß es bei der Literaturwissenschaft darum geht, Fragen zu stellen, die durch empirische Forschung, durch intersubjektiv nachvollziehbaren Regeln, durch sichere und ergiebige Methoden prüfbar und womöglich auch beantwortbar sind. Aus dieser Kernannahme leitet sich die - gegenüber den traditionellen literaturwissenschaftlichen Ansätzen besonders »provokante« wissenschaftliche Haltung ab, den Forschungsgegenstand methodisch zu distanzieren, also als Literaturwissenschaftler selbst nicht innerhalb des literarischen Handlungssystems (nach den dort geltenden Regeln des kreativ-hedonistischen Umgangs mit Texten), sondern innerhalb des Wissenschaftssystems nach den dort geltenden Regeln der Explizitheit, der Relevanz und der Theorieorientierung zu handeln.

Spätestens hier erfolgte durch die Arbeiten von Siegfried J. Schmidt und seiner Arbeitsgruppe NIKOL dann der Rückgriff auf Thomas S. Kuhns wissenschaftssoziologische Neuinterpretation von wissenschaftlichen Paradigmen. Im Sinne Kuhns wurde der disziplinäre Rahmen dieser ›neuen‹ Modelle (bevorzugte Analogien und Metaphern), wurden die ›neuen‹ Werte (metatheoretische Orientierungen wie Explizität, Überprüfbarkeit, ...) und ›neuen‹ (angestrebten) Musterlösungen (exemplarische Problemlösungen) mit einer ›neuen‹ Fachsprache in Form symbolischer Verallgemeinerungen verbunden. Die erfolgreichsten Modelle der empirischen Literaturwissenschaft, die am besten zu begründenden Werte der empirischen Literaturwissenschaft und die am ehesten akzeptierten Musterlösungen der empirischen Literaturwissenschaft in dieser Entwicklung haben zur Medienwissenschaft geführt.

Der entscheidende Schritt dazu war mit diesem konzeptionellen Rahmen getan. Denn es zeigte sich, daß jetzt konsequent und konsistent literarische (ans Medium des Buches gebundene) Kommunikation und überhaupt jede Form medialer Kommunikation nur noch hinreichend analysiert und diskutiert werden konnte, wenn man die inzwischen schon mehrstelligen Aussagen um eben mindestens eine weitere Relation ergänzte: die Medien.

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