Reinhold Viehoff
Das SJS-Paradigma
Abschnitt 5

   
             
 
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Diese Ergänzung und Erweiterung vorzunehmen war zwingend. Eine Wissenschaft nämlich, die nach langen Mühen erklärte, ihr Gegenstand und ihre Aufgabe sei es, das literarische Handeln von Subjekten in sozialen Gruppen, Subkulturen und Gesellschaften zu untersuchen, steht bei der weiteren Entfaltung der eigenen Grundannahmen, der Anwendung der Theorie und der Differenzierung der Modelle vor zwei zentralen Aufgaben. Sie muß einmal zu klären versuchen, wie alle einzelnen Handlungen in einem Handlungssystem zusammenhängen, wobei allererst der Begriff der Handlung und des Handlungssystems selbst erläutert werden muß. Und sie muß sich zum weiten dem Problem stellen, daß literarisches Handeln und seine Funktionen nicht exklusiv an ein Handlungsmedium gebunden ist, sondern die Medien literarischen Handelns vielfältig sind. Was bei einer textzentrierten Wissenschaft als Problem des »Transfers« vom Text in andere Medien der sprachlichen und visuellen Kommunikation - Theater, Fernsehen, Film - behandelt wird, tritt nun als Grundproblem der Medialität von ästhetischer, literarischer Kommunikation überhaupt in den Blick. Im Grunde war damit eben jener »cultural turn« vollzogen, der insgesamt die Wissenschaftsdynamik der achtziger und neunziger Jahre bestimmt.

Die systematisierende Problemsicht auf die Medien der ästhetischen Kommunikation hat in den achtziger (und neunziger) Jahren dazu geführt, daß der Einfluß der psychologischen, sprachpsychologischen, schematheoretischen und kognitionswissenschaftlichen, insgesamt: der eher individuelles Handeln in den Vordergrund stellenden wissenschaftlichen Ansätze etwas zurückgedrängt wurde und eher systemtheoretische Konzepte aus den Sozialwissenschaften, besonders aus der Soziologie - Jürgen Habermas, Talcott Parsons, Niklas Luhmann - von Literaturwissenschaftlern lebhaft rezipiert worden sind . Eines der mitlaufenden Ergebnisse dieser Rezeption war, daß die Fokussierung auf die ästhetisch-literarische Kommunikation wissenschaftlich in der Hintergrund trat. Das eigentliche Bemühen richtete sich eher auf theoriebautechnische Probleme, um den Zusammenhang von Mikro- und Makrokonstellationen so zu lösen, daß individuelle soziale Handlungen und (literarische) Kommunikation, (literarische) Kommunikation und Gesellschaft als ein gegenseitig sich bedingender und beeinflussender Wirkungszusammenhang verstanden und theoretisch begründet werden konnte. Erst in diesem Handlungs- und Systemzusammenhang war »Literatur« wieder funktional neu zu definieren.

Kurz: die literaturwissenschaftliche Diskussion hatte sich konsequent fortbewegt von einer Ontologisierung des Gegenstandes »Text«, indem sie sich mit allen Kon-Texten beschäftigte, die einen Handlungszusammenhang konstituieren, in dem Texte für literarisch gehalten werden und entsprechend mit ihnen umgegangen wird - kognitiv und praktisch. Durch die immer komplexeren Kontextaufschlüsselungen wurden etwa im kognitiven Bereich durch die Variablenaufgliederung in Subjekt- , Äußerungs- und Situationsfaktoren die kognitiven Schemata selbst wieder dynamisiert, veränderbar und in ihrer sozialen Reichweite auf gruppenkohärente Merkmale zurückgeführt. Durch Entfaltung und systematische Kritik der pragmatischen Handlungskontexte im sozialen Bereich des literarischen Handelns trat eine ähnliche »Vervielfältigung« der Beziehungsgrößen und Rahmenbedingungen auf, die geeignet und notwendig schienen, literarisches Handeln als soziales zu erklären. Damit der Gegenstand der Diskussion sich nicht in den unendlichen Filiationen solcher individueller und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen verlor, mußte durch entsprechende theoretische Generalisierung und durch entsprechende Modellierung eines zentralen Begriffs wieder theoretische Strukturierung geleistet werden. Der »Medienbegriff« stellte sich dabei als der eigentliche Favorit heraus, über den Begriff des Mediums konnte der umfassendere Zusammenhang - die Kultur - ebenso in die Argumentationen eingebaut werden wie der eingeschlossene Bereich - die Literatur.

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