Reinhold Viehoff
Das SJS-Paradigma
Abschnitt 6

   
             
 
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Die Differenz dieser aus der empirischen Literaturwissenschaft herausgewachsenen Medienwissenschaft zu den anderen medien- und kommunikationswissenschaftlichen Traditionslinien und eigenständigen Fächern wie Kommunikationswissenschaft oder wie Publizistik scheint von daher bis heute darin zu liegen, daß das wissenschaftliche Profil der Medienwissenschaft besonders dadurch bestimmt ist, daß hier weiterhin danach gefragt wird, wie ästhetisch die Präsentationsformen von Medienangeboten sind, in welchen gattungs- und stilgeschichtlichen Traditionslinien diese Präsentationsformen stehen, und welche Konventionen der Produktion und der Rezeption im Medienangebot verschränkt werden müssen, um es für bestimmte Ziele und Bedürfnisse des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns funktional zu machen. Medienwissenschaft aus dieser Tradition ist zudem immer an den historischen Linien interessiert, die gezogen worden sind, um Medien zu den gesellschaftlichen Instrumenten der Kommunikation und Selbstreflexion zu machen, die sie heute sind und als die sie heute täglich die Welt, die wir kennen, zeigen, beschreiben und benennen. Medienwissenschaft aus dieser Tradition wird deshalb immer die Frage in den Vordergrund stellen müssen, welchen Stellenwert die Medienkultur einer Gesellschaft für deren kulturelle Entwicklung hat.

Exemplarisch soll für diese Entwicklung auf jenen Lebenslauf zurückgegriffen werden, um den es bei diesem »Festschriftprojekt« geht. Und es wird darauf perspektivisch zurückgegriffen, wie sonst. In diesem »Lebenslauf« über eine Generation drückt sich die »Logik« der Dynamik aus, die die Medienwissenschaft, oder (wie gerade von Siegfried J. Schmidt seit einiger Zeit vorgeschlagen wird) die Medienkulturwissenschaft schließlich über die traditionellen Fragen und Antworten der textorientierten Literaturwissenschaft hinausgetrieben hat. Und zugleich wird dadurch etwas verständlicher, dass sich ein Thema wie das der »Wirklichkeit der Medien« zwar genetisch, also in seinem Ursprung an die Problematik der literarischen Fiktion, an die Fiktionalisierungsdebatte und an die Frage nach dem logischen Status von literarischen Aussagen über die Welt anbinden lässt, dass es aber zugleich und grundsätzlich auch als ein neues Problem zu verstehen ist. Denn wenn die Medien es sind, in denen die Subjekte sich selbst und ihre Vergesellschaftung reflektieren und kommunizieren, dann wird dadurch ein epistemologisches Verhältnis etabliert: ähnlich, aber dennoch grundsätzlich anders als vordem die Hochliteratur der überlieferten Texte sind Medien dann nämlich die handlungslogische Bedingung der Möglichkeit von Weltwissen und Welterkenntnis, von sozialer Konstruktion des von allen geteilten Wirklichkeitszusammenhangs.

In einem Gespräch, das in diesem Festschriftprojekt nachzulesen ist, hat Siegfried J. Schmidt seine Entwicklung selbst einmal dadurch charakterisiert, dass er allen Anfang bei Wittgenstein setzte - »also innerhalb der Philosophie war ganz sicher Wittgenstein eine der prägenden Erfahrungen«. Nach der Habilitation über Wittgenstein in Karlsruhe wurde Schmidt 1971 auf den neugegründeten linguistischen Lehrstuhl für Texttheorie an der Universität Bielefeld berufen, wo er - in Zeiten einer Linguistik, die sich um Mathematisierung und Formalisierung im Schweif der »generativen Grammatik« bemühte - mit einem pragmatischen Ansatz darauf bestand, dass Texte und ihre Bedeutung sich nicht aus den Texten heraus beschreiben lassen, sondern aus den Handlungsspielen derjenigen, die mit ihnen umgehen. Nach Erweiterung des Lehrstuhls für allgemeine Linguistik und Theorie der Literatur blieb er dennoch nicht in Bielefeld, sondern wechselte 1979 an die Universität Siegen auf einen Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Germanistik, weitete also - durchaus in der Logik seines pragmatischen, texttheoretischen Ansatzes - sein Forschungsfeld deutlich aus, indem er nun die literaturwissenschaftlichen und literarischen Handlungsspiele zu seinem Gegenstand machte. Dazu hatte er, gemeinsam mit der NIKOL-Forschungsgruppe, einen theoretischen »Grundriss« entwickelt, der eben wieder eine Ausweitung begründete, nämlich ein konstruktiv beschreibendes Modell der relevanten literarischen Handlungsspiele, die alle erst zusammengenommen jenes »Literatursystem« begründeten, das die Literaturwissenschaft empirisch zu erforschen habe. Die mit Anspruch auf Angemessenheit (oder gar Richtigkeit) auftretende Interpretation von literarischen Texten im Rahmen eines hermeneutischen Paradigmas spielte dabei die Rolle des Negativmodells. In den nächsten zehn Jahren führte die Arbeit an diesem ›Grundriss‹ in drei Richtungen zu systematischen und - aus der Rückschau auch zwingenden - Erweiterungen.

  • In dem Versuch, die konstruktiven Beschreibungen und das Theoriegerüst dieses literaturtheoretischen Grundrisses komplexer und zugleich kohärenter zu machen und so zu verbessern, adaptierte Siegfried J. Schmidt den individuenzentrierten Ansatz des sogenannten biologischen (oder inzwischen: radikalen) Konstruktivismus einerseits, den systemtheoretischen Ansatz von Niklas Luhmann andererseits. Die Ergebnisse aus dieser Entwicklung fasst das Buch mit dem Titel »Kognitive Autonomie und soziale Kontrolle« im wesentlichen zusammen, das in weiten Teilen nicht mehr auf (Hoch-)Literatur bezogen ist, sondern allgemein die theoretische Verbindung zwischen Subjekten und ihren Kognitionen, Gesellschaften und ihren Kommunikationen, und schließlich Medien als den Instrumenten der »strukturellen Kopplung« beider Dimensionen des Modells schafft.
  • In dem Versuch, den literaturtheoretischen ›Grundriss‹ auch auf historische Fragestellungen anzuwenden, beschäftigte sich Siegfried J. Schmidt parallel dazu mit der Entstehung des im ›Grundriss‹ skizzierten Systems literarischen Handelns während der »Sattelzeit« im Ausgang des 18. Jahrhunderts. Sein Buch von 1989 unter dem Titel »Die Selbstorganisation des Literatursystems im 18. Jahrhundert« ist der Aufgabenstellung entsprechend zwar auf literarisches Handeln bezogen, durch den systemtheoretischen Ansatz und die Rekonstruktion etwa auch der Zusammenhänge von Technikentwicklung und Dynamik des literarischen Marktes kann man die Studie aber ebenso lesen als einen umfassenden medienhistorischen Rekonstruktions-Versuch. Die literarischen Medienangebote stellen sich als Handlungsergebnisse eines komplexen Entwicklungssprungs dar, bei dem die Medien der Zeit: vor allem das Buch, die entscheidende Rolle spielen.
  • In dem Versuch, den literaturtheoretischen ›Grundriss‹ gattungstheoretisch zu erweitern und die literaturwissenschaftliche Gattungsgeschichte zu nutzen, um die Veränderungen von »Gattungen« und ihr Auswandern aus der »Literatur« zu untersuchen, gibt Schmidt zuerst eine theoretische Modellierung als »Skizze einer konstruktivistischen Gattungstheorie«, um diese dann am Beispiel von »Werbung«, also am Beispiel von persuasiver, inszenatorischer und unter ökonomischer Prämisse organisierter Medien-Kommunikation anzuwenden und zu erproben. Die Ergebnisse dieser Forschungen liegen ausführlich publiziert vor. Zwar hat seine gattungstheoretische Erweiterung ihren Anfang bei der literaturwissenschaftlichen Tradition genommen, angekommen ist er mit seinen Forschungen aber bei rein medienwissenschaftlich relevanten Ergebnissen.

Es ist deshalb auch nur konsequent, dass Siegfried J. Schmidt 1997 den literaturwissenschaftlichen Lehrstuhl an der Universität Siegen verlassen hat und einem Ruf auf den Lehrstuhl für Kommunikationstheorie und Medienkultur am publizistischen Institut der Universität Münster gefolgt ist.

Die dynamische »Erweiterung« des literaturwissenschaftlichen Gegenstandsbereichs und zugleich seine präzisere theoretische Modellierung scheint heute allgemein in eine Phase der Etablierung des medienwissenschaftlichen Paradigmas überzugehen. Insofern ist dieses Beispiel eines Lebenslaufes nicht nur eine persönliche »Karriere«, sondern an ihm zeigt sich, was Gegenstand dieser persönlichen und zugleich »wissenschaftshistorischen« Bemerkungen war: an ihm zeigt sich ein Weg von der Literaturwissenschaft zur Medienwissenschaft.

Aber es ist dies eben - mit aller leidenschaftlichen Logik und mit aller kühlen Vehemenz, die das SJS-Paradigma auszeichnet - ein Weg aus der Literaturwissenschaft hinaus in eine neue Disziplin. Und je konsequenter dieser Weg der Entfaltung der empirischen Literaturwissenschaft in der NIKOL-Konzeption von Siegfried J. Schmidt betrieben worden ist und je erfolgreicher, um so weniger wurden seine wissenschaftlichen Arbeiten noch als Provokation der Literaturwissenschaft rezipiert. Indem der paradigmatische Anspruch der empirischen Literaturwissenschaft verwirklicht wurde, zeigte sich, dass er sich nur außerhalb der klassischen Literaturwissenschaft verwirklichen ließ. Da diese sich von innen heraus nicht ändern ließ, änderte sich das Paradigma der empirischen Literaturwissenschaft zum Paradigma der Medienwissenschaft oder, noch besser, zum Paradigma der Medienkulturwissenschaft. Indem das SJS-Paradigma der empirischen Literaturwissenschaft bei der inneren radikalen und konsequenten Revolution der Literaturwissenschaft gescheitert ist, wurde es erfolgreich und konkurriert heute - von außen - weit erfolgreicher mit dieser Disziplin als es sich die NIKOL-Gruppe in ihren frühen Tagträumen je vorgestellt hat.

Übrigens habe ich seit meiner ersten Begegnung mit der NIKOL-Gruppe und in der danach folgenden Zusammenarbeit mit Siegfried J. Schmidt gelernt, dass ohne wissenschaftliches Tagträumen die Kraft zum Kämpfen fehlt. Ich habe gelernt, dass eine zuverlässige Solidarität mit einem Konzept nicht zur Selbstaufgabe verpflichtet und auch nicht zum Missionieren, sondern zum andauernden Lernen. Und übrigens habe ich den paradoxen Weg der Entfaltung der empirischen Literaturwissenschaft konsequent mitgemacht und bin heute selbst »Medienwissenschaftler« - im Rahmen des SJS-Paradigmas. Soviel zu einigen der Wirkungen des beschriebenen Lebenslaufs auf mich. Es gibt noch andere.

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