Walther Kindt

Transklassische Literaturwissenschaft:
Eines langen Tages Reise

1. Prolog: Ein Wintermärchen

Es waren einmal vier Nikoläuse. Die kamen in einer Stadt am Wald zusammen und wollten die Welt verändern. »So geht das nicht weiter«, sagten sie zu den Kindern im Lande Liwi, deren liebste Beschäftigung es war zu imaginieren. In ihrem Nikolaussack hatten sie drei Geschenke mitgebracht: eine Theorie der lieben Kinder, eine Beispielsammlung für fehlerhaftes Imaginieren und den Rat, statt selbst zu imaginieren anderen beim Imaginieren zuzuschauen. Aber die Kinder von Liwi wollten nicht auf die Nikolausbotschaft hören; die Geschenke erschienen ihnen als unhandlich, und ihre Lieblingsbeschäftigung mochten sie sich erst recht nicht ausreden lassen. So vergingen viele Jahre. Und wenn die Kinder aus Liwi nicht klüger geworden sind, dann imaginieren sie auch heute noch, in alter Manier.

Natürlich gaben die vier Nikoläuse ihr Vorhaben nicht auf. Aber sie waren sich nicht mehr einig darüber, auf welche Weise die Welt in Liwi am besten zu illuminieren sei. So ging jeder wieder seinen eigenen Weg. Der Eine trat gleich aus dem Nikolausverband aus und meinte, man müsse das Anliegen der Kinder aus Liwi ernster nehmen. Der Zweite wollte über die Ökologie des Schenkens nachdenken. Der Dritte gründete eine größere Nikolausfirma. Der Vierte schließlich fand es vorerst wichtiger, sich um die bedürftigen Kinder im Nachbarland zu kümmern.

Und wie endet das Märchen? Gemach, liebe Leser! Eine neue Wirklichkeit im Lande Liwi zu konstruieren braucht Zeit und die richtigen Geschenke. Packt also selbst mit an, dann kann es gelingen!

 

2. Quo vadis?

Es war eine unbeschwerte und fruchtbare Zeit, die sieben Jahre der Zusammenarbeit mit Siegfried J. Schmidt (sjs) in Bielefeld. Wir waren jung und hatten ähnliche Vorstellungen über eine zukünftige transklassische Literaturwissenschaft; es machte Spaß, Pläne zu schmieden und programmatische Schriften zu verfassen; interpretationstheoretische Leiden der Vergangenheit lösten sich auf durch schöne Projektionen. Über die Ergebnisse der damaligen Zeit mag - aus der jetzt möglichen Distanz - jeder selbst urteilen. Vieles bleibt unumstritten: die wissenschaftskritische Zielsetzung, die Notwendigkeit einer empirischen Konzeption von Literaturwissenschaft, die Erweiterung des Gegenstandsbereichs auf »Literarische Kommunikation«. Diskutiert man aber über konkrete Wege zum Erreichen der Ziele, wird die Verständigung schwieriger. Nach meiner Einschätzung hat es beim Weggang von sjs aus Bielefeld an einer systematischen Methodendiskussion und einem klaren gemeinsamen Forschungsprogramm gefehlt. Das zeigen auch die vielfältigen Arbeiten der anschließenden zwei mal sieben Jahre LUMIS in Siegen, an denen die Bielefelder nicht mehr beteiligt waren. Einerseits wäre eine Konzentration auf die Behandlung zentraler literaturtheoretischer Fragestellungen wünschenswert gewesen. Andererseits kann der Weg in Konstruktivismus und Kommunikationswissenschaft nicht erfolgreich sein, wenn linguistische Grundlagen und eine differenzierte Modellierung fehlen. Eine solche Einschätzung bedeutet, dass man komplementär noch einen anderen, mühsamen Weg gehen muss. Dafür sollten diskurs- und kognitionslinguistische Methoden stärker genutzt und systematisch ausgebaut werden. Ein wenig Licht ist in dieser Hinsicht am Horizont zu erkennen: Die Strukturbildungsprozesse literarischer Texte lassen sich mittlerweile erfolgreich mit kommunikationsanalytischen Verfahren untersuchen, die Interpretationstheorie der Linguistik hat Fortschritte gemacht, und das Repertoire experimenteller Methoden zur Erforschung von Produktions- und Rezeptionsprozessen ist größer und einschlägiger geworden. Man kann also hoffen, dass die verschiedenen Wege zu einer transklassischen Literaturwissenschaft bald wieder zusammenführen. Dies ist besonders dem Jubilar sjs zu wünschen. Denn er hat auf seine Weise unermüdlich gearbeitet, geschrieben, publiziert. Dieser Unruhezustand darf in einen kreativen und genießenden Ruhestand übergehen, wenn der entscheidende Durchbruch zum gemeinsamen Ziel gelingt.

 

3. Epilog: Am Beispiel eines Gedichts

Es ist immer gut, über die Grenzen der eigenen Disziplin hinauszuschauen. In diesem Sinne durfte man in der Linguistik in den vergangenen Jahren auf neue Entwicklungen in der Kommunikationswissenschaft gespannt sein, wie sie z.B. in dem seit langem angekündigten Werk von K. Merten, einem Kollegen von sjs in Münster, dargestellt werden. Der jetzt vorliegende erste Band ist in vielerlei Hinsicht lesenswert. Ein Umstand fällt allerdings besonders auf. Zwar wird Aristoteles zu Recht als Urvater der Kommunikationswissenschaft gewürdigt. Die in seiner Rhetorik detailliert beschriebenen kommunikativen Strategien diskutiert Merten aber nicht, und die neueren kommunikationswissenschaftlichen Ergebnisse der Linguistik sind ihm offensichtlich unbekannt. Da stellt sich die Frage, wie eine transklassische Wirkungsforschung ohne Berücksichtigung der kommunikationsstrukturellen und semantischen Faktoren möglich sein soll. Die Relevanz dieses Problems wollen wir an einem literarischen Beispiel veranschaulichen. Dazu begeben wir uns in die Zeit des Vormärzes und hören uns das Gedicht »Arbeite!« des Autors Georg Weerth an:

Du Mann im schlechten blauen Kittel
Arbeite! Schaffe Salz und Brot!
Arbeite! Arbeit ist ein Mittel,
Probat für Pestilenz und Not.

Arbeite! Gleich der Stirn der Rinder
Ist ja die deine breit und dick.
Arbeite! Deine nackten Kinder,
Die küssen dich, kehrst du zurück.

Arbeite! Rühre deine Arme!
Arbeite sechzehn Stunden so!
Arbeite! Nachts ja lacht das warme,
Das Lager dir von faulem Stroh.

Arbeite, bis die Adern klopfen!
Arbeite, bis die Rippe kracht!
Arbeite, bis die Schläfen tropfen -
Du bist zur Arbeit ja gemacht!

Arbeite! Hast ja straffe Sehnen.
Arbeite! Denk, mit schwangerem Leib
Harrt in der Hütte dein mit Tränen
Ein schönes leichenbleiches Weib.

Arbeite, bis die Sinne schwinden!
Arbeite, bis die Kraft versiegt!
Arbeite! - Wirst ja Ruhe finden,
Wenn dein Gebein im Grabe liegt.

Man darf unterstellen, dass der Autor mit diesem Gedicht eine spezifische gesellschaftskritische Wirkungsabsicht verbunden hat. Offensichtlich wollte er bei seinen Rezipienten und mittelbar bei den Arbeitenden bestimmte Einstellungsänderungen bezogen auf die Akzeptanz damaliger Produktionsbedingungen erreichen. Das Ergebnis einer kleinen Rezeptionsstudie, durchgeführt mit Studierenden der Universität Bielefeld, zeigt, dass auch heutige Leser eine solche Deutung vornehmen. Als Mittel zum Erreichen der Wirkungsabsicht wird häufig »Ironie« genannt, und die Studierenden sind auf Grund des üblichen Interpretationstrainings im Deutschunterricht in der Lage, bestimmte zugehörige stilistische Techniken im Gedicht zu identifizieren. Allerdings reicht ihr Wissen nicht aus, um Aussagen darüber zu machen, welche Prozesse der Inferenzkonstruktion in ihnen ablaufen und durch welche Textstrukturen diese Prozesse gesteuert werden. Dabei würde es für eine Rekonstruktion der Inferenzprozesse in einem ersten Schritt schon genügen, auf die Wissensbestände der Aristotelischen Rhetorik zurückzugreifen.

Grob skizziert geht es um Folgendes. Gattungstheoretisch lässt sich das Gedicht von Weerth als literarische Kurzfassung bzw. Komprimierung einer politischen Rede einstufen. Diejenigen Teile des Standardmusters einer solchen Rede, die dem Gedicht fehlen, werden nach dem Gestaltschließungsprinzip inferiert. Die in einer Rede darzustellende Defizitsituation wird - eingebettet in Handlungsaufforderungen und Begründungen - ausführlich beschrieben. Die Ursachen für diese Situation lassen sich teils aus einer Kenntnis der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse ergänzen, teils wird - so eine mögliche Lesart - im Text vorgeführt, dass sich die Arbeiter durch bestimmte, inakzeptable Beruhigungsstrategien abspeisen lassen, bzw. sich selbst so mit ihrer Situation abfinden. Konstitutive Bestandteile einer politischen Rede sind Handlungsaufforderung und zugehörige Begründungen. Diese Elemente kommen explizit im Gedicht vor. Dabei bedienen sich die Begründungen der Argumentationsmuster des Konsequenz-, des Analogie- und des Evidenztopos; allerdings handelt es sich eindeutig um inkorrekte Anwendungen dieser Muster. Deshalb wird vom Leser inferiert, dass der Autor eine andere Handlungsaufforderung als die, so zu arbeiten, meint; und dies gilt unabhängig davon, ob man die im Text formulierten Imperative als vom Autor kritisierte Handlungsaufforderungen anderer Personen oder als ironische Handlungsaufforderungen des Autors selbst versteht.

Der häufig von Vertretern der klassischen Literaturwissenschaft erhobene Vorwurf, in der literaturtheoretischen Konzeption von S.J. Schmidt verschwinde der literarische Text, lässt sich zurückweisen, wenn man zeigt, dass jetzt auch einschlägige Fragestellungen der klassischen Literaturwissenschaft in methodisch fundierter Weise und mit neuem Erkenntnisgewinn bearbeitet werden können.