Walther Kindt
Transklassische Literaturwissenschaft:
Eines langen Tages Reise
Abschnitt 2

   
             
 
    Essays    
   

2. Quo vadis?

Es war eine unbeschwerte und fruchtbare Zeit, die sieben Jahre der Zusammenarbeit mit Siegfried J. Schmidt (sjs) in Bielefeld. Wir waren jung und hatten ähnliche Vorstellungen über eine zukünftige transklassische Literaturwissenschaft; es machte Spaß, Pläne zu schmieden und programmatische Schriften zu verfassen; interpretationstheoretische Leiden der Vergangenheit lösten sich auf durch schöne Projektionen. Über die Ergebnisse der damaligen Zeit mag - aus der jetzt möglichen Distanz - jeder selbst urteilen. Vieles bleibt unumstritten: die wissenschaftskritische Zielsetzung, die Notwendigkeit einer empirischen Konzeption von Literaturwissenschaft, die Erweiterung des Gegenstandsbereichs auf »Literarische Kommunikation«. Diskutiert man aber über konkrete Wege zum Erreichen der Ziele, wird die Verständigung schwieriger. Nach meiner Einschätzung hat es beim Weggang von sjs aus Bielefeld an einer systematischen Methodendiskussion und einem klaren gemeinsamen Forschungsprogramm gefehlt. Das zeigen auch die vielfältigen Arbeiten der anschließenden zwei mal sieben Jahre LUMIS in Siegen, an denen die Bielefelder nicht mehr beteiligt waren. Einerseits wäre eine Konzentration auf die Behandlung zentraler literaturtheoretischer Fragestellungen wünschenswert gewesen. Andererseits kann der Weg in Konstruktivismus und Kommunikationswissenschaft nicht erfolgreich sein, wenn linguistische Grundlagen und eine differenzierte Modellierung fehlen. Eine solche Einschätzung bedeutet, dass man komplementär noch einen anderen, mühsamen Weg gehen muss. Dafür sollten diskurs- und kognitionslinguistische Methoden stärker genutzt und systematisch ausgebaut werden. Ein wenig Licht ist in dieser Hinsicht am Horizont zu erkennen: Die Strukturbildungsprozesse literarischer Texte lassen sich mittlerweile erfolgreich mit kommunikationsanalytischen Verfahren untersuchen, die Interpretationstheorie der Linguistik hat Fortschritte gemacht, und das Repertoire experimenteller Methoden zur Erforschung von Produktions- und Rezeptionsprozessen ist größer und einschlägiger geworden. Man kann also hoffen, dass die verschiedenen Wege zu einer transklassischen Literaturwissenschaft bald wieder zusammenführen. Dies ist besonders dem Jubilar sjs zu wünschen. Denn er hat auf seine Weise unermüdlich gearbeitet, geschrieben, publiziert. Dieser Unruhezustand darf in einen kreativen und genießenden Ruhestand übergehen, wenn der entscheidende Durchbruch zum gemeinsamen Ziel gelingt.

nach oben

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Druckversion