Gerhard Johann Lischka
Die Rahmen des Bewußtseins
Abschnitt 3

   
             
 
    Essays    
   

Der zweite Rahmen, in den die Massenmedien eingespannt sind, ist zunächst technischer Art. Etwas wird akustisch oder optisch aufgenommen. Was immer das Aufgenommene ist, eine alltägliche Szene oder ein Theaterstück, Lustiges oder Tragisches, Ungerahmtes oder Gerahmtes wird in den Über-Rahmen der Tonspeicherung und des Objektivs analog oder digital eingespannt und den Voraussetzungen und Direktiven - dem zweiten Rahmen - angeglichen. Diese Verwandlung, die Mediatisierung, ist der wesentliche Punkt des zweiten Rahmens. Er ist als Prozess dauernd am Erscheinen und Verschwinden und wird dadurch einerseits aufgelöst, ist andererseits als Apparat, der aufnimmt und wiedergibt, aber selbst schon das Doppel, das In und Out, das Interface als Bühne der Bühne, als Szene von der Szene der Szene. Zwischen Zuschauer und Schauspieler/Autor etc. ist nicht die direkte Aufmerksamkeit am Werk, sondern die Zwischenschaltung der Apparatur, die als Techno-Faszinosum bereits schon Abstand oder Respekt gebietet. Durch ihre apparative Nähe (Walkman...) kann die Zwischenschaltung jedoch ausgeblendet werden und wirkt als wäre sie ausgeschaltet.

Durch das uns immer näher rückende Interface der Massenmedien kommt eine Verwechslung von direkter und indirekter Aufmerksamkeit zustande, die eine direkte Bezugnahme verunsichert, bestimmt aber abwertet im Vergleich zu Bedeutungszuschreibungen der Medien. Der Alltag, die sogenannte Realität, wird blass und grau neben der an und durch die Medien gezeigten Reality, der Medien-Realität, welche als unser Bezugsrahmen dominant wird.Die Reality drückt dem, was wir als unsere Realität bezeichen, unserer Wirklichkeit den Stempel auf, was dem Prozeß entspricht, wie ein Massenprodukt uns als immer schon existierendes, natürliches vorkommt. Der Mythos verwandelt Kultur in Natur, so wie Kunst von der Kultur geschluckt wird und allgemeine Akzeptanz erhält.

Hinter diesem Phänomen taucht der seit den Anfängen der Philosophie existierende Widerstreit zwischen Realismus und Konstruktivismus in vielfach abgewandelter Bezeichnung auf: Gibt es eine objektiv für sich da seiende Welt oder wird die Welt durch die entsprechenden Weltbilder, die Sprache etc. konstruiert? Und damit zusammengehörig: Ist die Welt, wird sie bezeichnet, von Gegensätzen geprägt oder ist alles einer Einheit stiftenden Ganzheit eingefügt? Finden die Gegensätze zu einer Synthese oder gibt es dem Dualismus entgegen einen Monismus? Steht die Vermittlung als Mitte da oder leben wir in einer Sphäre der Vermischung?

Die Antworten auf diese Fragen sind zumeist in extremer Form gegeben worden, weil sie dann eindrücklicher sind; doch überzeugender sind sie deshalb nicht ausgefallen. Denn jedes Denksystem ist eine Reduktion von Komplexität. Die Landkarte kann nie das Land im Verhältnis 1:1 wiedergeben, dann hat sie ja keinen Sinn mehr. Das Problem ist hier, welche Zwänge ein Denksystem von vornherein unseren Möglichkeiten zu denken auferlegt und wie uns dafür notwendige Rahmen des Denkens ineinander passen müssen. Denn Rahmen sind nicht Begrenzungen sondern die notwendige Struktur zur Bündelung einer unermesslichen Vielfalt.Wie müssen die Rahmen beschaffen sein um uns Statik und Dynamik in nicht fixierter Weise zu gewähren, um Konzentration und Dezentrierung zu ermöglichen, um das Vergangene mit dem Zukünftigen zu verbinden, um das Jetzt als einmalige Situation zu akzentuieren? Das Jetzt sowohl zu überwinden als auch zu perpetuieren.

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