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Sibylle Moser
feel, listen, look, speak. think
S.J. Schmidts intermediales Embodiment
Abschnitt 2

   
             
 
    Essays    
   

Denkbewegung: Rhythmus von Raum und Zeit

Abbildung 2: Think!

Abb. 2: »Think!«

Prozesse der Kognition vollziehen sich in operationalen Bewegungen der (Re-)Aktion. Umwelten geben Lebewesen Impulse für interne Veränderungen wie etwa Gedanken und diese spielen Umweltimpulse, beispielsweise in Form von Kommunikationen, an ihre Umgebung zurück. Francisco Varela, Evan Thompson und Eleanor Rosch formulieren in ihrem Klassiker The Embodied Mind pointiert: »organism and environment enfold into each other and unfold from one another in the fundamental circularity that is life itself.« (Varela/Thompson/Rosch 1991, 217) System und Umwelt breiten sich sozusagen ineinander aus und ihre Grenzen sind variabel. Ein zentrales Merkmal von lebenden Systemen ist somit   ihre Zeitlichkeit, der Raum, den jede ihrer Interaktionen mit der Umwelt markiert. Im Übergang von der Voraussetzung des Lebendigseins zur Setzung sinnvoller, zielgerichteter Bewegung entstehen Raum und Zeit (vgl. Schmidt 2003, 84), wobei »... Zeit durch den handelnden Einsatz des Körpers erfahren wird.« (ebd., 88) Die psychologischen Forschungen der Spieltherapeutin Gerda Verden-Zöller illustrieren auf der empirischen Ebene, auf welche Weise Raum und Zeit aus der sensumotorischen Koordination hervorgehen. Sie unterscheidet in der Beobachtung frühkindlicher Spiele »Modi der Körpererfahrung« wie etwa den Rhythmus, »fließende Formen sensomotorischer Korrelationen in Gestalt wiederkehrender Bewegungsmuster«, oder die Konstruktion elementarer Zeichen wie das »phylogenetische Bewegungsschema«. Dieses Bewegungsschema ist in der sternförmigen Bewegung (d.h. der Bewegung nach links und rechts, vor und zurück sowie diagonal) verkörpert und wird von Kindern in Hüpfspielen wie »Himmel und Hölle« zeichnerisch und kinästhetisch umgesetzt (vgl. Maturana/Verden-Zöller 1993, 138f.).

Auch in unserem poetischen Beispiel können wir diese sensumotorische, rhythmische Koordination des Körpers nachvollziehen (Abb. 2):   Die Grafik führt uns sternförmig in Diagonalen übers Papier und deutet damit die Richtungen des phylogenetischen Bewegungsschemas an. Die grafisch notierten Bewegungen wurzeln einerseits in   der gestischen Schreib- und Zeichenbewegung Siegfried J. Schmidts, in der Koordination der Augen und Hände bei seiner Handhabung von Zirkel und Stift. Andererseits aktualisieren wir diese Bewegungen in unserer poetischen Rezeption und können sie bei der Wahrnehmung des Gedichts in der Vorstellung nachvollziehen. Die sensumotorische Koordination und ihre leibliche Erfahrung werden sowohl auf der empraktischen wie auf der Ebene der Imagination wirksam.

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Einleitung

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Abschnitt 5

Abschnitt 6

Abschnitt 7

Literatur

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