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Sibylle Moser
feel, listen, look, speak. think
S.J. Schmidts intermediales Embodiment
Abschnitt 4

   
             
 
    Essays    
   

Kommunikatives Embodiment: Semiotische Materialitäten

Abbildung 4: Speak!

Abb. 4: »Speak!«

Alle drei Dimensionen kognitiver Verkörperung dienen damit auch der Kommunikation, parallel zum Fühlen wird mit der Umwelt kommuniziert: »Speak«! Interessant an unserem Beispiel ist, dass das Sprechen dort metasprachlich visualisiert wird. Die Modalitäten der Verkörperung sind schriftlich und visuell, die Arbeit kann im Rezeptionsmodus des Lesens und des Schauens wahrgenommen werden. In der Integration von Schrift und Bild erschließt sich uns die Crossmodalität der Wahrnehmung: strukturelle Analogien werden in verschiedenen Modalitäten, verbal bzw. schriftlich und visuell, umgesetzt. So finden sich etwa eine Reihe formaler Wiederholungen in der grafischen Gestaltung und im Text. Linien wiederholen sich ebenso wie die syntaktische Form des Imperativs und die Positionierung von geometrischen und schriftlichen Elementen. Der intermediale Rhythmus, der aus diesen Wiederholungen resultiert, konstituiert ein poetisches Raumzeitgefüge. Aus der Perspektive kognitiver Verkörperung ist das erste Medium der Sprache nicht die Schrift, sondern der Körper; so bedarf etwa die gesprochene Sprache sowohl der Stimme als auch der Geste als Medium (vgl. Ong 2002/1982).

Wie gelangt der Körper aber auf's Papier? Die kognitive Linguistik von George Lakoff und Mark Johnson formuliert hier eine bedenkenswerte Antwort: Der Körper bzw. die sensumotorische Bewegung wird durch konzeptuelle Metaphern in den Zeichenprozess übertragen. Konzeptuelle Metaphern verwirklichen die ikonische Dimension von Sprachzeichen: sie stellen einen Sachverhalt anhand seiner zentralen sinnlichen, sensumotorischen Eigenschaften dar (vgl. Lakoff/Johnson 1999, 45ff. ). Als Beispiel für diese mediale Projektion des Körpers können wir die Kluft zwischen Fühlen und Sprechen in Schmidts Gedicht nehmen, die durch die visuelle Metapher der Leere zwischen zwei räumlichen Punkten dargestellt wird (Abb. 4). Schmidt überträgt damit die Erfahrung der räumlichen Entfernung auf sein konzeptuelles Verständnis der Differenz von Kognition und Kommunikation.

Die Materialität kommunikativer Formen ist demnach durch die leibliche Erfahrung und die Empfindung operationaler Relevanzen motiviert. Die Differenz von Bedeutung und Materialität, die ihre Fortsetzung in der Differenz von Form und Inhalt und der Annahme einer bedeutungsunabhängigen Arbitrarität der Zeichengestalt findet, erscheint als Residuum eines dualistischen Zeichenverständnisses: »Für Sprecher in Geschichten&Diskursen gibt es in einer Sprache keine Arbitraritäten.« (Schmidt 2003, 73) Im Einklang mit Schmidts Position geht die kognitive Linguistik davon aus, dass worüber wir uns mitteilen das Wie der Mitteilung entscheidend prägt. Sie stellt sich mit dieser Annahme gegen den saussureschen Standpunkt, dass sprachliche Zeichen ausschließlich arbiträr sind. Sprachliche Ausdrucksformen sind ebenso an die Wahrnehmung gebunden wie an konkrete Äußerungskontexte. Im Unterschied zu   Saussure unterscheidet Peirce in diesem Sinn verschiedene Möglichkeiten der semiotischen Bedeutungsbildung: Ikons als Zeichen, die durch ihre Qualität etwas ausdrücken, Indices als Zeichen, die in einer räumlichen und zeitlichen Beziehung zu ihrem Gegenstand stehen und Symbole als konventionelle Zeichen (vgl. Nöth 2000, 178ff. ). Ikonizität, Indexikalität und Symbolizität sind keineswegs einander ausschließende Klassen, sondern sie stellen Aspekte der Zeichensetzung dar, die im Rahmen eines Medienangebots gleichzeitig, sozusagen quer durch das semiotische Referenzspektrum, realisiert werden können (vgl. Ruthrof 2000, 96). Neben ihren ikonischen und indexikalischen Qualitäten sind Ausdrucksformen der Sprache in Rhetoriken organisiert, von denen KommunikationsteilnehmerInnen wechselseitig voneinander annehmen, dass sie über sie verfügen. Diese wechselseitige Erwartung wird als konkrete Lebensform wirksam. Sprachzeichen sind aufgrund der reflexiven Handlungsrationalität von Alter und Ego konventionell bzw. symbolisch, nicht etwa aber aufgrund eines dem Sprechen vorgängigen Systems der Sprache.

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Einleitung

Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Abschnitt 5

Abschnitt 6

Abschnitt 7

Literatur

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