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Sibylle Moser
feel, listen, look, speak. think
S.J. Schmidts intermediales Embodiment
Abschnitt 6

   
             
 
    Essays    
   

Kulturprogramme: Beobachtung von medialen Unterscheidungen

Abbildung 6: Look!

Abb. 6: »Look!«

Neben den Modi des Sprechens und des Hörens operiert das lyrische Ich unseres Gedichts schließlich noch in einer dritten Modalität: »Look!« Die Arbeit reflektiert damit nicht zuletzt auf eine zentrale Unterscheidung des medientheoretischen Diskurses, auf die Unterscheidung von Sehen (Schreiben) und Hören (Sprechen). Eine Grundthese von Marshall McLuhan ist bekanntlich, dass der Buchdruck das Hören verdrängt und der Sehsinn ab dem 16. Jahrhundert die Kommunikationsprozesse westlicher Gesellschaften dominiert (vgl. McLuhan 1962, McLuhan 1997/64 ). Die empirische Validität dieser These ist fragwürdig, da das Hören ebenso wie das Riechen in vielen Kommunikationsbereichen eine wichtige Rolle spielt. Als zentrale Selbstbeschreibung des Wirklichkeitsmodells westlicher Gesellschaften bzw. als Set von Bewertungen, ist die Gegenüberstellung sprachlicher Modalitäten und Bezeichnungsweisen jedoch von Relevanz. Ich interpretiere die Unterscheidung von Schrift und Rede entsprechend als »kulturellen Eckwert«, der entscheidend die Selbstwahrnehmung bzw. das Selbstverständnis von westlichen Gesellschaften prägt. Die Kategorien Hören und Sehen sind fixer Bestandteil von abendländischen Wirklichkeitsmodellen und werden im Rahmen kultureller Programme, die auch in medientheoretischen Beobachtungen thematisch werden, semantisch differenziert.

So wird etwa die medienspezifische Selbstwahrnehmung in der Gegenüberstellung von oralen und literalen »Mindsets«, wie sie etwa Walter J. Ong postuliert, in ihrer Stereotypisierung deutlich (vgl. Ong 2002/1982, 31ff.). Demnach denken Mitglieder so genannter mündlicher Kulturen beispielsweise situativ anstatt kategorial, sind nahe an der Lebenswelt, und organisieren sich homöostatisch und konservativ. Literale Gesellschaften werden als das genaue Gegenteil beschrieben, ihre Mitglieder denken abstrakt, sind distanziert und verwirklichen eine dynamische und innovative Gesellschaftsorganisation. Diese kulturelle Dichotomisierung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit geht mit entsprechenden rassen-, klassen- und geschlechtsspezifischen Bewertungen einher (vgl. Biakolo 1999) und wurde von vielen TheoretikerInnen aufgrund ihrer theoretischen Übergeneralisierung und ihrer mangelnden empirischen Evidenz kritisiert (vgl. Finnegan 1977, 62ff., 246ff.). Dennoch wird Schriftlichkeit auch heute noch mit Prozessen der Wahrheitsfindung assoziiert und bürgt im Rahmen der Lesekultur für die poetisch-ästhetischen Erfahrungen des Bildungsbürgertums. Mündlichkeit erscheint demgegenüber als Sphäre des Klatsches, des Meinens und der Volkskultur.

Im Rahmen von Ästhetikprogrammen der Moderne wie Futurismus und Dadaismus, die mediale Grenzen überschreiten, wird diese Dichotomie von Schrift und Rede reflexiv. Ästhetische Programme wie das der Konkreten Dichtung machen die konstitutive Materialität der Schrift und ihre Verknüpfung mit anderen Medien deutlich. Schon 1974 formuliert Schmidt zentrale Gedanken seiner aktuellen Philosophie der Geschichten und Diskurse im Rahmen einer Textpoetik der experimentellen Literatur. Im Anschluss an die brasilianischen Autoren Augusto de Campos, Haroldo de Campos und Décio Pignatari zitiert er den Kerngedanken der konkretistischen Programmatik: »Konkrete Dichtung: Wortobjekte in das Raum-Zeitgefüge gespannt ... Das konkrete Gedicht ist Mitteilung seiner eigenen Struktur.« (Schmidt 1974, 94). Geschichten und Diskurse materialisieren sich in den Gestalten der Sprache und werden im Rahmen ästhetischer Kommunikationen im Hinblick auf ihre mediale Bedingtheit reflektiert. Embodiment besteht in ebenjener medialen »Einspannung« lebender Systeme in konkrete Raum-Zeitgefüge. Als Beobachtung zweiter Ordnung ermöglicht die konkrete Poesie hier die Erfahrung eines medialen »Gestalt-switchs«. 26 Jahre später notiert Schmidt: »Was aber zeigt die Beobachtung der Manifestationen dieses Programms? Im Literatursystem integriert der Text Elemente von Bildlichkeit oder allgemeiner von Visualität. Flächenwerte und Materialwerte, also Seh-Qualitäten, treten neben semantische Qualitäten, also neben Lese-Werte. Wie in einem Gestalt- switch können die Rezeptionsmodi geändert werden, so daß Konkrete Poesie sozusagen per Medien- switch gesehen oder gelesen werden kann.« (Schmidt 2000, 294)

Unser poetisches Beispiel ist somit in einem Netz von intertextuellen Beziehungen situiert. Die Beobachtung der kulturellen Programmierung medialer Unterscheidungen entlarvt die Dichotomien von Sprechen und Schreiben ebenso wie die Dichotomie von Lesen und Schauen als »operative Fiktionen« (Schmidt 2003, 33). So wird etwa im Rahmen von Lesungen auch die akustische Dimension der Sprache reflexiv. Offen bleibt, ob die Struktur des Imperativs uns dazu verleitet, diese verbale Komponente auch im Lesemodus innerlich zu vokalisieren. Fragen wie diese können, auch das eine zentrale Einsicht S.J. Schmidts, nur durch empirische Rezeptionsforschungen beantwortet werden. So legen etwa Ergebnisse eine qualitativen Studie, die ich zur intermedialen Rezeption von Songtexten durchgeführt habe, nahe, dass LeserInnen poetische Texte häufig innerlich artikulieren und in der Vorstellung mit einer Stimme versehen (vgl. Moser 2005, 115).

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Einleitung

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Abschnitt 4

Abschnitt 5

Abschnitt 6

Abschnitt 7

Literatur

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