Bernd Scheffer

Zur neuen Lesbarkeit der Welt:
Es fängt jetzt überhaupt erst richtig an.

   
             
 
    Essays    
   

Was die neue Lesbarkeit der Welt betrifft, verzeichnen wir starke Gewinne, wir gewinnen einerseits die alte, gerade auch visuell bestimmte Lesbarkeit wieder zurück, und darüber hinaus sind wir Zeitgenossen von Entwicklungen, die uns auch gelegentlich euphorisch zu dem Ausruf verleiten mögen: »Verluste der Lesbarkeit? Nichts weniger als das! Es fängt jetzt überhaupt erst richtig an!«

Kulturkonservative Befürchtungen vor einem Untergang der »guten« Schrift und einer Epidemie der »schlimmen« Bilder sind genauso unberechtigt wie andererseits die eilfertigen Jubelrufe, die alles feiern, nur weil es möglicherweise neu ist. Lautstarke Warner und lautstarke Entwarner sind einander ähnlich in ihren jeweils allzu einfachen Schlußfolgerungen; die besseren Plätze finden sich zwischen solchen extremen Positionen.

Ich sehe zwar sehr wohl einige Verluste an Lesbarkeit, sofern man unter Lesbarkeit im engeren Sinne die herkömmliche vertraute Lesbarkeit von Texten versteht. Allein der Zeitanteil, den sich die übrigen Medien bei Jung und Alt erobert haben, hat sicher nicht gerade zu einer massenhaften, quantitativen und qualitativen Verbesserung intensiver Textlektüre geführt. Kann aber deshalb schon von massenhaften Verlusten gesprochen werden? Empirische Untersuchungen bestätigen keineswegs die offenbar eher imaginierten Verluste, die in kulturkonservativen Statements beschworen werden. Verluste sind, wenn sie überhaupt stattfinden, vorerst klein und sie betreffen spezifische Aspekte der Lektüre von ganz spezifischen Texten.

Was haben wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht schon alles zu hören und lesen bekommen, gerade auch in der Germanistik im Zusammenhang mit allerhöchsten Ansprüchen an Wissenschaftlichkeit, in Positionspapieren namhafter Forschungsprogramme: Die Literatur sehe sich zunehmend einer Konkurrenz durch wortlose Medien ausgesetzt; Popmusik sei ja schön und gut, aber leider immer stärker wortlos... Doch es gibt vermutlich keine einzige Medienwahrnehmung, die vollkommen wortlos ist. Das immerhin könnten die diesbezüglich durchaus sicheren Resultate aus den empirischen Kognitionswissenschaften, aus Psychologie und Neurophysiologie zeigen, würden sich Kulturwissenschaftler nur gelegentlich einmal darum kümmern. Selbst Instrumentalmusik wird man nicht längere Zeit anhören können, ohne daß einem mit-entscheidende Worte durch den Sinn gehen. Und wer angesichts von RAP oder Popmusik auf MTV oder VIVA immer noch behauptet, Popmusik sei wortlos oder auch frei von Schrift, hat einfach nicht hingehört und hingeschaut.

Es sind im wesentlichen vier Überlegungen, die hier eine Rolle spielen; das Fundament dieser Überlegung besteht jeweils in der für mich völlig unerläßlichen Ausweitung der Konzepte von Lesbarkeit:

Die erste Überlegung besagt, daß wir alle Freiheiten des Sprachgebrauchs, der Metaphernbildung haben, Lesbarkeit auszuweiten. Die Metaphern, die uns jetzt bewußt werden müssen, zeigen diese konzeptionelle Freiheit an. – Sagt man bespielsweise: Die neuen und neuesten Medien beschleunigen die Zeichendarbietung ungeheuer, es bliebe keine Zeit für gründliche Nachdenklichkeit, für kontemplatives Eintauchen, zumal die seltene Darbietung von Schrift reduziere deren Lesbarkeit bestenfalls auf das Ornamentale ... – wenn man so spricht, dann stellen sich alle Verlust-Ängste ganz umstandslos ein; mühelos findet man jede Menge prominenter Zeugen: Etwa die Beschleunigungs-Kritik von Paul Virilio, die Simulations-Kritik von Jean Baudrillard bis hin zu den eher billigen, aber deshalb auch wirtschaftlich erfolgreichen Thesen eines Neil Postman. Solche Metaphorik ist bekannt; das brauche ich nicht weiter auszuführen.

Sagt man aber statt »ungeheurer Beschleunigung«, womit hier ja »ungeheuerliche Beschleunigung« gemeint war, sagt man statt dessen einfach einmal – wie z. B. Peter Weibel: Die neuen Medien »akzelerieren« und nennt dann auch noch, in nun freilich anderer Metaphorik, einen Gegenbegriff zu »akzelerieren«, nämlich »arretieren«, dann erscheint die Lesbarkeit von Texten im engeren Sinne nunmehr eben als »Arretierung«, als »Arrest« (soweit Weibel 1987, 120), als »Bremse«, als »Korsett«. Und die Sache, ja die Sache selbst, stellt sich völlig anders dar.

Bei den Futuristen zeichnet sich eine solche Umkehrung der Lesbarkeits-Konnotationen zum ersten Mal deutlich ab: »Sowohl die literarischen Texte als auch das gemalte Bild aber konnten das metropolitane Zeitgefühl – wie es sich in der Wahrnehmung von >velocitá< und >simultanitá< auch programmatisch anzeigte – nur annähernd verbalisieren bzw. visualisieren. Erst dem Film gelingt die adäquate Abbildung von Bewegung und Geschwindigkeit (...).« (Großklaus 1995, 31 f.)

Die Buchkultur hat eben nicht nur unbestreitbare Freiheits-Verdienste, sondern – wie alle Medien – auch ihre Kehrseite, ihre Fesseln. Nicht alle, aber ein paar Schrift-Kinder verlassen jetzt das Nest, das Haus, den Hof des Buches. Das kann man mit Trauer und Freude oder am besten mit beidem zugleich sehen, immerhin sind einige Schrift-Kinder jetzt – fast im wörtlichsten Sinne – flügge geworden: Emanzipation: Schrift-Sprößlinge flattern und zwitschern in unübertrefflicher Lebensfreude in der Video- und Computerkunst.

Dasselbe Metaphern-Spiel ließe sich mit Gedächtnis-Metaphern durchspielen: Texte als Speicher – schön und gut. Sagen wir aber statt Konservieren nun Einfrieren, sagen wir zur Bibliothek nun Aufbewahrungs-Halle oder gar Aufbahrungs-Halle, polarisieren wir einen leblosen Speicher gegen eine lebendige Verkörperung, eine tote Schrift gegen eine mediale Bewegung – wieder geraten unsere kulturkonservativen kulturellen Markierungen in Bewegung.

Die Tendenz usueller Metaphern kommt zum Vorschein: Schrift bzw. Bild werden im abendländischen Kulturkreis nach wie vor (aber selbstverständlich nicht völlig grundlos) mit unterschiedlichen Begriffen assoziiert: Schrift gilt als bewußt, linear, logisch, rational, sequentiell, historisch. Dagegen gilt Bild als eher unbewußt, nicht-linear, simultan, emotional, mythisch, ganzheitlich, amorph, prä- oder posthistorisch. Diese unterschiedlichen Tendenzen schwächen sich freilich in dem Maße ab, in dem man sich den möglichen Gegentrends öffnet.

Von diesen erforderlichen Abschwächungen des Schrift-Bild-Gegensatzes soll nunmehr in der zweiten Überlegung die Rede sein. Die zweite Überlegung dafür, daß ich hier eher eine Gewinn-Rechnung der Lesbarkeit aufmachen kann, betrifft den Bild-Anteil der Sprache und der Schrift bzw. den Sprachanteil der Bilder. – Die Literaturwissenschaft hat noch immer zu enge Vorstellungen von Lesbarkeit. Fest machen kann ich das an den falschen Schrift-Bild-Differenzen, an den unberechtigten Gegensetzungen zwischen Schrift und Bild. Man kann nicht länger auf härtesten Schrift-Bild-Gegensätzen beharren, sondern man muß von einem grundsätzlichen, nicht stornierbaren, allerdings von Fall zu Fall auch flexiblen Zusammenspiel zwischen Schrift und Bild ausgehen. Es wird allmählich ärgerlich, wenn Kulturwissenschaftler die falsche Polarisierung zwischen Bild und Schrift fortschreiben, nur weil sie damit die steileren Thesen, die deutlicheren Schlagzeilen abliefern. Zweifellos gibt es Formen der Medienkonkurrenz auch zwischen Schrift und Bild, besonders in den Entstehungsphasen neuer Medien, aber die Anschlußmöglichkeiten, die Koexistenzen und die Vernetzungen, die geradezu unauflösbaren Verbindungen von Schrift und Bild sind so vorherrschend, daß nichts für die gängigen einseitigen und falschen Prämierungen der auf das Buch bezogenen Schriftkultur spricht. Über solche längst offenen Grenzen gleitet jede kulturelle Praxis, nicht nur die der Video- und Computerkunst, mühelos hinweg; das immerhin können wir zeigen mit inzwischen unzähligen Beispielen.

Wir kennen zwar die dabei wirksamen Wahrnehmungs-Mechanismen noch nicht in allen Einzelheiten, aber unstrittig ist, daß eingehende, daß länger andauernde Bild-Wahrnehmungen nicht ohne gleichzeitig ablaufende Sprach-Prozesse stattfinden können. Es genügt vollauf, sprachliche »Speicher« zu aktivieren, um Bilder zu »sehen«: »(Willy) Brandt kniet (am Mahnmal des Warschauer Ghettos)«, »Einsteins Zuge« oder »Marylins weißes Kleid« oder »Mein erster Schultag« – und diese sich rasch einstellenden Vorstellungsbilder sind erstaunlich »fehlerlos« im Vergleich mit den »tatsächlichen« Bildern. Wären Bild und Schrift tatsächlich strikt getrennt, dann wären solche schnellen Effekte undenkbar. Wie denn soll ein Sprach- und Schriftgedächtnis sogleich Bilder aus einem Bildgedächtnis abrufen, wenn die Tore zwischen beiden Systemen nicht meilenweit offenstehen – abgesehen davon davon, daß die zuständige Forschung (angefangen etwa bei Pavio und Johnson-Laird) ohnehin nicht von zwei strikt getrennten System ausgeht, sondern eine »doppelte Codierung« von Bildern veranschlagt: eine visuelle Codierung, stets verbunden mit einer sprachlichen. Texte rufen innere Bilder hervor, wie umgekehrt geschriebene Texte sich an Bilder heften können. Schrift kann durchaus die »Leichtgläubigkeit« der Bilder nützlich stören: diese Brechungsmöglichkeit macht sich die Videokunst vielfach zu Nutze.

top

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Literatur

Druckversion