Ferdinand Schmatz

Splitterpoetik – oder nichts als Fragen gerichtet an S.J. Schmidt

   
             
 
    Essays    
   

1

Die Nähe zur Wissenschaft, ist sie ein Motor der Poesie? Was macht Erkenntnis aus – in der Wissenschaft, in der Poesie, der Kunst? Wie wird vorgegangen, wie werden Tatsachen gefunden, wer erzeugt wen? Das wäre doch die »wahre« Umkehrung der Verhältnisse, wenn die Regel den Wissenschaftler erzeugt, die Kunst den Künstler. Hat sich einer darauf eingelassen, gibt er dann sein Ich auf, oder setzt er nicht auf ein absolutes, unmittelbares, das in einer Art von PREsentismus zum Ausdruck kommt und dort herrschen will?

2

»Jetzt ist immer«, sagt Gerhard Rühm, »Jetzt ist nie« sage ich, aber hoffe, Unrecht zu haben. Alles was da ist, ist bereits vergangen, was bleibt sind die Kairos, die »gegenwärtigen Sekunden«, die es zu verstehen, zu wägen, zu messen gibt. Ein positivistisches und metaphysisches Programm zugleich?

3

Ist Künstlichkeit immer noch oder schon wieder die Stärke, der Sprung von der Natur zu den künstlichen Welten wie er gegenwärtig praktiziert wird – allerdings in den Feldern des Kapitalismus, die mit der Kunst-Wissenschaft verlassen, gesprengt werden sollten, da die dem Kapitalismus dienende in-objektive Wissenschaft »nur das System der Ausbeutungsfähigkeit verfolgt und fortwährend Standpunkte einnimmt, die einer erledigten Zivilisationsform angehören« (Raoul Hausmann). Ist diese Zivilisationskritik noch angebracht – Widerstand oder Mitmachen gefragt?

4

Dieses Bild ist mehr als ein Bild, denken wir an virtuelle Versuche der Gegenwartskunst, die zwar noch nicht über die technologischen Vorgaben der Industrie hinausgelangt sind, aber dennoch im Sinne Hausmanns zumindest versuchen könnten, die ihnen von dieser Industrie vorgegebenen Grenzen zu überschreiten, als Kritik, als Kunst.

5

Im Dichten selbst ist es das Bild des Raumzeitlichen, das mich fasziniert: synästhetisch vorzugehen, zu beachten, was Ton und Klang und Bild und Bedeutung in einem bewußten Zusammenspiel ergeben, durch die Projektion aufeinander oder die tatsächliche Ineinanderführung. Hier sehe ich Anknüpfungspunkte, Weiterführungs-Möglichkeiten, bescheiden mag das klingen – ich könnte es auch singen – aber es ist vielleicht dieser Schritt zurück, hinter diese eroberten oder forsch bezogenen Spitzen der Avantgarde, der noch einen Freiraum zuläßt, wo das Neue, der Schock, die Materialität, der freie Zugriff auf Stilformen eine Umwandlung erfahren in Beachtung und Umarbeitung von Traditionen, die in diesem Rausch der neuen Kunst übertrumpft wurden, die aber unter den Blickwinkeln des Rausches umversetzt, zumindest in einem anderen Licht erscheinen, einen anderen Ton sprechen, andere Klänge hervorbringen lassen, den Sinn verrücken, aber nicht »nur« zerstören.

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