Waltraud Seidelhofer
latemar sehen
(zu "Das Latemar-Projekt" von Siegfried J. Schmidt)

Abschnitt 2

   
             
 
    Essays    
   

...daß wir Menschen nur e t w a s a l s e t w a s wahrnehmen können, nämlich als etwas, das wir bereits kennen, oder das wir als noch Unbekanntes wahrnehmen... (KA s. 42)

im naechsten bild, s. 68 gegenueber, ist der hintergrund (himmel) klar, hell, wird nur in richtung rechte obere bildecke etwas dunkler, am hellsten ist er um einen kleinen runden fast weissen fleck herum (mond, oder auch abendsonne). der baum-ausschnitt, der den linken bildrand einnimmt und sich nach oben hin verbreitert, kann nicht ident sein mit dem baum-ausschnitt auf dem vorhergehenden bild, die perspektive hat sich verschoben:
der tiefe annaehernd halbrunde einschnitt, der in den bisher beschriebenen bildern fuer die silhouette des berges charakteristisch ist, liegt nun stark verkleinert nahe am rechten bildrand, der autor (fotografierende) hat sich weit vom berg entfernt, die richtung, aus der er fotografiert, jedoch im wesentlichen beibehalten. dem betrachter praegt sich der langgezogene ruecken des latemar ein.

so schliessen sich die bilder an und zusammen, die bilder von "latemar II", eines auf jeder der unnummerierten seiten (oder auch 2), und beim durchblaettern seite fuer seite, langsam, bei der genauen betrachtung der bilder, oder auch beim raschen durchlaufen-lassen (den daumen an den schnitt des buches gelegt und die anderen finger am rueckwaertigen einband)

beginnt das bild des latemar zu entstehen

im gehirn des lesers (betrachters), fuegt sich detail an detail, legen sich gesamteindruecke, gesamtansichten darueber, bergformen, die schattierung von weiss hin zu schwarz, waehrend ploetzlich die frage entsteht, wie man den latemar in der vorstellung sieht: in diesen nicht-farben, in grau schwarz und weiss, oder ob man die bilder mit farben versieht, die baeune, den himmel blau waere also ein see und nicht nebel, der gelbe fleck mond oder sonne und keine koernung auf dem papier, und auf den wolken rosa, abend oder morgen, ein schein -
auch die (eigene) erfahrung laesst sich nicht vermeiden bei der erschaffung der vorstellung des latemar:

s. 90 gegenueber, die am fuss des berges gelegene huette, der weisse helle strich, eine strasse, sehr gerade daran vorbei, und wiesen und baeume:
der leser/betrachter diese bildes, der beiden bilder auf dieser seite, nimmt ganz ploetzlich wahr, dass ihm diese landschaft bekannt ist:
dieses aha-erlebnis,
diese erinnerung an eine aehnliche landschaft, eine standard-landschaft in diesem geografischen gebiet:
vermutlich ging er eine aehnliche strasse entlang, fuhr im auto auf ihr, sah diesen landschafts-ausschnitt aus der entfernung, von einer anderen strasse, einem weg oder huegel aus, oder sah ihn als bild,
sogar an die zweite huette im vordergrund, auf dem unteren der beiden bilder, kann er sich erinnern, er denkt einen, moeglichen landstrich, einen moeglichen namen hinzu, vielleicht noch eine zeit, viele jahre zurueck.
oder, s. 108 gegenueber, die halde, geroell:
diese detailassoziation, nur auf den boden bezogen, das gehen, einen moeglichen weg, die sich in zahlreiche erinnerungsbilder einpassen laesst:
haptisch die steine, spitz oder rund, durch die schuhsohlen hindurch, das unsichere auftreten, die erinnerung an diese steine, geroell, fast spuerbar wieder gerufen abgerufen aus dem gespeicherten fundus, diese zacken, das runde, das unter den fuessen zu gleiten beginnt, den koerper weggleiten laesst, an das sich eine weitere erinnerung, erfahrung anschliesst:
die hitze, und das balancieren, das einsinken, vielleicht sogar staub, den die tritte aufwirbeln, jedenfalls durst, und das muehsame atmen, atemnot mit dem bild des geroellfeldes, einer schotterstrasse verbunden, und die betraechtliche steigung, und die annahme, dass die umgebung, jedenfalls die unnittelbare umgebung, weder baeume noch gras noch blumen (alpenblueten) enthaelt, nur stein:
eine sichere assoziationskette, wer weiss woher schon gekommen, aus der kindheit vielleicht, kette die sich fortsetzt, verfestigt, wiederholt und bestaetigt.
doch das hier so ausfuehrlich beschriebene auftreten von erinnerungsbildern ist nur ein kurzer augenblick, ein rasches "feuern von neuronen" waehrend des durchblaetterns der seiten, ein detail mehr in der erfahrung, der erschaffung des latemar in der vorstellung, im hirn.

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