Waltraud Seidelhofer
latemar sehen
(zu "Das Latemar-Projekt" von Siegfried J. Schmidt)

Abschnitt 3

   
             
 
    Essays    
   

Die Auswertung inhaltlicher Bilddetails wird gesteuert von Erwartungen, Absichten, Alter, Kulturzugehörigkeit und Erfahrung im Umgang mit Bildern, also - wie beim Sprachverstehen auch - von einer Fülle von "Wissen". (KA s. 156)

und so entsteht das bild des latemar
ansicht fuer ansicht, aus der entfernung und naehe:
die zinnen und zacken, die streifen und halden, steine, und spuren von vegetation, besiedlung und wasser, am fuss des latemar,
detail und distanz, grate und abstuerze, und wie schraffiert das gestein, himmelsflaeche und wolken und die skelette von baeumen und, haenge hinauf, die silhouette von straeuchern, gefaedelt gereiht, sanftere kuppen, die ansicht von taelern, hinter denen die naechsten huegelketten liegen, mitunter auch schnee, oder schwaerze, die beginnenden nacht, die unterschiedlichen grautoene von himmelsflaeche und berg.
beharrlich entsteht das bild des latemar
von allen seiten, erfassbar, erfahrbar, in der vorstellung fixiert, ein bild, das im bild nicht fest zu halten ist.
"betrachtet man den latemar von der vorderseite und unabhängig davon von der rückseite, besteht kein anlaß zu der vermutung, es handle sich um ein und dasselbe gebirge" (L s. 84)
und doch existiert diese fiktion von realitaet im gehirn, von der gesamtansicht des latemar, die besichtigung und begehung, bei der der leser (betrachter, rezipient) sich selbst beobachtet, seine erfahrung erfaehrt und beschreibt, wobei es durchaus auch moeglich ist, diesen vorgang wieder zu beschreiben, seine eigene wahrnehmung wahr zu nehmen, sich selbst aus dem kontext umwelt zu nehmen um so, fuer eine gewisse zeit wenigstens, ein geschlossenes system (zitat) zu bilden mit sich und dem berg, bei der betrachtung des aus bildern entstandenen bildes des latemar,
ein ganz persoenliches bild,
von zufaellen und aufmerksamkeiten durchsetzt, ein nicht mitteilbares und sehr vergaengliches bild, vielleicht am ehesten einem hologramm zu vergleichen, ein teils verwischbares, teils festgefrorenes bild, in den neuronen des gehirns (vermutlich) fixiert, vielleicht erinnert vielleicht vergessen vielleicht auch nach langer zeit durch zufall wieder geholt, auftauchend, aufblitzend,
ein bild aus den bildern in latemar II entstanden
unter verzicht auf die danebenstehenden texte und auf latemar I und III, wobei diese, frueher schon gelesen, das entstehende latemar-bild mit beeinflussen, ebenso wie der name, die sprache und die bedeutung, das meer und die milch, woraus sich wieder neue assoziationen ergeben und im hinterkopf die ueberlegung auftaucht, dass diese beschreibung des vorganges, festgehalten durch schreiben, in einem moeglichen leser (rezipienten) wiederum bilder erzeugt, dieses sich fortsetzende spiel...
doch soll, fuer diesen zeit-punkt, einfach nur die beschaeftigung mit dem latemar-bild gelten, mit dem aus bildern fuer die eigene vorstellung geschaffenen bild, dem wahr-genommenen, als wahr erfahrenem bild, mit der aesthetik des berges,
"Wirklichkeit, so könnte man knapp bilanzieren, ist eine Funktion des Wissens(gewinns) in der Zeit" (ZB s. 33)

soll das gesamtbild des latemar gelten, fuer einen augenblick tatsaechlich existierend, nicht beschreibbar, ausgeklammert aus dem prozess der kommunikation,

die aesthetik des erkennens im kopf

L: Siegfried J. Schmidt, Das Latemar-ProJekt. Bozen 1998

KA: Siegfried J. Schmidt, Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Frankfurt/M. 1994

ZB: Siegfried J. Schmidt, Die Zähmung des Blicks. Frankfurt/M.1998

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