Waltraud Seidelhofer

latemar sehen
(zu "Das Latemar-Projekt" von Siegfried J. Schmidt)

... konstruiert der Organismus die Differenz von Figur und Hintergrund. (KA S. 42)

latemar II
im angesicht

seite fuer seite, die bilder des latemar, ohne seitenzahlen: der berg der autor die kamera, entwicklung auswahl und druck, und das bild die augen und das gehirn, der seheindruck, und dazwischen die zeit, zeit-raum von der wahrnehmung des autors bis zu der des lesers/betrachters.
f ü r w a h r genommen (KA s. 42),gewissheit der realitaet: der berg, bild fuer bild, die betrachtung der bilder und der versuch, sie zueinander in verbindung zu setzen, teilstuecke, aus denen in der vorstellung ein fiktives (ein der realitaet angenaehertes) ganzes entsteht.

für wahr g e n o m m e n (KA s. 42), der aktive charakter der wahrnehmung:
L s. 62 gegenueber: die figur (der berg) (das massiv), eine graue kontur, helle flaechen darin und davor das schwarz (wie) von waeldern.

vom (vom betrachter aus) linken oberen bildrand zieht eine dunklere form (wolke) in das helle diffuse grau des hintergrunds. L s. 64 gegenueber: wolken (oder nebel) oder das grau, auf den berg fallend von diesem aufsteigend, dunkle massen, die zinnen (zacken) zum grossteil verdeckend.
links oben befindet sich ein sehr kleiner, heller fleck.
der einschnitt in die kontur des berges, eine art zerkluefteter halbkreis, ist auf beiden bildern deutlich erkennbar, liegt beim ersten nahe dem linken bildrand, beim zweiten etwa in der mitte des bildes.

die bildrealitaet, die abfolge der bilder koennten durchaus einer vergangenen zeitlichen realitaet entsprechen, die auf dem bild s. 64 gegenueber erkennbaren details koennten, verglichen mit bild s. 62 gegenueber, auf die verwendung eines teleobjektivs, eine andere einstellung, auch einen standortwechsel des autors (fotografen) schliessen lassen, doch die annahme der entstehung des bildes (der beiden bilder) nacheinander, eines zeitlichen zusammenhangs, ist willkuerlich, vom betrachter (leser, bild-beschreiber) angenommen. zeit-raeume koennten dazwischenliegen, tage und jahre.

da der betrachter (der leser), der diesen text schreibende ueber keine zusaetzlichen informationen durch den autor verfuegt, ergibt sich ein spiel-raum fuer vorstellung und phantasie, der beschreibende betrachter baut den berg, das massiv, in seiner vorstellung auf, schiebt zeit-raeume und Jahreszeiten in die bilder, eine andere perspektive, eine groessere naehe, bedient sich dabei etwa des naechsten bildes, s. 66 gegenueber, nimmt auf diesem den teil eines baumes im vordergrund wahr, ebenso drei schwaerzliche striche, rillen oder rinnen im fels, vielleicht auch drei dunkle baumskelette. ganz links im vordergrund koennte ein kleiner heller fleck im grauschwarz einen tuempel teich oder teil eines sees darstellen, verdeckt durch die aeste des baumes, es koennte sich dabei jedoch auch um nebelschwaden handeln, wie sie weiter rechts aufsteigen, von einem see, moeglicherweise...

...daß wir Menschen nur e t w a s a l s e t w a s wahrnehmen können, nämlich als etwas, das wir bereits kennen, oder das wir als noch Unbekanntes wahrnehmen... (KA s. 42)

im naechsten bild, s. 68 gegenueber, ist der hintergrund (himmel) klar, hell, wird nur in richtung rechte obere bildecke etwas dunkler, am hellsten ist er um einen kleinen runden fast weissen fleck herum (mond, oder auch abendsonne). der baum-ausschnitt, der den linken bildrand einnimmt und sich nach oben hin verbreitert, kann nicht ident sein mit dem baum-ausschnitt auf dem vorhergehenden bild, die perspektive hat sich verschoben:
der tiefe annaehernd halbrunde einschnitt, der in den bisher beschriebenen bildern fuer die silhouette des berges charakteristisch ist, liegt nun stark verkleinert nahe am rechten bildrand, der autor (fotografierende) hat sich weit vom berg entfernt, die richtung, aus der er fotografiert, jedoch im wesentlichen beibehalten. dem betrachter praegt sich der langgezogene ruecken des latemar ein.

so schliessen sich die bilder an und zusammen, die bilder von "latemar II", eines auf jeder der unnummerierten seiten (oder auch 2), und beim durchblaettern seite fuer seite, langsam, bei der genauen betrachtung der bilder, oder auch beim raschen durchlaufen-lassen (den daumen an den schnitt des buches gelegt und die anderen finger am rueckwaertigen einband)

beginnt das bild des latemar zu entstehen

im gehirn des lesers (betrachters), fuegt sich detail an detail, legen sich gesamteindruecke, gesamtansichten darueber, bergformen, die schattierung von weiss hin zu schwarz, waehrend ploetzlich die frage entsteht, wie man den latemar in der vorstellung sieht: in diesen nicht-farben, in grau schwarz und weiss, oder ob man die bilder mit farben versieht, die baeune, den himmel blau waere also ein see und nicht nebel, der gelbe fleck mond oder sonne und keine koernung auf dem papier, und auf den wolken rosa, abend oder morgen, ein schein -
auch die (eigene) erfahrung laesst sich nicht vermeiden bei der erschaffung der vorstellung des latemar:

s. 90 gegenueber, die am fuss des berges gelegene huette, der weisse helle strich, eine strasse, sehr gerade daran vorbei, und wiesen und baeume:
der leser/betrachter diese bildes, der beiden bilder auf dieser seite, nimmt ganz ploetzlich wahr, dass ihm diese landschaft bekannt ist:
dieses aha-erlebnis,
diese erinnerung an eine aehnliche landschaft, eine standard-landschaft in diesem geografischen gebiet:
vermutlich ging er eine aehnliche strasse entlang, fuhr im auto auf ihr, sah diesen landschafts-ausschnitt aus der entfernung, von einer anderen strasse, einem weg oder huegel aus, oder sah ihn als bild,
sogar an die zweite huette im vordergrund, auf dem unteren der beiden bilder, kann er sich erinnern, er denkt einen, moeglichen landstrich, einen moeglichen namen hinzu, vielleicht noch eine zeit, viele jahre zurueck.
oder, s. 108 gegenueber, die halde, geroell:
diese detailassoziation, nur auf den boden bezogen, das gehen, einen moeglichen weg, die sich in zahlreiche erinnerungsbilder einpassen laesst:
haptisch die steine, spitz oder rund, durch die schuhsohlen hindurch, das unsichere auftreten, die erinnerung an diese steine, geroell, fast spuerbar wieder gerufen abgerufen aus dem gespeicherten fundus, diese zacken, das runde, das unter den fuessen zu gleiten beginnt, den koerper weggleiten laesst, an das sich eine weitere erinnerung, erfahrung anschliesst:
die hitze, und das balancieren, das einsinken, vielleicht sogar staub, den die tritte aufwirbeln, jedenfalls durst, und das muehsame atmen, atemnot mit dem bild des geroellfeldes, einer schotterstrasse verbunden, und die betraechtliche steigung, und die annahme, dass die umgebung, jedenfalls die unnittelbare umgebung, weder baeume noch gras noch blumen (alpenblueten) enthaelt, nur stein:
eine sichere assoziationskette, wer weiss woher schon gekommen, aus der kindheit vielleicht, kette die sich fortsetzt, verfestigt, wiederholt und bestaetigt.
doch das hier so ausfuehrlich beschriebene auftreten von erinnerungsbildern ist nur ein kurzer augenblick, ein rasches "feuern von neuronen" waehrend des durchblaetterns der seiten, ein detail mehr in der erfahrung, der erschaffung des latemar in der vorstellung, im hirn.

Die Auswertung inhaltlicher Bilddetails wird gesteuert von Erwartungen, Absichten, Alter, Kulturzugehörigkeit und Erfahrung im Umgang mit Bildern, also - wie beim Sprachverstehen auch - von einer Fülle von "Wissen". (KA s. 156)

und so entsteht das bild des latemar
ansicht fuer ansicht, aus der entfernung und naehe:
die zinnen und zacken, die streifen und halden, steine, und spuren von vegetation, besiedlung und wasser, am fuss des latemar,
detail und distanz, grate und abstuerze, und wie schraffiert das gestein, himmelsflaeche und wolken und die skelette von baeumen und, haenge hinauf, die silhouette von straeuchern, gefaedelt gereiht, sanftere kuppen, die ansicht von taelern, hinter denen die naechsten huegelketten liegen, mitunter auch schnee, oder schwaerze, die beginnenden nacht, die unterschiedlichen grautoene von himmelsflaeche und berg.
beharrlich entsteht das bild des latemar
von allen seiten, erfassbar, erfahrbar, in der vorstellung fixiert, ein bild, das im bild nicht fest zu halten ist.
"betrachtet man den latemar von der vorderseite und unabhängig davon von der rückseite, besteht kein anlaß zu der vermutung, es handle sich um ein und dasselbe gebirge" (L s. 84)
und doch existiert diese fiktion von realitaet im gehirn, von der gesamtansicht des latemar, die besichtigung und begehung, bei der der leser (betrachter, rezipient) sich selbst beobachtet, seine erfahrung erfaehrt und beschreibt, wobei es durchaus auch moeglich ist, diesen vorgang wieder zu beschreiben, seine eigene wahrnehmung wahr zu nehmen, sich selbst aus dem kontext umwelt zu nehmen um so, fuer eine gewisse zeit wenigstens, ein geschlossenes system (zitat) zu bilden mit sich und dem berg, bei der betrachtung des aus bildern entstandenen bildes des latemar,
ein ganz persoenliches bild,
von zufaellen und aufmerksamkeiten durchsetzt, ein nicht mitteilbares und sehr vergaengliches bild, vielleicht am ehesten einem hologramm zu vergleichen, ein teils verwischbares, teils festgefrorenes bild, in den neuronen des gehirns (vermutlich) fixiert, vielleicht erinnert vielleicht vergessen vielleicht auch nach langer zeit durch zufall wieder geholt, auftauchend, aufblitzend,
ein bild aus den bildern in latemar II entstanden
unter verzicht auf die danebenstehenden texte und auf latemar I und III, wobei diese, frueher schon gelesen, das entstehende latemar-bild mit beeinflussen, ebenso wie der name, die sprache und die bedeutung, das meer und die milch, woraus sich wieder neue assoziationen ergeben und im hinterkopf die ueberlegung auftaucht, dass diese beschreibung des vorganges, festgehalten durch schreiben, in einem moeglichen leser (rezipienten) wiederum bilder erzeugt, dieses sich fortsetzende spiel...
doch soll, fuer diesen zeit-punkt, einfach nur die beschaeftigung mit dem latemar-bild gelten, mit dem aus bildern fuer die eigene vorstellung geschaffenen bild, dem wahr-genommenen, als wahr erfahrenem bild, mit der aesthetik des berges,
"Wirklichkeit, so könnte man knapp bilanzieren, ist eine Funktion des Wissens(gewinns) in der Zeit" (ZB s. 33)

soll das gesamtbild des latemar gelten, fuer einen augenblick tatsaechlich existierend, nicht beschreibbar, ausgeklammert aus dem prozess der kommunikation,

die aesthetik des erkennens im kopf

L: Siegfried J. Schmidt, Das Latemar-ProJekt. Bozen 1998

KA: Siegfried J. Schmidt, Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Frankfurt/M. 1994

ZB: Siegfried J. Schmidt, Die Zähmung des Blicks. Frankfurt/M.1998