Christian W. Thomsen

Männer mit Goldhelmen erregen Kunstverdacht

Am 19. Oktober 1999, vier Wochen bevor die Philipp Holzmann AG, der zweitgrößte deutsche Baukonzern, um ein Haar in jenen Abgrund getaumelt wäre, an dem sie sich derzeit mit ungewissem Ausgang entlang hangelt, fand am und im Düsseldorfer Hafen das vorläufig letzte große Holzmann-Fest statt. Es galt, den Baukomplex des »Neuen Zollhofs« einzuweihen, jenes von Frank O. Gehry entworfene Architekturgebirge aus drei separaten, jeweils vielfältig untergliederten Einheiten, die dennoch untereinander aufeinander bezogen sind und die gemeinsame Handschrift unübersehbar zur Schau stellen. Die Gäste wurden durch das alte Hafengelände mit seinen imposanten, wuchtigen Speicher- und Industriebauten geleitet, die ihrer Modernisierung, Umwidmung und Wiederauferstehung harren. Überall standen goldgelb behelmte Holzmänner mit Fackeln und Schildern, um die ankommenden Pkw einzuweisen und die erwartungsfroh gestimmten Ehrengäste auf jenes Motorschiff zu geleiten, das sich alsbald mit 600 Festesfreudigen, Champagner und kaltem Buffet auf den Weg machte, um den Zollhof von seiner Schokoladen-, sprich Wasserseite her anzusteuern. Unterdessen schnitten Goldbehelmte mit Bordscheinwerfern, an Land installierten Scheinwerferbatterien und Lasern bizarre Lichtkegel aus den umliegenden Hafengebäuden, bis sich schließlich die gesamte Lichtinszenierung auf die drei Gehry-Türme konzentrierte. Die bemühten sich, aller konventionellen Statik Hohn zu sprechen, bewegten sich scheinbar, schienen zu tanzen, zu taumeln, sich in sich und um sich selbst zu drehen, während das Mittelgebäude mit silberschimmernder Blechhaut sich wie ein Model auf dem Laufsteg in festlicher Abendgarderobe präsentierte, deren Pailletten Blitze sprühten, deren Spiegeleffekte die Nachbargebäude illuminierten und zugleich fragmentierten.

Ein Ausspruch Siegfried Schmidts aus unserem letzten gemeinsamen, zusammen mit Irmela Schneider veranstalteten Seminar zur »Medienkunst« im Sommersemester 1997 kam mir da in den Sinn: »Wenn man in Deutschland Männer mit goldgelben Helmen sieht, dann erregt das sofort Kunstverdacht.«

In der Tat wurde hier Kunst, Baukunst gewürdigt, zelebriert, aber auch der Baukonzern selbst feierte kunstvoll in wohlgesetzten Reden von Vorstandsvorsitzenden, Düsseldorfer Oberbürgermeisterin und nicht zuletzt dem kalifornischen Stararchitekten die Errungenschaften 150-jähriger Firmengeschichte und gaukelte eine glänzende Zukunft vor Ohren und Augen seiner Gäste. Vier Wochen später: Aus der Traum. Nackte Existenzangst unter den Goldhelmen, die schimmernde Fassade zerborsten. Drei Milliarden DM Schulden quellen virtuell aus den Bruchstellen, die immanente Symbolkraft des Gehryschen Dekonstruktivismus ist über Nacht bittere Realität geworden, Schluss mit lustig.

Viel konkreter als es Philosophie je könnte, spiegelt der architektonische Dekonstruktivismus die instabile und riskante Gemenge- und Geschiebelage des gegenwärtigen Zeitgeschehens, bei dem beinahe alles in Bewegung geraten ist, stete Prozessualität den festen Boden unter den Füßen ersetzt hat. Der Schmidtsche Konstruktivismus weist sich da noch weit eher als ratio-dominiertes Kind der Moderne aus.

Was uns in den Siegener Jahren Siegfried Schmidts zueinander hingezogen hat, war wohl vor allem jenes Gespür für und die Überzeugung von der absoluten Notwendigkeit von Interdisziplinarität, der Ausguck über den Tellerrand der eigenen, gelernten Disziplin, die Erkenntnis, dass die Ereignisse und Phänomene in je unterschiedlichen Manifestationen untereinander zusammenhängen und aus einer Fachperspektive allein heraus nicht zu verstehen sind.

Bei SJS waren es Mathematik, Systemtheorie und Philosophie, dann aber, vor allem auch unter dem Einfluss Maturanas, Biologie, Kognitionspsychologie, Medizin, die ihn zu einem Wissenschaftsbegriff brachten, der sich noch beträchtlich von dem unterschied, was unter Geisteswissenschaftlern gemeinhin als Wissenschaft florierte.

Auch ich verspürte schon als Student immer wieder das Bedürfnis, am Beispiel möglichst exakter Wissensdaten zu begründen, was es zum Nutzen der Allgemeinheit wert, ästhetisch und moralisch vertretbar machte, sich mit Literatur und Theater berufsmäßig zu beschäftigen. Erst, wenn ich Begründungen für literaturwissenschaftliche Arbeiten fand, die so einleuchtend und überzeugend für mich klangen wie die für Brückenbau und Rheumaforschung, war ich vorübergehend zufrieden. Als mir die Studienstiftung 1967 nach der Promotion anbot, noch ein Zweitstudium oder eine Zweitpromotion anzustreben, lehnte ich entrüstet ab. Seinerzeit war mir sonnenklar, dass meine wissenschaftliche Zukunft allein in der Anglistik liegen könne. Heute kann ich darüber nur lächeln. Ein weiter Weg war es dann doch vom Anglisten, der Altphilologie zwar nicht studiert, dessen ungeachtet aber über Seneca und vorshakespearesche Tragödie promoviert hatte, zum multidisziplinären Kultur- und Medienwissenschaftler, dessen Interessen sich hin zu Architektur, Design, unterschiedlichste Künste und Medien verschoben haben.

Dabei wuchs mein Interesse für Theorie seit der Habilitation über das Groteske im englischen Roman des 18. Jahrhunderts und der Beschäftigung mit der ästhetischen Kategorie des Grotesken im allgemeinen stetig an und erreichte in den 80-er und frühen 90-er Jahren der Gründung des Siegener Graduiertenkollegs und des »Sonderforschungsbereichs Bildschirmmedien« seine Höhepunkte. Hier war es vor allem die ständige Konfrontation, Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit Hans-Ulrich Gumbrecht auf der einen Seite und das immer freundschaftlicher werdende, nahezu Lehrer-Schüler-Verhältnis zu Siegfried Schmidt auf der anderen Seite, welches meine theoretischen Sensorien schärfte und entscheidend beeinflusste. Gumbrecht, der elegant auf jeder neuen theoretischen Welle vorweg surfte, lieferte das Salz in der Suppe, Schmidt die solidere, aber intellektuell raffiniert abgeschmeckte »Sättigungsbeilage«, wie man in der alten DDR zu sagen pflegte. Anders ausgedrückt: Ich verinnerlichte geradezu Kernprinzipien des Konstruktivismus, wozu vor allem unsere Zusammenarbeit in dem von Hans Holländer und mir herausgegebenen Dumont-Band Besichtigung der Moderne (1987) und mehrere gemeinsame Seminare beitrugen. Das theoretische Reflexionsniveau Siegfried Schmidts war zweifellos origineller, höher und anspruchsvoller als mein eigenes, der ich mich stets bemühte, einen seiner Kernsätze, dass nämlich Wissenschaft theoriegeleitetes Handeln zur Konsequenz haben müsse, in meiner Arbeit umzusetzen und auf die Praxis unterschiedlicher Fachgebiete zu beziehen.

Da Architekturgeschichte, -theorie und -kritik seit Beginn der 80-er Jahre zu meinen Hauptarbeitsgebieten zählen, wurde es für mich zum unschätzbaren Vorteil, als Quereinsteiger in die architekturtheoretischen Fachdiskussionen auf der einen Seite den Schlagabtausch zahlreicher poststrukturalistischer Debatten im Siegener Graduiertenkolleg und auf der anderen Seite die intensive Auseinandersetzung mit dem radikalen Konstruktivismus als Sparring genossen zu haben.

Weil Architekturtheorie sich in der Regel kaum um Literatur, wenig um Philosophie und bis vor kurzem so gut wie gar nicht um neue Medien kümmerte, war es für jemanden mit meinem Hintergrund verhältnismäßig einfach, Gehör und weite Resonanz zu finden, durch die englischen Übersetzungen meiner neueren Bücher übrigens viel stärker in den USA und der sonstigen englischsprachigen Welt als in Deutschland. Auf diese Weise fand eine von konstruktivistischen Überzeugungen geprägte Anschauung Eingang in die angelsächsische Theoriediskussion innerhalb der Architektur, zumal Bücher wie Visionary Architecture (1995) und Sensuous Architecture (1998) mittlerweile Gegenstand zahlreicher Seminare und Examina an vielen amerikanischen Architekturhochschulen geworden sind.

Was mich an der deutschen Theoriediskussion in den Geisteswissenschaften oft ärgert, ist weniger ihr Abstraktionsgrad als das Maß ihrer intellektuellen Verstiegenheit und Praxisfremdheit. Angelsächsischer Sensualismus und Pragmatismus haben da einfach tiefe Schleifspuren bei mir hinterlassen. Da wir beide, SJS wie ich selbst, in den 80-er und 90-er Jahren tief in die sich allmählich ausdifferenzierende Medienwissenschaft einstiegen, kamen mit vor dem Hintergrund eigener praktischer Tätigkeit bei der BBC, meiner Leitungsfunktionen im Siegener Sonderforschungsbereich-Bildschirmmedien, meiner Einblicke in die technischen, ökonomischen und juristischen Interdependenzen der Entwicklung von Film und Fernsehen in den USA, Großbritannien und Deutschland die heimischen, nur selten von Praxisbezügen beleckten Theoriediskussionen oft wie Schattenboxen auf einem Planeten mit anderen Schwerkraftverhältnissen vor. Der fast allgemeinen Luhmann-Euphorie vermochte ich mich nie auszuschließen. Und noch heute nervt es mich, wenn Kollegen, mittlerweile zugegebenermaßen oft mit ironischem Unterton, darauf verweisen, dass sie als Medienforscher und Fernsehtheoretiker selbstverständlich - so wie Luhmann - kaum je fernsehen. Für mich ist das einfach intellektuelle Hochstapelei und der Zustand deutscher Film- und Fernsehtheorie scheint mir entsprechend desolat.

Bei SJ war das stets anders als bei der Mehrzahl der Fachkollegen aus den Literaturwissenschaften. Sein mir gegenüber oft wiederholter Satz: »Du kannst doch heute Literaturwissenschaft gar nicht mehr anders betreiben denn als empirische Sozialwissenschaft«; diente mir erst als provokativer »Touchstone«, bis ich einsah, wie viel an Wahrheitsgehalt darin steckt. Es bleibt einem ja unbenommen, weiterhin feinsinniges Interpretieren nach theologischen, psychologischen, historischen, motivgeschichtlichen und was für Parametern auch immer als quasi-künstlerische Disziplin zu üben, die jede für sich ihre Berechtigung hat. Nur mit exakter Wissenschaft hat dies meist herzlich wenig zu tun.

SJ kann sich zwar zu einer theoretischen Virtuosität steigern, wie sie mir in der Anglistik nur von Wolfgang Iser her vertraut ist, aber er bemüht sich immer um eine Rückbindung an eben »empirische Sozialwissenschaft« in einem weiten Sinne oder an exakte Naturwissenschaft, in der Versuche auf der Grundlage von Theorien unternommen werden. Wenn die Ergebnisse und Erkenntnisse den Theorien recht geben, kann man beide weiterentwickeln, ansonsten muss man Theorien entsprechend dem Praxistest modifizieren oder ganz aufgeben und neue formulieren. Das klingt absolut banal, ist aber in den Literatur- und Medienwissenschaften nach wie vor alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Beschäftigt man sich mit Architektur, so ist auf die Dauer nicht zu übersehen, dass es sich hierbei um reale Konstruktionen und nicht um intellektuelle Konstrukte handelt - selbst wenn mitunter derartiges zugrunde liegen mag. Und wenn es im Zuge der Zeit und der allfälligen Umdefinition der Realitätsbegriffe liegt, dass virtuelle Systeme und Realitäten immer tiefer in die gebauten Architekturen eingreifen und bald ohne Software auch in der Architektur kaum noch eine Hardware mehr sein wird, dann bestehen da dennoch handfeste Unterschiede. Aber es ist für einen sogenannten »Geisteswissenschaftler« schon ganz heilsam, wenn er sich neben der Ästhetik immer wieder an Problemen der Statistik, des Städtebaus, der Sozialstruktur, der Geräuschdämmung, der Klimatisierung, des Kosten-Nutzen-Verhältnisses usw., usf. stoßen muss. Wieder anders gewendet: Ich benötige Zeit meines Lebens, und das in wachsendem Maße, neben der Lebenswirklichkeit Universität auch andere Lebenswirklichkeiten, und selbst innerhalb der Universität drängt es mich immer wieder, ganz praktisch Hand anzulegen, Regie in Hörspielen, Theaterstücken, Filmen zu führen, multimediale Performances, neue Formen medialisierter Lehrveranstaltungen zwischen »U« und »E« zu erfinden und auszuprobieren. Auch hier bestehen zahlreiche Parallelen zum gleichaltrigen Freund und Kollegen SJS, der sich ja auch als ausübender Künstler einen Namen gemacht hat. Ich vermute, dass das bei mir »a bit more down to earth« und allgemeinverständlicher ist. Und selbst wenn dabei außer einigermaßen respektablen Leistungen bei mir vielleicht niemals »echte Kunst«, was immer das sein möge, herausgekommen ist, so handelt es sich doch um gewachsene Vielfalt der Interessen, Einsicht in unterschiedlichste Standpunkte und Lebenswirklichkeiten, ständige Bereitschaft zum Experimentieren, Ausweiten, Erkunden und Überschreiten von Grenzen, und zudem um eine eminente Hochachtung vor dem gut beherrschten Handwerk jeglicher Provenienz.

Als SJS sich zusammen mit Brigitte Spies Anfang der 90-er auf Werbung, ihre Macher, Kampagnen, Konstrukte, Effekte einließ, begann ich mich der Theorie und Praxis des Industriedesigns zuzuwenden. Das hat mir bis heute viele Türen geöffnet. Nie hätte ich sonst unterschiedlichste Industrien vom Großkonzern BMW, bei dem ich das Multimedia-Museum »FIZ-Meile« im Münchner Forschungs- und Ingenieurzentrum konzipieren und aufbauen half, über Einblicke beim einstigen Chemiegiganten Hoechst und dessen dramatischen Umstrukturierungsprozess zu einem Life Sciences Konzern bis hin zu vielfältigen und vielgestaltigen Mittelstandsunternehmen und ihren je spezifischen Fragestellungen kennen gelernt.

Das hat dazu geführt, dass ich mittlerweile im Studiengang Medienplanung, -entwicklung und -beratung regelmäßig Lehrveranstaltungen in direkter Zusammenarbeit mit Industriefirmen anbiete. Der Widerstand jener spätachtundsechziger Kollegen, die in nahezu jedem Praxisbezug, in jeder Zusammenarbeit mit Industrie einen Pakt mit dem Beelzebub Kapitalismus sehen, Verrat an der Unabhängigkeit universitären Forschens wittern, schwindet mehr und mehr. Die Einsicht wächst, dass wir Studenten nicht für ein Wolkenkuckucksland ausbilden, in dem sie sich vom Nektar und Manna endzeitgestimmter Theoriediskussionen nähren können, in denen das »Verschwinden der Wirklichkeit« als Rauchkringel in die Luft geblasen wird, sondern dass sie in stetig wachsender Zahl ihren Lebensunterhalt in den Medien- und Kommunikationsabteilungen von Industriebetrieben werden verdienen müssen.

Als ich Ende der 80-er Jahre den Begriff »Medienarchitektur« in die Welt setzte, konnte sich darunter noch kaum jemand irgend etwas vorstellen. Inzwischen habe ich nicht nur Gastprofessuren mit genau dieser Denomination an den Architekturdepartments mehrerer amerikanischer Universitäten inne gehabt, sondern ebenso stürmisch wie sich die Medien- und Kommunikationsindustrie entwickelt, vergrößert sich auch der Anteil der verschiedensten Steuerungs- und Regelungsmedien, der Kommunikationsmedien, der ästhetisch motivierte Medieneinsatz und die medialen Bestandteile architektonischer Hardware. »Media architecture« ist ein »multi-million dollar business« geworden, und ich vermag längst nicht mehr alle Anwendungsverästelungen zu überschauen. Lobenswerterweise gehört Siegen einmal mehr zu den deutschen Hochschulen, die verhältnismäßig frühzeitig Konsequenzen aus derartigen Entwicklungen ziehen. Ab dem WS 2000/2001 soll ein Zusatzstudiengang »Architektur und Medien im Kontext« angeboten werden.

»Universities are change-resistant institutions«, so begann die Rektorin der südafrikanischen Universität Durban ihren Vortrag über südafrikanische Hochschulentwicklung im Rahmen der Siegener Südafrika-Woche im November 1998. »Wie wahr« möchte man ihr beipflichten, wenn man vergleicht, wie zäh sich der Universitätskörper im Vergleich zur Wirtschaft bewegt. Leitende Manager, die, wie manche Professoren, die in Vernachlässigung ihrer Forschungs- und Innovationspflicht fünfundzwanzig Jahre lang nichts veröffentlichen, immer die gleichen Seminare halten, in Arbeiten und Prüfungen die gleichen Fragen stellen, wären absolut undenkbar, ihre Firmen längst pleite gegangen. Die bekannte Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen waltet in verschiedenen Bereichen durchaus verschieden. Doch sind dies die Ausnahmen, trügt der Schein, zumindest an kleineren Universitäten wie Siegen, die nicht jenem Massenbetrieb ausgeliefert sind, der zum Durchatmen und Nachdenken keine Zeit lässt. Im Zeitalter des Internet, der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung sind die alten Nationalphilologen obsolet geworden, Chimären, an die sich nur noch Prüfungsämter und Ministerien klammern. Gewiss gibt es für jedes Fach Kerngebiete, die man nicht missen möchte oder kann. Aber selbst »Shakespeare«, um auf die Anglistik zurück zu kommen, im rein englischen Kontext zu behandeln, funktioniert schon für das elisabethanische Zeitalter nicht so recht, und angesichts von Baz Luhrman's Romeo and Juliet - Verfilmung von 1996 heute gar nicht mehr.

Unser eigener Fachbereich hat sich unter dem Druck der Allgemeinen Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaft, zu deren Etablierung wir zweifellos beigetragen haben, seit Mitte der 80-er Jahre rapid verändert. SJS wie ich gehörten sicher zu den Drückern. Ein Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht stellt für mich die Herausgabe des Bandes Aufbruch in die Neunziger (Dumont, 1991) dar, an dem Siegfried Schmidt, Detlef Sinofzik und Brigitte Spies mit einem Aufsatz zum »Kulturfaktor Werbung« unter dem schönen Titel »Wo lassen Sie leben?« teilgenommen haben. Zentralergebnis neben der fortschreitenden Kommerzialisierung vieler Lebensgebiete dieses Überblickes über »Ideen, Entwicklungen, Perspektiven der 80-er Jahre« in sechzehn Fächern war das Faktum der überall zunehmenden Grenzüberschreitungen von Geldflüssen, Flüchtlingsströmen, Luftverschmutzungen zu Warenverkehr, Computernutzung, Medieneinsatz, Kunststilen, Wissenschaftsmethoden, »take what you will«. Noch zugenommen hat in den 90-ern, nicht nur in der Automobilindustrie, jene Nischenexplosion, aus der heraus sich neue Strömungen, Produkte, Fachgebiete in rhizomartiger Vernetzung bilden, so wie überhaupt die Vermehrung der Netzwerke vielleicht die wichtigste Entwicklung der Jahrhundertwende darstellt.

Blickt man auf die Strecke zurück, die wir beiden Jahrgangskollegen seit der Promotion zurückgelegt haben, so zeigen sich da viele individuell und fachlich geprägte Unterschiede, aber auch eine Fülle von Parallelen, die insgesamt den immensen Wandlungsprozess beleuchten, den Literatur- und Geisteswissenschaften in den letzten drei Jahrzehnten durchlaufen haben.

Wahrscheinlich wissen wir uns am engsten beieinander dort, wo es wirklich um die Kunst geht, dort, wo noch andere Sensorien und Sprachen im Spiel und gefordert sind als nur die des wohlgesetzten Wortes, bei einem Maler wie Mimmo Paladino zum Beispiel. Exquisite Ästhetik, ein hochsinnliches Farbvergnügen und Farbvermögen, eine enigmatische Narrativität, die ganz alte Geschichten andeutet, Mythen evoziert, Natur bewahren möchte, auf der Basis einer bis in die Antike zurückreichenden Tradition neue, postmoderne Wege einschlägt. Oder wie SJS es formuliert, »Paladino, so scheint mir, ist selbst eine Tür, die zwischen Geschichte, Natur und modernem Bewusstsein offen steht.«[1] Zur Zeit gehe ich mit einer Gruppe von Studenten häufig durch eine vergleichbare Tür, die von der Kritik bislang meist oberflächlich unter der Aufschrift »Ekkletizismus« auf- und zugeschlagen worden ist, ohne dass sie sich einmal analytisch und tiefer mit der dort stattfindenden deutsch-amerikanischen wie kosmopolitischen Kulturbegegnung, der Wiederfruchtbarmachung von alten Mythen und modernen Texten wie denen von Gertrude Stein und Virginia Woolf beschäftigt hätte. Geht man aber mit wachen Sinnen und geschärftem Verstand durch diese Tür, so öffnen sich einem dort Seh-, Hör- und Fühllandschaften von großer Schönheit und ungeahnter Tiefe. Ihre Name: Robert Wilson.

Vor wenigen Tagen, Anfang Dezember 1999, ging ich hier in Siegen-Geisweid durch eine andere Tür, eine kleine Seiteneingangstür zur gigantischen Werkshalle der Stahlumformfirma Pickhan. Der Großvater war Dorfschmied im Siegener Hinterland gewesen, der noch in den fünfziger Jahren hölzerne Wagenräder mit Eisenbändern beschlagen hatte. Der Vater, äußerlich noch ganz ein Fach- und Vorarbeiter vom alten Schlag, hatte einen Betrieb aufgebaut, der allmählich immer kompliziertere Umformungen großer stählerner Werkstücke, beispielsweise aus dem Schiffsbau, mit äußerster Präzision vornehmen konnte. Der Sohn, promovierter Maschinenbauer, setzt modernste Computer-Fertigungsprogramme ein, mit denen man Hochleistungsflugzeuge konstruiert und mit denen Frank Gehry seine bizarren Architekturentwürfe wie das Guggenheim Museum in Bilbao in gebaute Praxis umsetzt. Er drückte mir einen goldgelben Schutzhelm auf den Kopf und sagte nur: »Da, schau.« Und da standen sie: 36 m lange, 6 m hohe abenteuerlich in sich gewundene, labyrinthisch gebogene Stahlskulpturen von Richard Serra. Auf der ganzen Welt vermag derzeit nur diese Firma solche Entwürfe mit extremster Passgenauigkeit zu realisieren. Und mitten in der Halle eine neue Skulptur des venezianischen Freundes Fabrizio Plessi, ein 6 m hoher Turm aus Cortén-Stahl, darinnen ein weiterer schmaler Turmbehälter, in dem ein ausgehöhlter Baumstamm aufgehängt ist, an dessen unterem Ende eine Videoinstallation mit fließendem blauen Videowasser angebracht ist und durch den hindurch man ständig das Prasseln tropischer Regengüsse hört, angefertigt für den Skulpturenpark des Designers Dieter Sieger auf Schloss Harkotten im Münsterland.

Goldbehelmt tauften wir das Gebilde mit Prosecco. Kunstverdacht bestätigt!


1 Siegfried J. Schmidt, 1987, »Ein Paladino-Brunnen für den Klosterplatz in Bielefeld«, Vortrag zur öffentlichen Vorstellung des Modells durch die Architekten J. G. Haude und Peter Obbelode im Foyer der Firma I. Teutloff, Bielefeld, 7. Dezember 1986, edition jesse, Bielefeld, S. 14.