Christian W. Thomsen

Männer mit Goldhelmen erregen Kunstverdacht


   
             
 
    Essays    
   

Weil Architekturtheorie sich in der Regel kaum um Literatur, wenig um Philosophie und bis vor kurzem so gut wie gar nicht um neue Medien kümmerte, war es für jemanden mit meinem Hintergrund verhältnismäßig einfach, Gehör und weite Resonanz zu finden, durch die englischen Übersetzungen meiner neueren Bücher übrigens viel stärker in den USA und der sonstigen englischsprachigen Welt als in Deutschland. Auf diese Weise fand eine von konstruktivistischen Überzeugungen geprägte Anschauung Eingang in die angelsächsische Theoriediskussion innerhalb der Architektur, zumal Bücher wie Visionary Architecture (1995) und Sensuous Architecture (1998) mittlerweile Gegenstand zahlreicher Seminare und Examina an vielen amerikanischen Architekturhochschulen geworden sind.

Was mich an der deutschen Theoriediskussion in den Geisteswissenschaften oft ärgert, ist weniger ihr Abstraktionsgrad als das Maß ihrer intellektuellen Verstiegenheit und Praxisfremdheit. Angelsächsischer Sensualismus und Pragmatismus haben da einfach tiefe Schleifspuren bei mir hinterlassen. Da wir beide, SJS wie ich selbst, in den 80-er und 90-er Jahren tief in die sich allmählich ausdifferenzierende Medienwissenschaft einstiegen, kamen mit vor dem Hintergrund eigener praktischer Tätigkeit bei der BBC, meiner Leitungsfunktionen im Siegener Sonderforschungsbereich-Bildschirmmedien, meiner Einblicke in die technischen, ökonomischen und juristischen Interdependenzen der Entwicklung von Film und Fernsehen in den USA, Großbritannien und Deutschland die heimischen, nur selten von Praxisbezügen beleckten Theoriediskussionen oft wie Schattenboxen auf einem Planeten mit anderen Schwerkraftverhältnissen vor. Der fast allgemeinen Luhmann-Euphorie vermochte ich mich nie auszuschließen. Und noch heute nervt es mich, wenn Kollegen, mittlerweile zugegebenermaßen oft mit ironischem Unterton, darauf verweisen, dass sie als Medienforscher und Fernsehtheoretiker selbstverständlich - so wie Luhmann - kaum je fernsehen. Für mich ist das einfach intellektuelle Hochstapelei und der Zustand deutscher Film- und Fernsehtheorie scheint mir entsprechend desolat.

Bei SJ war das stets anders als bei der Mehrzahl der Fachkollegen aus den Literaturwissenschaften. Sein mir gegenüber oft wiederholter Satz: »Du kannst doch heute Literaturwissenschaft gar nicht mehr anders betreiben denn als empirische Sozialwissenschaft«; diente mir erst als provokativer »Touchstone«, bis ich einsah, wie viel an Wahrheitsgehalt darin steckt. Es bleibt einem ja unbenommen, weiterhin feinsinniges Interpretieren nach theologischen, psychologischen, historischen, motivgeschichtlichen und was für Parametern auch immer als quasi-künstlerische Disziplin zu üben, die jede für sich ihre Berechtigung hat. Nur mit exakter Wissenschaft hat dies meist herzlich wenig zu tun.

SJ kann sich zwar zu einer theoretischen Virtuosität steigern, wie sie mir in der Anglistik nur von Wolfgang Iser her vertraut ist, aber er bemüht sich immer um eine Rückbindung an eben »empirische Sozialwissenschaft« in einem weiten Sinne oder an exakte Naturwissenschaft, in der Versuche auf der Grundlage von Theorien unternommen werden. Wenn die Ergebnisse und Erkenntnisse den Theorien recht geben, kann man beide weiterentwickeln, ansonsten muss man Theorien entsprechend dem Praxistest modifizieren oder ganz aufgeben und neue formulieren. Das klingt absolut banal, ist aber in den Literatur- und Medienwissenschaften nach wie vor alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Beschäftigt man sich mit Architektur, so ist auf die Dauer nicht zu übersehen, dass es sich hierbei um reale Konstruktionen und nicht um intellektuelle Konstrukte handelt - selbst wenn mitunter derartiges zugrunde liegen mag. Und wenn es im Zuge der Zeit und der allfälligen Umdefinition der Realitätsbegriffe liegt, dass virtuelle Systeme und Realitäten immer tiefer in die gebauten Architekturen eingreifen und bald ohne Software auch in der Architektur kaum noch eine Hardware mehr sein wird, dann bestehen da dennoch handfeste Unterschiede. Aber es ist für einen sogenannten »Geisteswissenschaftler« schon ganz heilsam, wenn er sich neben der Ästhetik immer wieder an Problemen der Statistik, des Städtebaus, der Sozialstruktur, der Geräuschdämmung, der Klimatisierung, des Kosten-Nutzen-Verhältnisses usw., usf. stoßen muss. Wieder anders gewendet: Ich benötige Zeit meines Lebens, und das in wachsendem Maße, neben der Lebenswirklichkeit Universität auch andere Lebenswirklichkeiten, und selbst innerhalb der Universität drängt es mich immer wieder, ganz praktisch Hand anzulegen, Regie in Hörspielen, Theaterstücken, Filmen zu führen, multimediale Performances, neue Formen medialisierter Lehrveranstaltungen zwischen »U« und »E« zu erfinden und auszuprobieren. Auch hier bestehen zahlreiche Parallelen zum gleichaltrigen Freund und Kollegen SJS, der sich ja auch als ausübender Künstler einen Namen gemacht hat. Ich vermute, dass das bei mir »a bit more down to earth« und allgemeinverständlicher ist. Und selbst wenn dabei außer einigermaßen respektablen Leistungen bei mir vielleicht niemals »echte Kunst«, was immer das sein möge, herausgekommen ist, so handelt es sich doch um gewachsene Vielfalt der Interessen, Einsicht in unterschiedlichste Standpunkte und Lebenswirklichkeiten, ständige Bereitschaft zum Experimentieren, Ausweiten, Erkunden und Überschreiten von Grenzen, und zudem um eine eminente Hochachtung vor dem gut beherrschten Handwerk jeglicher Provenienz.

Als SJS sich zusammen mit Brigitte Spies Anfang der 90-er auf Werbung, ihre Macher, Kampagnen, Konstrukte, Effekte einließ, begann ich mich der Theorie und Praxis des Industriedesigns zuzuwenden. Das hat mir bis heute viele Türen geöffnet. Nie hätte ich sonst unterschiedlichste Industrien vom Großkonzern BMW, bei dem ich das Multimedia-Museum »FIZ-Meile« im Münchner Forschungs- und Ingenieurzentrum konzipieren und aufbauen half, über Einblicke beim einstigen Chemiegiganten Hoechst und dessen dramatischen Umstrukturierungsprozess zu einem Life Sciences Konzern bis hin zu vielfältigen und vielgestaltigen Mittelstandsunternehmen und ihren je spezifischen Fragestellungen kennen gelernt.

Das hat dazu geführt, dass ich mittlerweile im Studiengang Medienplanung, -entwicklung und -beratung regelmäßig Lehrveranstaltungen in direkter Zusammenarbeit mit Industriefirmen anbiete. Der Widerstand jener spätachtundsechziger Kollegen, die in nahezu jedem Praxisbezug, in jeder Zusammenarbeit mit Industrie einen Pakt mit dem Beelzebub Kapitalismus sehen, Verrat an der Unabhängigkeit universitären Forschens wittern, schwindet mehr und mehr. Die Einsicht wächst, dass wir Studenten nicht für ein Wolkenkuckucksland ausbilden, in dem sie sich vom Nektar und Manna endzeitgestimmter Theoriediskussionen nähren können, in denen das »Verschwinden der Wirklichkeit« als Rauchkringel in die Luft geblasen wird, sondern dass sie in stetig wachsender Zahl ihren Lebensunterhalt in den Medien- und Kommunikationsabteilungen von Industriebetrieben werden verdienen müssen.

Als ich Ende der 80-er Jahre den Begriff »Medienarchitektur« in die Welt setzte, konnte sich darunter noch kaum jemand irgend etwas vorstellen. Inzwischen habe ich nicht nur Gastprofessuren mit genau dieser Denomination an den Architekturdepartments mehrerer amerikanischer Universitäten inne gehabt, sondern ebenso stürmisch wie sich die Medien- und Kommunikationsindustrie entwickelt, vergrößert sich auch der Anteil der verschiedensten Steuerungs- und Regelungsmedien, der Kommunikationsmedien, der ästhetisch motivierte Medieneinsatz und die medialen Bestandteile architektonischer Hardware. »Media architecture« ist ein »multi-million dollar business« geworden, und ich vermag längst nicht mehr alle Anwendungsverästelungen zu überschauen. Lobenswerterweise gehört Siegen einmal mehr zu den deutschen Hochschulen, die verhältnismäßig frühzeitig Konsequenzen aus derartigen Entwicklungen ziehen. Ab dem WS 2000/2001 soll ein Zusatzstudiengang »Architektur und Medien im Kontext« angeboten werden.

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