Christian W. Thompson
Männer mit Goldhelmen erregen Kunstverdacht
Abschnitt 3

   
             
 
    Essays    
   

»Universities are change-resistant institutions«, so begann die Rektorin der südafrikanischen Universität Durban ihren Vortrag über südafrikanische Hochschulentwicklung im Rahmen der Siegener Südafrika-Woche im November 1998. »Wie wahr« möchte man ihr beipflichten, wenn man vergleicht, wie zäh sich der Universitätskörper im Vergleich zur Wirtschaft bewegt. Leitende Manager, die, wie manche Professoren, die in Vernachlässigung ihrer Forschungs- und Innovationspflicht fünfundzwanzig Jahre lang nichts veröffentlichen, immer die gleichen Seminare halten, in Arbeiten und Prüfungen die gleichen Fragen stellen, wären absolut undenkbar, ihre Firmen längst pleite gegangen. Die bekannte Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen waltet in verschiedenen Bereichen durchaus verschieden. Doch sind dies die Ausnahmen, trügt der Schein, zumindest an kleineren Universitäten wie Siegen, die nicht jenem Massenbetrieb ausgeliefert sind, der zum Durchatmen und Nachdenken keine Zeit lässt. Im Zeitalter des Internet, der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung sind die alten Nationalphilologen obsolet geworden, Chimären, an die sich nur noch Prüfungsämter und Ministerien klammern. Gewiss gibt es für jedes Fach Kerngebiete, die man nicht missen möchte oder kann. Aber selbst »Shakespeare«, um auf die Anglistik zurück zu kommen, im rein englischen Kontext zu behandeln, funktioniert schon für das elisabethanische Zeitalter nicht so recht, und angesichts von Baz Luhrman's Romeo and Juliet - Verfilmung von 1996 heute gar nicht mehr.

Unser eigener Fachbereich hat sich unter dem Druck der Allgemeinen Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaft, zu deren Etablierung wir zweifellos beigetragen haben, seit Mitte der 80-er Jahre rapid verändert. SJS wie ich gehörten sicher zu den Drückern. Ein Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht stellt für mich die Herausgabe des Bandes Aufbruch in die Neunziger (Dumont, 1991) dar, an dem Siegfried Schmidt, Detlef Sinofzik und Brigitte Spies mit einem Aufsatz zum »Kulturfaktor Werbung« unter dem schönen Titel »Wo lassen Sie leben?« teilgenommen haben. Zentralergebnis neben der fortschreitenden Kommerzialisierung vieler Lebensgebiete dieses Überblickes über »Ideen, Entwicklungen, Perspektiven der 80-er Jahre« in sechzehn Fächern war das Faktum der überall zunehmenden Grenzüberschreitungen von Geldflüssen, Flüchtlingsströmen, Luftverschmutzungen zu Warenverkehr, Computernutzung, Medieneinsatz, Kunststilen, Wissenschaftsmethoden, »take what you will«. Noch zugenommen hat in den 90-ern, nicht nur in der Automobilindustrie, jene Nischenexplosion, aus der heraus sich neue Strömungen, Produkte, Fachgebiete in rhizomartiger Vernetzung bilden, so wie überhaupt die Vermehrung der Netzwerke vielleicht die wichtigste Entwicklung der Jahrhundertwende darstellt.

Blickt man auf die Strecke zurück, die wir beiden Jahrgangskollegen seit der Promotion zurückgelegt haben, so zeigen sich da viele individuell und fachlich geprägte Unterschiede, aber auch eine Fülle von Parallelen, die insgesamt den immensen Wandlungsprozess beleuchten, den Literatur- und Geisteswissenschaften in den letzten drei Jahrzehnten durchlaufen haben.

Wahrscheinlich wissen wir uns am engsten beieinander dort, wo es wirklich um die Kunst geht, dort, wo noch andere Sensorien und Sprachen im Spiel und gefordert sind als nur die des wohlgesetzten Wortes, bei einem Maler wie Mimmo Paladino zum Beispiel. Exquisite Ästhetik, ein hochsinnliches Farbvergnügen und Farbvermögen, eine enigmatische Narrativität, die ganz alte Geschichten andeutet, Mythen evoziert, Natur bewahren möchte, auf der Basis einer bis in die Antike zurückreichenden Tradition neue, postmoderne Wege einschlägt. Oder wie SJS es formuliert, »Paladino, so scheint mir, ist selbst eine Tür, die zwischen Geschichte, Natur und modernem Bewusstsein offen steht.«[1] Zur Zeit gehe ich mit einer Gruppe von Studenten häufig durch eine vergleichbare Tür, die von der Kritik bislang meist oberflächlich unter der Aufschrift »Ekkletizismus« auf- und zugeschlagen worden ist, ohne dass sie sich einmal analytisch und tiefer mit der dort stattfindenden deutsch-amerikanischen wie kosmopolitischen Kulturbegegnung, der Wiederfruchtbarmachung von alten Mythen und modernen Texten wie denen von Gertrude Stein und Virginia Woolf beschäftigt hätte. Geht man aber mit wachen Sinnen und geschärftem Verstand durch diese Tür, so öffnen sich einem dort Seh-, Hör- und Fühllandschaften von großer Schönheit und ungeahnter Tiefe. Ihre Name: Robert Wilson.

Vor wenigen Tagen, Anfang Dezember 1999, ging ich hier in Siegen-Geisweid durch eine andere Tür, eine kleine Seiteneingangstür zur gigantischen Werkshalle der Stahlumformfirma Pickhan. Der Großvater war Dorfschmied im Siegener Hinterland gewesen, der noch in den fünfziger Jahren hölzerne Wagenräder mit Eisenbändern beschlagen hatte. Der Vater, äußerlich noch ganz ein Fach- und Vorarbeiter vom alten Schlag, hatte einen Betrieb aufgebaut, der allmählich immer kompliziertere Umformungen großer stählerner Werkstücke, beispielsweise aus dem Schiffsbau, mit äußerster Präzision vornehmen konnte. Der Sohn, promovierter Maschinenbauer, setzt modernste Computer-Fertigungsprogramme ein, mit denen man Hochleistungsflugzeuge konstruiert und mit denen Frank Gehry seine bizarren Architekturentwürfe wie das Guggenheim Museum in Bilbao in gebaute Praxis umsetzt. Er drückte mir einen goldgelben Schutzhelm auf den Kopf und sagte nur: »Da, schau.« Und da standen sie: 36 m lange, 6 m hohe abenteuerlich in sich gewundene, labyrinthisch gebogene Stahlskulpturen von Richard Serra. Auf der ganzen Welt vermag derzeit nur diese Firma solche Entwürfe mit extremster Passgenauigkeit zu realisieren. Und mitten in der Halle eine neue Skulptur des venezianischen Freundes Fabrizio Plessi, ein 6 m hoher Turm aus Cortén-Stahl, darinnen ein weiterer schmaler Turmbehälter, in dem ein ausgehöhlter Baumstamm aufgehängt ist, an dessen unterem Ende eine Videoinstallation mit fließendem blauen Videowasser angebracht ist und durch den hindurch man ständig das Prasseln tropischer Regengüsse hört, angefertigt für den Skulpturenpark des Designers Dieter Sieger auf Schloss Harkotten im Münsterland.

Goldbehelmt tauften wir das Gebilde mit Prosecco. Kunstverdacht bestätigt!

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