Els Andringa

Die Wirklichkeit der Fiktion der Wirklichkeit. Die »Tatsachenkonvention« im heutigen Literatursystem

   
             
 
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Im Jahre 1980 setzte ich mich im Rahmen eines Forschungsprojekts über Lesevorgänge mit theoretischen Problemen der Literaturwissenschaft auseinander. Eines davon war das der »Fiktionalität«. Zum ersten Mal stieß ich auf einen Aufsatz von Siegfried Schmidt (1975), der diese Problematik vom Gesichtspunkt der Handlungspragmatik anging. Ich hatte in den vorangehenden Jahren eher psycholinguistisch gearbeitet und fand neue Denkanstöße in den Konzepten der literarischen ästhetischen Kommunikation und in den Begriffen der pragmatischen Konvention und des Normensystems. Bald entdeckte ich, dass in eben jenem Jahraus ein neues Buch von Schmidt (1980) erschienen war, in dem ein grundlegendes Konzept der Empirischen Literaturwissenschaft - zu der ich gerade hingefunden hatte - in erstaunlich präziser Weise aufgebaut wurde. Mich faszinierte das schrittweise, systematische Vorgehen und die Detailliertheit der Argumentation, Eigenschaften, die in den Literaturwissenschaften überaus selten sind. Es stellte sich heraus, dass das Werk mir einen Halt bot - und das auch heute noch tut. Im »Grundriß« begegnete mir auch die Fiktionalitätsproblematik wieder, die jetzt in einen größeren Zusammenhang eingebettet, aber zugleich eine wesentliche Konstituente des Gesamtkonzepts war.

Zentrales Anliegen des theoretischen Entwurfs ist eine genaue Gegenstandsbestimmung, d.h. die Definition des literarischen kommunikativen Systems und seine Abgrenzung von anderen kommunikativen Systemen. Schmidt argumentiert, dass eine wesentliche Bedingung für den Umgang mit Literatur darin bestehe, dass man die referentiellen Bezüge zur »Wirklichket« und »Wahrheit« die normalerweise für gesprochene und geschriebene Sprache gelten, aufgibt. Anstatt der »Tatsachenkonvention« postuliert Schmidt die Dominanz der »Ästhetischen Konvention«, die nicht nur eine auf Fiktionalität, sondern auch eine auf Innovation, Überraschung und »Polyvalenz« orientierte Haltung bedingt. Damit wird eigentlich bei einer Poetik der »Autonomie« der Literatur angeknüpft. Schmidt grenzt »heteronome« Formen und Funktionen, wie zum Beispiel Lehrdichtung oder politisch engagierte Arbeiten explizit aus (1981, 136). Jegliche Handlungsdomäne des literarischen Systems, die Produktion, Vermittlung, Rezeption oder Verarbeitung sei von einem Switch von der Tatsachenkonvention zur Ästhetischen Konvention geprägt.

Nun hat Schmidt die von ihm postulierten Konventionen ausdrücklich als Hypothesen präsentiert. Es besteht jedoch, wenn man von der Theorie zur empirischen Verifizierung vorschreitet, immer die Gefahr, dass man Aspekte übersieht, die von vornherein von der Theorie ausgegrenzt werden. Der »Grundriß« beansprucht eine Theorie des (modernen, westlichen) literarischen Systems zu sein unter Rückgriff auf eine bestimmte Anschauung, was Literatur sein sollte. [1] Bestimmte Gattungen, aber auch bestimmte Handlungen werden von der Definition des literarischen Systems ausgeschlossen, die dadurch einen normativen Charakter erhält. Als Handlung bliebe zum Beispiel die durchaus übliche Suche nach Parallelen zwischen einem Werk und der Biographie eines Autors unbeachtet, weil sie nicht in das Bild der Ästhetischen Konvention hineinpassen würde. Dies ist eigentlich im Widerspruch zum Anliegen der empirischen Literaturwissenschaft, der es meines Erachtens darum gehen sollte, eine Theorie über das literarische System auf der Grundlage systematischer Beobachtungen zu entwickeln und zu überprüfen.

Zwei weitere Einwände gegen die Ausgangspunkte im »Grundriß« knüpfen daran an. Weil das Gesamtkonzept von einer Vorstellung ausgeht, wie man nach bestimmten Regeln mit Texten handelt, werden diejenigen Handlungen, die nicht direkt auf Texte bezogen sind, aber doch das literarische Handlungssystem mitkonstituieren, gleichfalls ausgeschlossen. Man denke zum Beispiel an die Aktivitäten der Leseförderungspolitik, an Metadiskurse über das literarische System, oder an PR-Aktivitäten von Autoren. Zweitens geraten durch das Streben nach Abgrenzung des Systems das Ineinandergreifen und die Einbettung verschiedener Handlungssysteme aus dem Blickfeld. Hier liegt, nebenbei bemerkt, ein Unterschied zu Bourdieus »Feldtheorie« vor (zum Beispiel in Bourdieu 1992), in der gerade Homologien und Abhängigkeitsrelationen zwischen sozialen Handlungssystemen thematisch sind. Man kann an die Motive zur Kulturteilnahme denken, die Bourdieu hervorgehoben hat, an den sozialen Status oder die intellektuelle Macht. Man kann auch an die Interessen von Instanzen und Firmen denken, welche sie dazu motivieren, einen Literaturpreis zu verleihen. Gerade die Verflechtung von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen, die es immer gegeben hat (Werber 1995), sticht in der heutigen Mediengesellschaft stark hervor.

Damit ist schließlich noch ein weiterer Punkt berührt. Soziale Kommunikationssysteme evoluieren dauernd unter dem Einfluss gesellschaftlicher Entwicklungen. In den zwanzig Jahren, die vergangen sind, seit der »Grundriß« erschien, hat sich vieles geändert. Von dem enormen heutigen Medienangebot über das Kabelnetz und vom Internet war damals noch nicht die Rede. Von der starken Expansion der Medien wären auch für die literarische Kommunikation und für die Funktionen von Literatur Konsequenzen zu erwarten. Dass sich der Blick der Literaturwissenschaftler entsprechend gewandelt hat, geht schon daraus hervor, dass inzwischen Institute für Medienforschung zum Teil die für Literaturwissenschaft verdrängt habn, und mehrere Literaturwissenschaftler, unter ihnen S.J.Schmidt, sich der Medienforschung zugewandt haben. Ich selber sehe mich genötigt, mein Objekt, das literarische, kommunikative Handeln, um eine Medienkomponente zu erweitern. Darum mache ich exemplarisch den folgenden Versuch, das alte von Schmidt vorgeschlagene Konzept des literarischen Systems zu »entgrenzen« und Raum für neue Beobachtungen zu schaffen. Ausgangspunkt sei dabei die Frage, inwiefern die Aufhebung der »Tatsachenkonvention« im heutigen, von den Medien mitregierten System noch gültig ist.

Zwei Debatten über den Umgang mit und die Interpretation von literarischen Texten bilden traditionell einen Gegenpol zur »Autonomie«-Auffassung. Die eine bezieht sich auf die lebensbezügliche oder moralische Auswirkung literarischer Texte auf ihr Publikum, die andere auf die Bedeutung der Person des Autors für die Bedeutung eines Werkes.

Bei der ersten Debatte handelt es sich allerdings um einen indirekteren Bezug zwischen fiktiver Welt und »Wirklichkeit«, nämlich um eine Ethik, die in einem Werk, auch wenn es »fiktional« im Sinne von nicht-wirklich-geschehen sein soll, mitdargestellt ist. Gegen einen ethischen Anspruch an Literatur und Kunst haben sich spätestens seit der Romantik viele Stimmen erhoben. Literatur und Kunst sollten, so wurde argumentiert, sich ausschließlich um ihr ästhetisches Selbst kümmern und frei sein, mit Normen aller Art, auch ethischen, zu brechen. Lange hat es, allerdings auch wieder in einer gewissen Elite, als verpönt gegolten, Literatur auf ihre »Moral« hin zu beurteilen. Die Gesellschaft hat sich jedoch immer wieder schockieren lassen, wie die Prozesse gegen Flaubert und Baudelaire und im 20. Jahrhundert unter anderen gegen D.H. Lawrence beweisen, um von den Zensurmaßnahmen in totalitären Regimen zu schweigen. Auch heute noch gibt es hin und wieder Anlässe für Skandale. Die Empörung richtet sich meistens darauf, dass man einen negativen Effekt auf das Denken und Handeln von Rezipienten erwartet, wie zum Beispiel bei der Darstellung von Gewalt, oder dass man (außerdem) eine Beleidigung oder Verletzung bestimmter sozialer Gruppen empfindet - man denke an den Skandal um die Aufführung von Faßbinders Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod«, dem man Antisemitismus vorwarf.

Obwohl sich die Ausklammerung des Ethischen im breiteren sozialen Kontext also niemals wirklich durchgesetzt hat, wurde die Rolle ethischer Wertung in den Kreisen der Kritik, Poetik und Literaturwissenschaft zurückgestellt. Es war tatsächlich, als ob hier verschiedene Systeme nebeneinander arbeiteten: eine autonome Poetik, die andere Werte prävalieren ließ, in der Normbrechung geradezu als eine Aufgabe der Kunst erschien und manchmal sogar die »Schönheit des Bösen« proklamiert wurde, und ein System der sozialen Kontrolle, das die fiktionalen Inhalte nach den Normen im gesellschaftlichen Leben beurteilte. Seit etwa der zweiten Hälfte der 80er Jahre hat sich darin unter anderem durch die Arbeiten von Martha Nußbaum etwas geändert; sie stellte unter Rückgriff auf die Philosophien des Klassischen Altertums die ethischen Aufgaben der Kunst und Literatur aufs neue zur Diskussion. Seitdem steht die Thematik »Literatur und Ethik« wieder auf dem Programm und wird der Gegensatz zwischen Autonomie und ethischer Verantwortlichkeit lebhaft diskutiert (siehe zum Beispiel die Diskussion in Journal of Literature and Philosophy 1997/98).[2]

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Literatur

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