Els Andringa
Die Wirklichkeit der Fiktion der Wirklichkeit. Die »Tatsachenkonvention« im heutigen Literatursystem
Abschnitt 2

   
             
 
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Mit dem Glauben an die Autonomie von Kunst war auch die Bezugnahme auf den Lebenskontext und die Person des Autors weitgehend verpönt. Diese vor allem akademische Debatte wurde in der Literaturwissenschaft durch die formalistischen und strukturalistischen Ansätze, dann auch durch den New Criticism geprägt. Dass sich eine solche Auffassung jedoch nur für einen beschränkten Teil des Literarischen Systems zeitweilig durchgesetzt hat, beweisen mehrere gegenteilige Auffassungen und Verfahren. Marxistische und in der Nachfolge davon neuere ideologiekritische Anschauungen von Goldmann bis hin zu Foucault und der feministischen Literaturkritik haben sich gefragt, inwiefern ein literarisches Werk die vom Autor vielleicht nicht einmal bewusst dargestellten Verhältnisse und Gegensätzlichkeiten der jeweiligen Gesellschaft repräsentiere. Für Vertreter dieser Richtungen ist der gesellschaftliche Bezug in den Werken und im Sprachgebrauch überhaupt also mittelbar oder unmittelbar präsent und von wesentlicher Bedeutung, wobei der Autor entweder als bewusst agierende Person oder als fast hinter der Sprache verschwindende Vermittlungsinstanz [3] funktioniert. Die Sprache und die literarischen Formen und Inhalte sind, so kann man schwerlich verneinen, soziale Kommunikationsinstrumente, die in der jeweiligen Gesellschaft verankert sind, und so auch auf sie hinführen, selbst wenn ein direkter Bezug verneint wird.[4] Obwohl hier den Kunstwerken bzw. der Literatur die Fiktionalität nicht abgesprochen wird, wird doch der Ästhetik der Autonomie Widerstand geleistet und der »Ästhetischen Konvention« nicht das Primat verliehen.

Eine andere Praxis, die trotz aller Autonomisierung eigentlich nie richtig aufgehört hat, geht aus dem großen Interesse hervor, das spätestens seit dem idealistischen Genie-Gedanken der Person des Autors entgegengebracht worden ist. [5] Hing es vielleicht ursprünglich mit der Ehrfurcht für die Genialität zusammen, spielt später wohl die allgemeine menschliche Neugier nach dem Leben anderer, außergewöhnlicher Personen verstärkt mit. Das »human interest« hat sich auf alle möglichen Arten manifestiert: in Interpretationen und Kritiken, in Monographien und Biographien, im Interesse für Ego-Dokumente, in Studien über Schaffensprozesse, in Interviews und Dokumentarfilmen. Um Autoren, die einmal Ansehen erworben haben, kann ein wahrer Personenkult entstehen. Handelt es sich um Autoren, die bereits gestorben sind, so kann eine Forschung entstehen, die der Biographie bis in die kleinsten Details nachspürt. Die extreme Kanonisierung zeigt sich dann schließlich in der Trivialisierung in der Form von Porträts auf T-shirts oder Marzipankugeln. Handelt es sich um erfolgreiche Autoren der Gegenwart, so ist ihr Auftreten in den Medien ein Gradmesser ihrer Popularität. [6] Durch die starke Zunahme des Medienangebots steigt in der letzten Zeit der Bedarf nach »Public Personalities« auf den Gebieten der Kultur, der Politik und des Sports. Auch Autoren sind, so scheint es, immer häufiger Gegenstand von Diskussionsprogrammen, Dokumentarfilmen, »Live«-Preisverleihungen und dergleichen. Die verstärkte Beachtung der Person und ihres Lebens könnte auch wieder einen Einfluss haben auf die literarische Produktion selbst: das Autobiographische und die Betonung oder Suggestion des »Echten« und »Wirklichen« scheinen in den letzten Jahren stark zugenommen zu haben. Bücher und Filme werden oft in einer solchen Weise angekündigt und angepriesen, dass der Realitätsgehalt Nachdruck bekommt (»Man liest das Buch wie ein Dokument«, »Auf der Grundlage eines wahren Geschehens«, »ein authentischer Roman«). Auch in der literarischen Kritik scheint das Autobiographische heute als positives Kriterium zu gelten. Martin Walsers Roman »Ein springender Brunnen« hat zum Beispiel eine konventionelle Erzählstruktur, wurde jedoch vom Verlag so präsentiert, dass er in der Kritik und vom Publikum als Autobiographie rezipiert und auch dadurch positiv bewertet wurde. Dies hängt vielleicht ebenfalls mit bestimmten Themenkreisen zusammen, denen die heutige Generation größtes Interesse entgegenbringt: der Zeit des zweiten Weltkrieges und den Erlebnissen in den politisch und ideologisch verschieden geprägten Gesellschaften vor und nach dieser Zeit. Dies hat vielleicht aber auch den Charakter der Literatur verändert, indem einerseits durch Erzähltechniken und durch die Verwendung historischer und räumlicher Fakten, andererseits durch Werbestrategien der Verlage der Wirklichkeitsbezug nahegelegt wird.[7] Ein Teil der am meisten diskutierten Bücher und Filme aus der letzten Zeit - man denke zum Beispiel an »Schindler's Liste« - legt den Eindruck nahe, es werde die Geschichte durch das Erzählen formal fiktionalisiert, aber zugleich das Bewusstsein für den Wirklichkeitsbezug aktiviert. Ein gesteigertes Interesse scheint - das müsste allerdings nachgewiesen werden - die Folge zu sein.

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Literatur

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