Friedrich W. Block

Ein Link: »p0es1s - internationale digitale Poesie«

   
             
 
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Friedrich W. Block

Ein Link: »p0es1s - internationale digitale Poesie«

»p0es1s« führt vor, wie die Dichtkunst auf avancierte Weise um Möglichkeiten im Bereich von Multimedia und Internet erweitert wird: Hybrid-Texte zwischen Schrift, Bild und Klang, die ausschließlich elektronisch produziert, gespeichert, verbreitet und rezipiert werden können. Symbolwelten lösen sich in Elektronen auf, werden umgerechnet zu einem undurchdringlichen Zifferngewebe, geschaltet in Strömen zwischen Ein und Aus, 0 und 1. Die wahrnehmbaren Oberflächen, wie sie als Buchstaben, Nummern, Linien, Flächen, Körper, Töne erscheinen, sind dadurch immer auch anderes: Sie sind anders möglich, vorläufig, flüssig und flüchtig; auf dem Bildschirm beginnen sie buchstäblich zu strömen. Digitale Poesie meint hier schöpferische, experimentelle, spielerische oder auch kritische Sprachkunst durch Programmierung, Multimedia, Animation, Interaktivität und Netzkommunikation.

Die Spielarten digitaler Poesie sind denkbar vielfältig und entwickeln sich rasant, wobei die Affirmation der technischen Möglichkeiten nicht vorrangig ist, denn digitale Poesie arbeitet mehr mit, denn in ihren technischen und symbolischen Medien, sie ist mehr präsentativ und reflexiv, denn repräsentativ. Für die Nutzer heißt dies Poesie, 'poesis' im engsten Wortsinne: Erfahrungmachen, Probieren als ästhetische Selbstbeobachtung und -hervorbringung. So verstanden, inszenieren die ausgewählten Beispiele nun Sprachgebrauch unter veränderten medialen Bedingungen und schließen damit an die Entwicklung experimenteller Schreibweisen an.

»p0es1s« ist ein dynamischer und virtueller Ort für digitale Poesie. Er besteht aus vergangenen und zukünftigen Ausstellungprojekten und Diskursangeboten sowie neuerdings auch aus einer Website (www.p0es1s.net/), die erstmals auf dem Münchner Festival »Schrift und Bild in Bewegung« im Frühjahr 2000 vorgestellt wurde. Bereits 1992 zeigten wir (hauptverantwortlich damals André Vallias) eine der ersten Ausstellungen zur digitalen Dichtkunst in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge, dem Wohnort von Carlfriedrich Claus. Damals beteiligten sich Künstler wie Augusto de Campos, Eduardo Kac, Richard Kostelanetz oder Jim Rosenberg; einige von ihnen sind auch jetzt wieder dabei.

Inzwischen hat sich ein breites Feld von digitaler Literatur entwickelt:

  • Hyperfiction, die narrative Techniken um hypertextuelle Möglickeiten erweitert,
  • Netzliteratur, der es besonders um telematisch vermittelte kommunikative Prozesse zwischen Literaten geht, dabei die angestammten Grenzen zwischen Autor und Leser verwischend,
  • kollaborative Projekte, in denen gemeinsam und häufig rhizomatisch an elektronischen Textennetzen gewoben wird
  • Browser-basierte Hybrid-Projekte, die die spezifischen und vielfältigen multimedialen Möglichkeiten der im Internet verwendeten Symbol- und Kommunikationssysteme verarbeiten,
  • Multimedia-Arbeiten auf Diskette, CD-Rom, Video, DVD oder holographischem Film sowie raumgreifende interaktive Installationen mit zum Teil sehr aufwendiger Technologie.

»p0es1s« situiert sich in diesem Terrain vor der Tradition experimenteller und intermedialer Poesie des 20. Jahrhunderts. Die digitale Zäsur wirkt hier nicht so scharf wie in anderen literarischen Gebieten, denn Intermedia ist bereits seit langem der Bereich, in dem Schrift und Bild zu einer »konzeptuellen Fusion« (Dick Higgins) gebracht, in dem Multilinearität, die aktive Beteiligung des Publikums am künstlerischen Prozess und die jeweils neuesten Medien erprobt worden sind.

Während im deutschen Sprachraum sich vor allem die erwähnte Netzliteratur rege entwickelt, ist im Bereich der sog. Neuen Poesie, wie sie sich in Bielefeld (Colloquium Neue Poesie), Linz (Linzer Notate) oder Wien (Alte Schmiede, Literarisches Quartier) gelegentlich verdichtet, noch wenig zu spüren. Anders sieht es weiter westlich aus, etwa in Frankreich, wo die Gruppe »L.A.I.R.E« um Philippe Bootz schon seit den 80er Jahren ihre »poésie generée par l’ordinateur« auf Disketten und CD-Rom, insbesondere in dem Journal »Alire« veröffentlicht. Zum Netzwerk gehört auch die argentinische Gruppe Posttypographia um Fabio Doctorovitch und Ladislao Pablo Györi. Eine Schnittmenge bildet der Kreis, der sich unter dem von Eduardo Kac lancierten Begriff der »New Media Poetry« in mehreren Publikationen artikuliert hat und auch bei »p0es1s« mit vertreten ist. Natürlich gibt es viele Einzelerscheinungen, unüberschaubar und doch vernetzt, gelegentlich auch im Verbund.

Insofern versteht sich »p0es1s« als ein Ankerpunkt »auf hoher 'Seh' in der Turing-Galaxis«. Wo die Reise weiter hingeht, bleibt glücklicherweise offen.

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