Ernst von Glasersfeld
Gesellschaft als subjektive Erfahrung
Abschnitt 2

   
             
 
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1. Bewegung als Werkzeug der Begriffsbildung

In dem erwähnten Beitrag zitiert Schmidt Roland Barthes:

Beim Anblick eines Fotos, so Barthes, schlägt das Bewußtsein nicht unbedingt den nostalgischen Weg der Erinnerung ein, sondern den der Gewißheit.»... das Wesen der Photographie besteht in Bestätigung dessen, was sie wiedergibt.« Referenz ist das Grundprinzip der Fotografie. Es-ist-so-gewesen, es lässt sich nicht leugnen, »daß die Sache dagewesen ist« (S.86). Seit der Fotografie »ist die Vergangenheit so gewiss wie die Gegenwart« (1985, S.97). [Schmidt, in Das große stille Bild, S.171]

Fotos sind visuelle Erlebnisse. Auf Englisch haben wir das alte, unverwüstliche Klischee: »To see is to believe.« Eine Vorstellung, gleichgültig ob sie auf Grund der Wahrnehmung eines »wirklichen« Sachverhalts oder eines fotografisch oder auf andere Weise produzierten »Bildes« aufgebaut wurde, wird demnach als Darstellung von etwas gedeutet, das ein eigenes Dasein hat und also »da ist«. Selbst die Darstellungen von fliegenden Untertassen und ihren Passagieren sollen den Eindruck erwecken, daß diese Dinge als solche wahrgenommen werden können und darum »existieren«. Ebenso möchten die Gemälde von Drachen, Teufeln und Engeln als metaphorische Referenz auf »reale« Wesen verstanden werden.

Der Konstruktivismus behauptet, daß eben dieser Schluß von wahrgenommenen Dingen auf Dinge, die auch ohne die konstruktive, zusammenfassende Arbeit eines Wahrnehmers »da sein« sollten, ein Fehlschluß ist. Die Referenz einer Fotografie ist nicht ein »Ding an sich«, sondern eine Vorstellung des Betrachters, und zwar eben jene, die er oder sie bei der Wahrnehmung der fotografierten Situation hervorgebracht hat oder hervorbringen würde.

Die Beziehung, die wir Referenz nennen, wird, meine ich, besonders durchsichtig im Fall von Karikaturen. Die Sorte von Karikatur, die mir vorschwebt, ist eine spärliche Zeichnung mit wenigen Strichen, deren jeder unerläßlich zu sein scheint. Die Zeichnung ruft die Vorstellung eines Gesichts oder einer Figur hervor, die wir sofort als bekannt erkennen. Das Erstaunliche dabei ist, daß die Striche der Zeichnung keineswegs das wiedergeben, was wir sehen würden, wenn wir die Person vor Augen hätten. Die Striche stellen eine raffinierte Vereinfachung des Wahrzunehmenden dar. Das heißt sie sind eine minimale graphische Verkörperung (z.B. Graphitspuren auf einem Blatt), die uns die Möglichkeit bietet, sie ohne weiteres als bereits Erlebtes zu interpretieren, obschon wir unfähig wären, selber eine derartige Vereinfachung zu produzieren.

Und die Striche? Was sind diese Striche, in denen wir den Charakter einer Person wiederfinden? Man könnte sagen, die Striche bestehen aus Pigmentpartikeln, die von einem neutralen Hintergrund unterschieden werden können. Das Material jedoch ist nebensächlich. Die Karikatur hat denselben Effekt, wenn sie statt schwarz auf weiß, weiß auf schwarz gezeichnet wurde, oder wenn wir sie in roter oder grüner Farbe dicker oder dünner gedruckt sehen. Maßgebende ist lediglich die Anordnung. Was Karikaturisten oder Porträtmaler produzieren ist in der konstruktivistischen Sicht also nur metaphorisch ein »Bild« ihres Modells. Genau gesagt, schaffen sie eine Arrangement visueller Unterschiede von Helligkeitswerten oder Farbtönen, die so beschaffen ist, daß der Wahrnehmende, der stets unwillkürlich nach möglichen Verbindungen von Einzelheiten sucht, geleitet wird, die gleichen Sehbewegungen (scan paths) auszuführen, die er oder sie angesichts der »dargestellten« Person machen würde.

Das mag allzu kompliziert und vielleicht sogar unglaublich klingen. Darum habe ich zwei Illustrationen aus der psychologischen Literatur ausgegraben, die das Ziehen von Verbindungen in der visuellen Wahrnehmung recht deutlich spürbar machen. Bei Abb.1 ist die Anstrengung nicht besonders groß, denn die Möglichkeiten, eine sinnvolle Form zu »sehen«, sind praktisch auf eine reduziert.

Abbildung 1: »Unvollständige Form« (Vernon, 1962, S.63)

In Abb.2 werden die meisten sich etwas länger bemühen müssen, um etwas Erkennbares zu finden. Sobald man es jedoch erkannt hat, wird die Anstrengung vergessen und man glaubt, man hätte einen Dalmatiner erkannt, der tatsächlich auf dem Bild ist. Erst eine weitere Überlegung macht klar, daß die Linien, die den relevanten Umriß ergeben, nicht vorhanden sind und darum vom Beschauer selbst hergestellt werden müssen.

Abbildung 2 »Organisation einer visuellen Empfindung« (Photo R. James, C. Blakemore, 1977, S.66)

Ich habe oft darüber gestaunt, dass Kant (1787, S.112, ¤138) bereits die geniale Einsicht hatte, dass eine Linie vom Wahrnehmenden »gezogen« werden muss, bevor sie gesehen werden kann. Wie die beiden Figuren zeigen, muss dieses »Ziehen« nicht nur vom Künstler während des Zeichnens ausgeführt werden, sondern auch vom Beschauer während des Betrachtens, und zwar durch die Verschiebung (scan path) seines Aufmerksamkeitszentrums im Akt der Wahrnehmung.

In dem eingangs erwähnten Artikel, gibt Schmidt eine Abbildung aus einem Buch von David Hubel (1989) wieder, in der die Augenbewegungen eingezeichnet sind, die eine Versuchsperson beim Betrachten eines Porträts ausführt. Die verzeichneten Wege folgen wohl hier und dort ungefähr den Helligkeitskontrasten, stellen aber keineswegs die Linien dar, die das Bild als Gesicht erkenntlich machen. Woher kommen nun diese Linien, die der Wahrnehmende zu sehen glaubt? In meinem Modell werden sie von der Aufmerksamkeit gezogen, die stets einen gewissen Spielraum relativ zu den Augenbewegungen hat.

Dass Aufmerksamkeit ihren Fokus ohne Augenbewegung willkürlich im Gesichtsfeld herumbewegen kann, wurde seit den Fünfzigerjahren von Wahrnehmungspsychologen zumindest in Deutschland, Rußland und Kanada in raffinierten Experimenten nachgewiesen [1]. Obschon diese Fähigkeit in den heutigen Textbüchern der Psychologie, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt wird, ist sie eine der Erfahrungstatsachen, die für das konstruktivistische Modell der Begriffsbildung grundlegend sind. Der Fokus der Aufmerksamkeit bewegt sich und schafft Verbindungen nicht nur auf der Ebene der Sinneswahrnehmungen, sondern auch auf den darübergelagerten Ebenen der mentalen Operationen. »Darübergelagert« ist freilich metaphorisch gemeint, denn Aufmerksamkeit, Denken und Reflektieren werden ja zumeist als Vorgänge im Gehirn betrachtet und wiewohl ein Netzwerk von Neuronen zwar hierarchisch geordnete Prozesse ausführen kann, sollte man sich diese logisch aber nicht als räumlich gestaffelt vorstellen.

Meine Ausführung wird vielleicht durchsichtiger, wenn ich daran erinnere, daß das, was wir ganz allgemein »Assoziation« nennen, seit David Hume auf räumlicher oder zeitlicher Kontiguität im Erleben beruht. Zumindest im bewussten Erleben ist es nun meines Erachtens die Aufmerksamkeit, die durch ihre Verschiebung in einem Feld praktisch unbegrenzter Möglichkeiten Einzelheiten unmittelbar nach einander fokussiert und dadurch verkettet und »assoziiert«. Nimmt man dieses Prinzip als Arbeitshypothese, so kommt man zu dem Schluss, daß derartige Verbindungen nicht nur im Wahrnehmungsfeld sondern auch zwischen gegenwärtigen und erinnerten Elementen gemacht werden können. Daher sehe ich (im Einklang mit Silvio Ceccato) in der Dynamik der Aufmerksamkeit das grundlegende Werkzeug der Begriffsbildung [2].

Die Bewegung der Aufmerksamkeit, die es ermöglicht, in einer Ansammlung an und für sich sinnloser schwarzer Flecken auf weißem Papier bekannte Gegenstände zu »erkennen« (d.h. zu konstruieren), leistet den gleichen Dienst, auch wenn wir nicht auf Abbildungen sondern zum Beispiel aus dem Fenster schauen. Da sehen wir etwa einige Bäume, einen Zaun dahinter, und dann eine Straße, auf der gerade zwei bunt gekleidete Radfahrer vorübergleiten. All das sind Gegenstände, die wir auf Grund von Helligkeits- und Farbunterschieden durch von uns »gezogene« Verbindungslinien zusammensetzen. Wir sagen, wir »erkennen« diese Dinge, und merken fast nie, daß wir die Verbindungslinien auch auf andere Weisen hätten ziehen können. Die Praxis des Erlebens besteht zu großem Teil darin, im formlosen Wirrwarr wahrnehmbarer Unterschiede nur jene Verbindungsmöglichkeiten zu »sehen«, die bereits bekannten Mustern entsprechen [3] (Abbildungen 1 & 2 sollten das recht deutlich gezeigt haben).

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Literatur

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