Ernst von Glasersfeld
Gesellschaft als subjektive Erfahrung
Abschnitt 3

   
             
 
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2. Der pragmatische Begriff der Viabilität

Um diese Behauptungen plausibel zu machen, muß die konstruktivistische Theorie ein Modell liefern, das erklärt, wie und wieso »bekannte Begriffsmuster« im Laufe der kognitiven Entwicklung entstehen. Dieses Modell ist einfach und längst bekannt. Doch da es durchwegs aus der naiv-realistischen Perspektive gesehen wurde, blieb seine konstruktive Bedeutung zumeist unbeachtet.

Edward Thorndike (1931), zum Beispiel, sagte klipp und klar, daß lebende Organismen dazu neigen, jene Handlungen zu wiederholen, die »befriedigende« Konsequenzen mit sich bringen. Das gilt nicht minder auch für die mentale Operation des Linienziehens. In der Praxis des alltäglichen Lebens war dieses Prinzip zweifellos seit den Anfängen menschlicher Kultur bekannt. Nomaden nützten es vielleicht als erste aus, als sie Pferde zum Reiten abrichteten. Jesuiten verwendeten in ihren Schulen die negative Seite des Prinzips, indem sie unerwünschte Handlungsweisen der Zöglinge mit Folgen koppelten, die für die Delinquenten körperlich oder seelisch unangenehm waren. Doch erst Thorndike formulierte es wissenschaftlich als das »Gesetz der Wirkung« (Law of Effect);. Die Behavioristen übernahmen es stillschweigend, vermieden es aber peinlichst von Befriedigung zu sprechen, indem sie das Fachwort »Verstärkung« einsetzten.

Auch der radikale Konstruktivismus adoptiert Thorndike's »Gesetz«, macht aber wie dieser kein Hehl daraus, dass Wiederholung kognitiver Operationen durch angenehme Konsequenzen motiviert ist und Vermeidung durch unangenehme. Auf der biologischen Ebene wird das Handeln der Lebewesen durch seine Auswirkungen auf Lebensfähigkeit »natürlich« ausgewählt. Auf der kognitiven Ebene jedoch bestimmt die kognitive Viabilität die Auswahl. Viabilität (hier etwa »Brauchbarkeit«) kann nur mit Hinsicht auf Ziele beurteilt werden; und Ziele, welcher Art sie auch seinen mögen, setzen elementare Werte voraus: Dinge, Zustände, Vorgänge, die man entweder erleben oder vermeiden möchte. Im Konstruktivistischen Modell sind diese elementaren Werte (ebenso wie Bewußtsein und Gedächtnis) eine unerläßliche theoretische Voraussetzung.

Das Ziehen von Verbindungslinien in der Wahrnehmung hat das Ziel, zusammenhängende Muster zu sehen, und wo immer möglich Muster, die bereits bekannt sind. Das heißt solche, von denen die vorhergehende Erfahrung gezeigt hat, dass man sinnvolle Handlungen auf sie gründen kann. Eine der Hauptaufgaben der Wahrnehmung ist es ja, aus ihr zu ersehen, welche Handlungsweisen im Augenblick viabel erscheinen. Kurz, das Wahrgenommene dient als Basis für Vorhersagen.

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