Ernst von Glasersfeld
Gesellschaft als subjektive Erfahrung
Abschnitt 4

   
             
 
   Home    
   

3. Die Bevölkerung der Erlebenswelt

Der Säugling, dessen visuelle Erfahrung am Anfang ist, muss langsam lernen, in seinem Sehfeld wiederholbare Muster zu sehen und diese einigermaßen mit der Wahrnehmung eigener Bewegungen zu koordinieren. Das dauert mehrere Monate. Sobald es zu funktionieren beginnt, wächst das Repertoire erkennbarer Muster ganz rapid und der Säugling »kennt« bald eine ansehnliche Menge von Dingen, die er anfassen, aufheben und bewegen kann. Nun kommen aber auch Dinge in die Erfahrungswelt des Kindes, die sich von selbst bewegen und den Zugriff vermeiden oder ihm entweichen können; die Katze etwa, deren Schwanz zu heftig gezogen wurde, oder die Meise, die zutraulich auf dem Balkongeländer landete. Nachdem derartige Erlebnisse allmählich von jenen unterschieden worden sind, in denen etwas zu Boden fällt, weil es nicht fest genug gehalten wurde, ist das Kind in der Lage, die Kategorie sich selbstbewegender Dinge zu schaffen, die es später Lebewesen nennen wird.

Im Laufe vieler weiterer Erfahrungen werden diesen Wesen dann allmählich die Fähigkeiten des Sehens, Hörens und Riechens zugeschrieben und schließlich auch Gefühle und Absichten. Inzwischen ist die Sprache hinzugekommen und somit eine Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren. Die Sprache macht es dann auch möglich, das Netzwerk der Kategorien nicht nur auf Grund eigener Erfahrungen, sondern auch mit Hilfe von Hinweisen und Erklärungen anderer Sprecher auszubauen und zu verfeinern. Dabei darf freilich nicht vergessen werden, dass das, was andere sagen, von dem Heranwachsenden nur im Rahmen von Begriffen interpretiert werden kann, die er oder sie in eigenem Erleben bereits geformt hat. Das heißt unter anderem, daß der Urgrund der Wortbedeutungen trotz aller Angleichung im Laufe der Interaktionen mit anderen Sprechern subjektiv bleibt.

Diese Auffassung von Sprache bildet einen der Gegensätze zur Schule der »Social Constructionists«, deren führender Vertreter Kenneth Gergen ist. Er charakterisiert die diesbezügliche radikal-konstruktivistische Position indem er ihr unter anderem die Ansicht zuschreibt, wir seien frei, beliebige Zusammensetzungen von Lauten oder Zeichen ohne Rücksicht auf die Gelegenheit zu benützen. Im Prinzip, meint er, sei es gleichgültig,

ob das, was gerade vor mir steht, ein Tisch ist, ein Stück Käse oder ein Greif. In der Praxis freilich sind wir nicht frei.. Dank der ausgehandelten weithin geteilten Vereinbarungen innerhalb der Kultur, stimmen wir überein und nennen es - was langweilig sein mag - einen Schreibtisch. (Gergen, 1995, S.24).

Was Gergen übergeht, ist der Begriff der Viabilität, der in meinem Kognitionsmodell nicht nur die Konstruktion von Begriffen einschränkt, sondern auch die Bedeutungen von Wörtern. Die ersten Assoziationen von Wortlauten und Erfahrungsgegenständen, die das Kleinkind bildet, sind vom Standpunkt der Erwachsenen oft fehlerhaft oder ungenau. Erst im Lauf der Verwendung lernt es, sie an den gängigen Sprachgebrauch anzupassen - nicht durch Vereinbarung, sondern dadurch, daß idiosynkratische Wörter den erwarteten Dienst nicht leisten und eben nicht »viabel« sind (z.B. wenn es »Tisch« sagt, weil es etwas von dem Käse haben möchte, der in seiner bisherigen Erfahrung stets auf dem Esstisch stand, und dann nichts bekommt, das seinem Wunsch entspricht).

Auch die extreme Behauptung, dass »Was ich sage, solange Unsinn bleibt, bis du zustimmst, dass es sinnvoll ist« (Gergen, a.a.O.), trifft daneben und wird in jeder ernsten philosophischen Debatte durch das Gehaben beider Lager oft und deutlich widerlegt. Für den Einzelnen hat ein Wort oft eine ganz präzise Bedeutung lange bevor es ihm gelingt, anderen zu einem annähernden Verständnis dessen zu verhelfen, was er meint. Zum Glück ist es nicht nötig, daß jedermanns Bedeutungen identisch sind, denn in der Praxis des Zusammenlebens genügt es vollauf, wenn das, was einer sagt, in den anderen die erhoffte Reaktion bewirkt.

Es ist ein grobes Missverständnis, wenn dem Radikalen Konstruktivismus Beliebigkeit zugeschrieben wird. Weder den Aufbau und die Struktur der Erfahrungswelt, noch das Konzipieren von Sprachregeln und Wortbedeutungen betrachtet er als beliebig. In beiden Sparten müssen die Konstrukte sich in der individuellen Anwendung bewähren, bevor sie als »wirklich« beibehalten werden.

top

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Abschnitt 5

Abschnitt 6

Literatur

Druckversion