Ernst von Glasersfeld
Gesellschaft als subjektive Erfahrung
Abschnitt 5

   
             
 
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4. Wie verstehen wir Gesellschaft?

Die kognitive Entwicklung ist selbstverständlich verzweigter und komplizierter, als ich sie hier beschrieben habe, doch ich hoffe die Anschauung umrissen zu haben, dass wir unsere Mitmenschen zunächst in unserer Erfahrungswelt als solche unterscheiden und charakterisieren müssen, bevor wir dem Begriff »Gesellschaft« Sinn geben können.

Anfangs kann da kaum mehr als übergeordnete Einheit begriffen werden, als die Handvoll Leute, die wir im obigen Sinn »erkennen« gelernt haben und denen eine Reihe von gemeinsamen Eigenschaften sowie individuelle Unterschiede zugeschrieben werden können. Dann kommen jene dazu, die, obschon wir sie nur flüchtig gesehen oder von ihnen lediglich gehört oder gelesen haben, in unseren Augen eine Gemeinschaft bilden, die wir ohne selbst-erlebte Gründe gegen den Rest der Erdbevölkerung abgrenzen möchten. Damit haben wir die unterste Schicht des Gesellschaftsbegriffs geschaffen, der dann in unterschiedlichen Richtung ausgebaut werden kann, jedoch die Verbindung zu den ersten, aus subjektiven Erfahrungen abstrahierten Verallgemeinerungen nie ganz löst.

Ich kann nicht vorgeben, soziologisch gut bewandert zu sein, doch von allem, was ich in dieser Sparte gelesen habe, scheint mir der folgende Absatz aus Georg Simmels Werk die einleuchtendste Grundlage für wissenstheoretische Betrachtungen zu sein:

Ich bezeichne nun alles das, was in den Individuen, den unmittelbar konkreten Orten aller historischen Wirklichkeit, als Trieb, Interesse, Zweck, Neigung, psychische Zuständigkeit und Bewegung derart vorhanden ist, daß daraus oder daran die Wirkung auf andere und das Empfangen ihrer Wirkungen entsteht - dieses bezeichne ich als den Inhalt, gleichsam die Materie der Vergesellschaftung. An und für sich sind diese Stoffe, mit denen das Leben sich füllt, diese Motivierungen, die es treiben, noch nicht sozialen Wesens. Weder Hunger noch Liebe, weder Arbeit noch Religiosität, weder die Technik noch die Funktionen und Resultate der Intelligenz bedeuten ihrem unmittelbaren Sinne nach schon Vergesellschaftung; vielmehr, sie bilden diese erst, indem sie das isolierte Nebeneinander der Individuen zu bestimmten Formen des Miteinander und Füreinander gestalten, die unter den allgemeinen Begriff der Wechselwirkung gehören. Die Vergesellschaftung ist also die in unzähligen verschiedenen Arten sich verwirklichende Form, in der die Individuen auf Grund jener - sinnlichen oder idealen, momentanen oder dauernden, bewußten oder unbewußten, kausal treibenden oder teleologisch ziehenden - Interessen zu einer Einheit zusammenwachsen und innerhalb deren diese Interessen sich verwirklichen.. (Simmel, 1917, S.51-52)

Zwei Punkte möchte ich aus diesem außerordentlich dichten Passus hervorheben. Erstens, daß die »Vergesellschaftung« aus Elementen erwächst (Trieb, Interesse, Zweck, Neigung, usw.), die in den Individuen beheimatet sind; und zweitens, daß diese Elemente - vor allem die Funktion der Intelligenz - an sich noch nicht soziale Phänomene sind, sondern die Basis zur Vergesellschaftung bilden.

An dieser Stelle möchte ich wiederholen, daß der radikale Konstruktivismus nicht eine reale Welt zu beschreiben vorgibt, sondern lediglich ein Modell vorschlägt, wie man sich den Aufbau von Wissen vorstellen kann. Zu diesem Aufbau gehört nun selbstverständlich auch der Begriff der Gesellschaft. Ebenso wie Wortbedeutungen von Heranwachsenden nur aus ihren eigenen Erfahrungen und der Interpretation gehörter und gelesener Wörter abstrahiert werden können, muß der Begriff »Gesellschaft« von jedem Einzelnen auf Grund eigener Erfahrungen und Verallgemeinerungen gebildet werden. Dabei ist es gleichgültig, ob man glaubt, die Gesellschaft existiere als solche oder nicht - ein Wissen von ihr kann man nur aus eigenem Erleben bilden. Das gilt nicht nur für Kinder und unbelastete Erwachsene, sondern auch für Soziologen.

Vereinfacht - und darum zweifellos etwas naiv betrachtet - ist das, was als wissenschaftliche Soziologie geschrieben und verkündet wird, die Summe dessen, was ein aufmerksamer Beobachter mit Hilfe von mehr oder weniger anerkannten Methoden aus seinen Erlebnissen, Experimenten, statistischen Untersuchungen, usw., herauskristallisiert und so formuliert, daß eine Anzahl von Berufskollegen es auf eine sie befriedigenden Weise interpretieren können. Gleichgültig, wie groß die Zahl der Zustimmenden auch sein mag, das Begriffsgebäude, das ihnen gemeinsamer Besitz zu sein scheint, ist nicht die Beschreibung einer »objektiven« Sachlage, sondern ein Komplex von individuellen Interpretationen, der im Laufe von Diskussionen, gegenseitiger Kritik und anderen Unterhandlungen schließlich für alle Beteiligten eine gewisse Viabilität gewonnen hat.

Diese relative interpersönliche Anpassung kann die eigentliche Subjektivität der Begriffe nicht eliminieren. So schreibt z.B. Luhmann: »Soziologie versteht sich ganz vorherrschend als empirische Wissenschaft, versteht dann aber den Begriff des »Empirischen« sehr eng als Interpretation einer selbstgeschaffenen Realität« (1992, S.19)[4].

Darum ist es von meinem Gesichtspunkt aus irreführend, wenn Social Constructionists oder andere sozial ausgerichtete Konstruktivisten von Gesellschaft, Sprache oder Wissen sprechen, als »existierten« diese unabhängig von den Individuen in einer allen zugänglichen Umwelt. Derartige Aussagen lassen sich mit der agnostischen Grundposition gegenüber Ontologie nicht vereinbaren. Als Naturwissenschaftler kann ich wohl für die Gegenstände, deren Verhalten ich studiere, eine von meiner Erfahrungswelt abgeleitete, stabile Umwelt sowie kausale Interaktionen mit ihr postulieren und ein mehr oder weniger viables Modell des jeweiligen physischen Bereichs aufbauen. Physiker, Astronomen, Chemiker und Mechaniker tun das ja mit großem Erfolg. Für Sozialkonstruktivisten jedoch ist es aus zwei Gründen unzulässig, Interaktionen zwischen den eigenen Abstraktionen und den anderen Individuen der Gesellschaft zu postulieren.. Erstens müssen diese Anderen ihre Umwelt und alle Abstraktionen wie Sprache und Wissen ja laut der konstruktivistischen These aus ihrer Erfahrung gewinnen; und zweitens sind die Interaktionen mit diesen Konstrukten dann nicht kausaler sondern »psychologischer« Art, d.h. sie werden durch individuelle Werte, Zielsetzungen und Gefühle bestimmt.

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Literatur

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