Ernst von Glasersfeld
Gesellschaft als subjektive Erfahrung
Abschnitt 6

   
             
 
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Zusammenfassung

Ich hoffe, es ist mir zu zeigen gelungen, daß die komplexen Begriffen, die in der Soziologie eine große Rolle spielen, auf eine Weise zusammengestellt werden können, die der Konstruktion von Bildvorstellungen ähnlich ist. Allerdings werden die Verbindungen der Elemente in ihnen nicht durch das »Ziehen« von Linien geschaffen, sondern durch mentale Operationen, welche die Aufmerksamkeit auf Schienen der Abstraktion von einem zum anderen führen. Dabei geht es mir, wie gesagt, nicht um die Beschreibung dessen, was realiter existieren mag, sondern einzig und allein darum, ein möglichst kohärentes Modell des Wissens zu entwerfen und zu zeigen, wie Sie und ich und alle anderen Individuen zu dem ihren gekommen sein könnten. Jedes derartige Modell beruht auf Voraussetzungen - mein epistemisches z.B. auf der Annahme von Bewußtsein, Gedächtnis und elementaren Werten. Diese Voraussetzungen können nur dadurch begründet werden, daß sie den Aufbau einer in sich kohärenten Theorie möglich machen. Sie sind also keineswegs ontische Grundsteine sondern praktische Arbeitshypothesen

Was ich hier geschrieben habe, stellt die Ansicht eines Einzelnen dar, der mit der »postmodernen« Bewegung nichts mehr gemein haben möchte. Vor zehn Jahren dünkte mich diese Bezeichnung für den radikalen Konstruktivismus annehmbar, da sie mir den Bruch mit der herkömmlichen Auffassung, daß die Vernunft das Mittel der Welterkenntnis sei, zu betonen schien. Doch ich verstand das keineswegs als »Emanzipation von der Vernunft« (Luhmann, zitiert in Schmidt & Spieß, 1995, S.231). Das von mir verfochtene Modell will ja gerade eine Theorie des rationalen Wissens sein. Schon die Einsicht, daß man über das, was in der Realität existieren mag, nur schweigen kann, ist auf rationale Argumente gegründet und lässt alle mystische Eingebung dahingestellt. Gerade in dieser Hinsicht sind Siegfried Schmidts weitverzweigte Arbeiten über Kommunikation von größter Wichtigkeit, da er das rational Verständliche stets von den Versuchen jener trennt, die begriffliche Elemente wie Sprache, Verständigung und schließlich auch Gesellschaft als ontische Gegebenheiten hinstellen.

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Literatur

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