Christoph Jacke / Martin Zierold

»The Grass Was Always Greener« –
Popkulturwissenschaft und Erinnerungsforschung: eine einleitende Konfrontation.

   
             
 
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Gedächtnis und Erinnerung – ein alternatives Konzept

Der wohl zentrale Mechanismus für unseren Entwurf ist der von Schmidt beschriebene Zusammenhang zwischen »Setzung & Voraussetzung«: »Was immer wir tun, wir tun es in Gestalt einer Setzung«, lautet der erste Satz in Geschichten & Diskurse (Schmidt 2003a: 27). Und wenig später: »Jede Setzung macht zumindest eine Voraussetzung.« (Ebd.) Dieser Mechanismus mag sehr unspektakulär klingen, aber u. E. liegt in ihm bereits alles, was für ein abstraktes Modell gesellschaftlichen Gedächtnisses und gesellschaftlicher Erinnerungen notwendig ist.

Jede Setzung macht eine Voraussetzung – und auch wenn dieser Zusammenhang autokonstitutiv ist, also gilt: ohne Setzung auch keine Voraussetzung (der Setzung) und ohne Voraussetzung keine Setzung, wenn also gilt, dass Setzung und Voraussetzung sozusagen gleichzeitig aktuell werden, so muss doch die Voraussetzung, für einzelne Menschen beispielsweise biographisch betrachtet, in der Vergangenheit liegen. Ich muss in der Vergangenheit das ›Original‹ eines Songs kennen gelernt haben, um Coverversionen oder gar Anspielungen als solche deuten zu können, ich muss bereits Erfolg gehabt haben, um im Alter ein Revival zu erleben.

Wir kommen also in der Gegenwart nie aus ohne Vergangenheit. Im Gegenteil, prinzipiell gehen alle Setzungen, die wir jemals getätigt haben, in den Pool an Voraussetzungen ein, die neue Setzungen orientieren und damit die Gegenwart prägen. Wie verbindlich diese Orientierungskraft sein kann, merkt womöglich ein Teilnehmer von Musik-Castingshows, der sich mit einem Mal gerne als ernstzunehmender Jazzmusiker präsentieren will. Welche Setzungen in der Gegenwart sozial akzeptabel sind, hängt eben stark davon ab, welche Setzungen in der Vergangenheit zu Voraussetzungen der Gegenwart geworden sind.

Bei dem Versuch, diesen Mechanismus in eine Terminologie von Gedächtnis und Erinnerung zu integrieren, ist zunächst ein Blick auf individuelles Gedächtnis und kognitive Erinnerungsprozesse hilfreich. Ausgesprochen instruktiv sind in diesem Zusammenhang nicht zuletzt die Arbeiten von Gebhard Rusch (vgl. 1987, 1991) und Peter M. Hejl (vgl. 1991). Hier lässt sich lernen, dass Gedächtnis keineswegs für das ›Aufbewahren‹ oder ›Speichern‹ von Erinnerungen zuständig ist, sondern eine kognitive Funktion darstellt, die an praktisch allen kognitiven Prozessen wie Beobachten, Lernen und natürlich auch erzählendem Erinnern orientierend beteiligt ist.

Überträgt man ein solches Verständnis von Gedächtnis (als Funktion des Gehirns) und Erinnerung (als kognitiver Prozess in der Gegenwart, der Gedächtnis in Anspruch nimmt) metaphorisch auf gesellschaftliche Prozesse und bezieht hier den Mechanismus der Setzung und Voraussetzung ein, ergibt sich die Möglichkeit einer neuen, nicht normativen, abstrakten Modellierung: ›Gesellschaftliches Gedächtnis‹ lässt sich dann beschreiben als das Resultat aller bisherigen Kulturprogrammanwendungen, als die Struktur des Voraussetzungszusammenhangs der Gegenwart. Gedächtnis ist in einem solchen Verständnis eine Diskursfiktion, die aber in der Gegenwart für jede Form von Setzungen (nicht nur Erinnerungen), die immer Voraussetzungen in Anspruch nehmen müssen, wirksam wird. Im Akt einer spezifischen Setzung werden dabei immer nur bestimmte Voraussetzungen der bisherig realisierten Setzungen in Anspruch genommen, also relevant gemacht.

Erinnerungsprozesse können dann als nicht primär vergangenheitsbezogen, sondern als Prozesse in der Gegenwart beschrieben werden. Erinnerungen sind somit auch nicht nostalgische Reminiszenzen Ewig-Gestriger, sondern stets sozusagen ›top-aktuell‹ in dem Sinn, dass sie für die Gegenwart in der Gegenwart Bedeutung haben – warum auch sonst sollte man sich die Mühe machen, sie jetzt und hier zu erzählen? Versteht man Erinnerungen so als Gegenwartsphänomen, ist es auch kein Widerspruch mehr zu Vorstellungen von ›Popkultur‹ als gegenwartsfixiertem Programm, wenn wir genau dort spezifische Formen der Erinnerung erwarten.

Wir verstehen Erinnerungen dabei als reflexive Thematisierung von Gedächtnis, also von gesellschaftlichen Voraussetzungszusammenhängen. Erinnerungsprozesse nehmen so Gedächtnis allgemein als Setzungen selbst in Anspruch – d. h. wann ich zum Beispiel welche Erinnerung adäquat formulieren kann, hängt wiederum ab von den Voraussetzungen meiner Gegenwart – und thematisieren dabei zugleich bestimmte Aspekte des gegenwärtigen Voraussetzungszusammenhangs. Dabei ist in modernen Gesellschaften davon auszugehen, dass Erinnerungen kaum systemübergreifende Relevanz beanspruchen bzw. zugeschrieben bekommen können, sondern dass sie vor allem auf der Ebene von (Sub-)Systemen Bedeutung haben. (Selbst der Holocaust wird im Wirtschaftssystem als Voraussetzung erst relevant, wenn es um Entschädigungszahlungen oder Auftragsboykotte geht.) Gesellschaftliche Erinnerungen sind damit ebenso ausdifferenziert wie Kulturprogramme – und stets im Hinblick auf ihre Selektivität und Kontingenz erinnerungspolitisch, das heißt als Machtfragen, lesbar: Es ist nicht nur interessant, welche Voraussetzungen der Gegenwart explizit in Erinnerungen thematisiert werden, sondern auch, wer gesellschaftlich die Macht hat, solche Thematisierungen zu lancieren und welche früheren Setzungen ausgeblendet bleiben.

In einem solchen Verständnis kommt auch Pop nicht ohne Gedächtnis aus, denn, was in der Gegenwart des Pop erfolgreiche Setzungen sein können, hängt auch immer ab von dem aktuellen Voraussetzungszusammenhang. Zugleich zeigen Phänomene wie Sampling, Retro-Trends oder Revivals, dass sich gerade etwa die Popmusik besonders produktiv der Thematisierung und Re-Integration früherer Setzungen bedient, um in der Gegenwart erfolgreich zu sein. In einer abstrakten und nicht-normativen Perspektive lassen sich solche Phänomene durchaus als Erinnerungsphänomene beschreiben.

Und selbst der oben zitierte Dirk Peitz, der Popmusik als vergangenheitslos beschreibt, räumt ein, dass gerade Retro-Phänomene in der Zukunft eher noch zunehmen werden, denn hier verschränken sich Eigenheiten individueller Erinnerung und die systemspezifische Erinnerungspolitik des Pop: »It’s the demografische Entwicklung, stupid!« (2005: 13) Musikalische Medienangebote gehören zu den zuverlässigsten Erinnerungsanlässen für Aktanten und es gilt: »Wir mögen, was wir kennen und was uns an schöne Momente erinnert. Das Gehirn ist ein zwangsnostalgisches Organ.« (Ebd.) Dies machen sich zum Beispiel gerade Popmusikproduzenten zunutze, wenn sie sich erinnern, wie sie ihre Nutzer an ihre Jugend erinnern können – und selbst dabei effizient und effektiv Massenerfolg erreichen.

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Einleitung

Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Abschnitt 5

Literatur

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