Oliver Jahraus
Die Verfügbarkeit und die Unverfügbarkeit des Mediums.
Zum Verhältnis von Mensch und Medium

Die folgenden Überlegungen stehen in einem Spannungsfeld von zwei entgegengesetzten Positionen, die das Verhältnis von Mensch und Medium zueinander jeweils in einem konträr hierarchisierten Verhältnis modellieren. (I) Die erste Position lässt sich beispielhaft mit einem Satz benennen, der lautet: Es sind Menschen, die die Medien benutzen, in und mit Mediensystemen leben und auch durch Medien manipulierbar sind.(II) Die andere Position bringt dagegen zum Ausdruck, dass die Rede von Menschen die Komplexitätsebene des Mediums verfehlt und dass der Mensch, sofern man überhaupt noch vom Menschen sprechen will, eher als Epiphänomen oder als Effekt von Medien zu verstehen ist.

Fragt man sich nun nach der entscheidenden Differenz zwischen diesen beiden Positionen, so darf man das Verhältnis nicht vorschnell auf eine Hierarchie zurückführen. Hierarchie würde in diesem Fall und in der ersten Position Verfügbarkeit ausdrücken. Und die entsprechende Frage würde sich darauf konzentrieren, ob Menschen grundsätzlich über Medien verfügen können oder ob das Medium eine Verfügbarkeit über - also eine konstitutive Funktion für - den Menschen in seinem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein besitzt: Wer verfügt über wen? Insofern muss man differenzieren: Verfügbarkeit bedeutet nicht ein Herrschaftsverhältnis über und durch Medien, denn auch im Rahmen dieses Modells, das von der Verfügbarkeit der Medien für Menschen ausgeht, kann sehr wohl auch erfasst werden, wie Menschen selbst medialer Manipulation oder Herrschaft unterliegen. Aber das Medium ist grundsätzlich vom Menschen zu differenzieren und kann daher in eine objektive Relation zum Menschen gebracht werden.

Demgegenüber wird in der anderen Position die Differenzierung zwischen Mensch und Medium unterlaufen und somit auf einer objektivistischen Basis hinfällig. Vorderhand möchte ich diese beiden Positionen mit der Differenz von Verfügbarkeit bzw. Unverfügbarkeit des Mediums auf den Begriff bringen. Doch die Differenz der Positionen reicht weiter und umfasst verschiedene Faktoren, die ich im folgenden mit einer Reihe von Einzelbeobachtungen eher essayistisch umreißen möchte:

1. Allein am Begriff des Menschen ist eine deutliche Unter- bzw. Überkomplexität spürbar. So selbstverständlich es ist, dass Menschen in Medienverhältnisse involviert sind, so wenig kann der Begriff Mensch terminologisch fixiert werden. Unterkomplex ist der Begriff des Menschen deswegen, weil damit die Verhältnisbestimmung zwischen Mensch und Medium, stelle man sie nun auf Rezeption, Interaktion, Funktionalisierungoder ähnliches ab, kaum terminologisch exakt gefasst werden kann; und überkomplex deswegen, weil mit dem Menschen immer ein unüberschaubarer und fast schon unabschließbarer Gesamtzusammenhang von Lebensvollzügen mitgegeben ist, der seinerseits unterschiedlichste Beschreibungsvarianten ermöglicht, seien sie anthropologischer, existentieller, psychologischer, aber auch organisch-biologischer oder neurophysiologischer Art, und somit Hyperkomplexität im eigentlichen Sinn, also verschiedene Beschreibungsverfahren für Komplexität, mit sich bringt.

2. Die Gegenposition lässt sich nur schwer mit dem Begriff des Menschen überhaupt formulieren; dies ist wiederum kennzeichnend für diese Position. Man spricht hierbei besser vom Subjekt; man begibt sich dabei zwar in eine lange und durchaus problematische philosophische Begriffstradition, bekommt damit aber auch ein reduktives Konstitutionsmodell von Subjektivität, das Subjektivität als Begründungskategorie ausweist und es somit erlaubt, das Verhältnis zwischen Subjekt bzw. Subjektivität und Medien in einer veränderten Begründungsrichtung zu sehen. In diesem Sinne müssten die Positionen hier das Subjekt, dort das Medium als Begründungsinstanz für die jeweils andere Instanz theoretisch installieren. Der Mensch als »Maß aller Dinge« gibt ohnehin immer eine Begründungsinstanz ab, die aber unter dieser Beobachtungsperspektive nicht mehr hinterfragt werden kann. Wenn somit die Position der Verfügbarkeit sich so auf den Menschen versteht, dass der Mensch nach dem Medium fragt, so kann die Verfügbarkeit des Mediums nicht mehr in Frage stehen. Umgekehrt hingegen besitzt der Subjektbegriff, der zwar von der Aufklärungsphilosophie und insbesondere im deutschen Idealismus, wenn auch bisweilen mit anderen Namen, als Letztbegründungskategorie eingeführt wurde, die Möglichkeit, wie sie insbesondere die Subjektkritik der Moderne und Postmoderne ausgeschöpft hat,1 das Subjekt auch die Position des Begründeten, nicht mehr des Begründenden, einnehmen zu lassen. Die beiden Positionen unterscheiden sich durch die Begründungsrichtungen im Verhältnis von Mensch und Medium.

Am deutlichsten lässt sich die Wechselseitigkeit dieser Differenz an dieser Begründungsfunktion selbst ablesen. Aus der Verbindung von Subjektkritik und Medientheorie stammt die Formulierung, die Medien als Apriori zu bezeichnen. Friedrich Kittler nennt die Medien anthropologische Aprioris«,2 und Norbert Bolz nennt - nahezu gleichlautend - das »Medium« das »historische Apriori« der Organisation der Sinneswahrnehmung«.3 Wenn man bedenkt, dass das Konzept des Apriori im Kontext der (vor allem Kantischen) Transzendentalphilosophie genau jene Begründungsleistung des Subjekts vor jeder Empirie benennt, so kann man daran erkennen, wie diese Funktion vom Menschen bzw. Subjekt auf die Medien schlichtweg übertragen wird. Mensch- und Medienseite werden einfach ausgetauscht, die Positionen werden in der Gegenüberstellung parallelisiert; nur die apriorische Begründungsfunktion wird auf die andere Seite geschlagen. Besonders symptomatisch ist die Kennzeichnung des Aprioris als anthropologisch, denn das bedeutet, dass das anthropologische Moment nicht dem Menschen selbst, sondern dem Medium zukommt. Die Verkehrung der anthropologisch-objektivistischen Position besteht also genau darin, das Medium, nicht den Menschen als anthropologisch zu charakterisieren und somit zu konstituieren.

3. Diese Begründungsrichtungen sind verantwortlich für das,was man das wissenschaftliche Profil oder das Design der entsprechenden Forschungsanstrengungen nennen könnte. Während man - und dies ist vorderhand nur ein oberflächlicher Vorschlag - die eine Richtung, die nach dem Menschen fragt, eher als empirisch kennzeichnen kann, woran sich durchaus auch eine historische Perspektivierung anschließen lässt, ist die andere Richtung eher konzeptionell oder systematisch in dem entgegengesetzten Sinne zu charakterisieren, dass dabei eben nicht das Medium empirisiert beobachtet wird. Ich halte es schon für bedenkenswert, dass der Begriff des Menschen und der der Empirie so eng und attraktiv miteinander gekoppelt werden können.

Dahinter verbirgt sich eine problematische Begriffsfassung von Empirie. Der Begriff und das Konzept von Empirie wird durch die epistemologischen Zugriffsbedingungen charakterisiert, die ihrerseits aber wiederum nicht vom dem abhängen, was sie bestimmen, sondern von der - systematisch vorgängigen - Art und Weise, wie sie es bestimmen. Empirie ist somit nicht das, was erkannt werden kann, sondern Empirie ist das, was eine Erkenntnistheorie als erkennbar ausweist. Mit dem Empiriebegriff muss jedoch eine Differenz mitgegeben sein zu dem, was als epistemologischer Vorlauf und was somit - im Gegenüber zur Empirie - als Theorie bezeichnet werden könnte. Zur Anwendungsbedingung des Empiriebegriffs gehört es, dass Empirie eben nicht Theorie ist, aber gleichzeitig kann von einer höheren Beobachtungsposition aus erkannt werden, dass Empirie selbst ein rein theoretischer Begriff ist. Das theoretische Konzept von Empirie muss sich also immer als möglichst theorieunabhängig ausgeben. Zugegebenermaßen kann diese paradoxale Begriffssituation, Empirie theoriefrei theoretisch zu konzeptualisieren, auch nicht umgangen werden, wenn man einen Zugriff- und sei es nur durch dichte Beschreibung4 - auf das haben will, was immer man dann als Empirie bezeichnet. Wird der Empiriebegriff an den Menschen gebunden, lässt sich diese Situation am besten in den Hintergrund drängen. Die Selbstverständlichkeit, die den Begriff des Menschen auszeichnet, wird somit an eine menschliche Empirie weitergegeben.

Daran schließe ich eine weitere Beobachtung an. In besonderer Virulenz stellt sich dieses Problem am Beispiel des Medienbegriffs, was bedeutet, dass Empirie in besonderer Weise von Medien abhängig gemacht wird. Hier tritt die paradoxale Begriffssituation durch die Hintertür, aber deswegen um so drängender wieder ein - der Sachverhalt ist bekannt: Wenn die Medien als Bestandteil einer Empirie beobachtet werden, stellt sich gleichzeitig die Frage, inwieweit die Zugriffsbedingungen durch Medien selbst bestimmt, vorgegeben, in radikaler Fassung sogar: konstituiert werden. Auch erlaubt eine eindeutige Relationierung von Mensch und Medium über die Empirie des Menschen, auch eine Empirie der Medien zugänglich zu machen.

4. Dass damit auch zwei unterschiedliche Begriffe von Medium vorliegen, versteht sich von selbst. Merkwürdig ist eher die Tatsache, dass man mit demselben Wort »Medium« immer noch beide Positionen bezeichnen und auch noch wechselseitig konturieren kann. Ein markanter Unterschied lässt sich am Numerus des Wortes ablesen: Während ist Relationierung von Mensch und Medium eher auf »die Medien« rekurriert, wird in der systematischen Position im Gestus grundlagentheoretischer Reflexion von »dem Medium« gesprochen. Die Rede von den Medien verweist dabei nicht nur auf eine Diversifikation und Ausdifferenzierung medialer Möglichkeiten, sondern impliziert auch eine technische Verfasstheit dessen, was dann als Medium zu gelten hat. Auch hier lässt sich eine Affinitität zwischen der Mensch-Medium-Relation und einem technischen Medienbegriff feststellen. Die technische Dimension des Medienbegriffs kann als Effekt der Verobjektivierungstendenz zwischen Mensch und Medium angesehen werden. Dem steht ein rein systematischer Medienbegriff gegenüber - »rein« kann hier durchaus im transzendentalen Sinn von völliger Absehung von jeglicher Empirie verstanden werden. Die Frage ist dann nur, wie diese negative Bestimmung positiv gefüllt wird. In jedem Fall liegen hierbei nicht nur unterschiedliche Medienbegriffe vor, sondern die Medienbegriffe werden an unterschiedlichen Positionen im jeweiligen theoretischen Gefüge eingesetzt. In der objektivistischen Gegenüberstellung von Mensch und Medien ist das Medium Teil jener Sphäre, die Mensch und Medium umfasst und die z.B. Welt genannt werden kann. Medien kommen in der Welt vor, in dieser Form sind sie empirisch zugänglich, unabhängig davon, dass sie selbst Welt vermitteln. In der systematischen Variante hingegen kann man zwar auch zwischen Mensch und Medium differenzieren, aber das Medium ist selbst in die Vermittlung von Welt (an den Menschen) involviert, was bedeutet, dass der Medienbegriff selbst noch dieser Differenzierung vorausgehen muss. Das Medium ist die Differenzierungsgrundlage von Mensch, Welt und Medium. Von daher kann der Medienbegriff gar nicht mehr empirisch sein, weil eine empirische Verortung diese Funktion verunmöglichen würde - sie ist systematisch nachrangig.

5. Wenn man nun alle diese Differenzierungsmerkmale, die ich eher punktuell aufgelistet habe, zusammennimmt, so erkennt man eine weitere Differenz, die allerdings die Differenzierung in einem anderen Licht erscheinen lässt, um nicht zu sagen, diese Differenzierung wieder aufhebt. Wenn man davonausgeht, dass Positionen Beobachtungsresultate sind und Beobachtungen mit Differenzierungen arbeiten, so kann man erkennen, dass beide Positionen von Beobachtungen herrühren, die mit unterschiedlichen Differenzen arbeiten. Ein Beobachter höherer Ordnung kann, so wie ich es getan habe, beide Positionen in ein Differenzverhältnis setzen; allerdings operiert diese Beobachtung mit einer Differenz, die nicht mit einer der Differenzen der Beobachtungen in den beiden Positionen identisch ist. Das bedeutet, eine Beobachtung höherer Ordnung, also eine Beobachtung dieser beiden Beobachtungen, kann sehen, dass beide Beobachtungen - anders als es die Gegenüberstellung vielleicht vermuten ließe - kompatibel sind. Konstruktivistisch gewendet: Die eine Beobachtung erzeugt eine Welt, in der die andere Beobachtung immer noch möglich ist. Im Rahmen einer umgreifenden Medientheorie beruht diese Differenzierung auf einem unterschiedlichen Komplexitätsniveau; das bedeutet, dass diese Differenz nicht als Dichotomie verstanden werden kann.

Aussagentheoretisch formuliert: Beide Positionen können gleichzeitig behauptet werden, ohne dass man in einen Widerspruch gerät. Beobachtungstheoretisch formuliert: Es liegen zwei unterschiedliche Beobachtungen mit unterschiedlichen Differenzierungen vor. Rechnet man auf die Beobachtungsposition zurück, so kann man sagen, dass hier zwei verschiedene Beobachter beobachten. Es stellt sich die Frage, inwieweit ein höherstufiger Beobachter diese Kompatibilität noch beobachten kann, wie also diese beiden Medienbegriffe, die hier wie dort beobachtet werden, begrifflich differenziert werden können, wie also schließlich die Einheit der Differenz der beiden Medienbegriffe beobachtet werden kann.

Nebenbei bemerkt, halte ich diese Frage für zentral, was die Konstitution einer Medientheorie und darauf aufbauend einer Medienwissenschaft angeht; sie muss sich nicht auf einen Medienbegriff einigen, sie muss aber diese Einheit der Differenz(en) angeben können, um selbst als einheitliches Beobachtungssystem, das heißt als Theorie und als Wissenschaft firmieren zu können, was wiederum die Voraussetzung darstellt, um institutionell etabliert zu werden.

Ich greife nun noch einmal einige Beobachtungen auf, um einen Vermittlungsvorschlag zwischen beiden Positionen anzudeuten. Die beiden Positionen sind natürlich Verkürzungen, die dazu dienen, die Konturen in diesem Diskussionsfeld deutlicher nachzuzeichnen, was schließlich auch dazu beitragen soll, den Vermittlungsvorschlag deutlicher zu akzentuieren. Um einen solchen Vorschlag zu machen, sind aus methodischer Sicht Konstruktivismus und Systemtheorie, auch in ihrer Verzahnung, geeignet, weil sie selbst mit Differenzen operieren, auf Einheiten in Differenzen abstellen und das Differenzierungsprinzip der Beobachtung explizit handhaben. Mit diesem methodischen Vorteil ist auch ein inhaltlich-thematischer gegeben, der erst dann zutage tritt, wenn man erkennt, wie die zu vermittelnden Positionen operieren.

An der Übertragung des Apriori-Begriffs (s.o.) wurde das am deutlichsten: Beide Positionen arbeiten mit Transzendentalisierungen. Selbst dort, wo der Mensch in seiner empirischen Selbstverständlichkeit genommen wird, markiert diese Selbstverständlichkeit eine Grenze der Unhinterfragbarkeit, der theoretischen Unhintergehbarkeit. Wie ich es deutlich zu machen versuchte, übernimmt die Gegenposition diese Transzendentalisierung (»Apriori«)und überträgt sie vom Menschen auf das Medium. In beiden Fällen liegt eine wechselseitige Immunisierungsstrategie vor, die die Transzendentalien(Mensch oder Medium) aus der Konstitution des jeweils anderen herausnimmt. Die Differenz dieser Positionen besteht also in der gleichlaufenden, aber entgegengesetzten Konstitutionsrelation, in die sie jeweils Mensch und Medium setzen. Die Einheit der Differenz müsste demnach in der Wechselseitigkeit dieser Konstitutionsrelationen bestehen. Wechselseitigkeit bedeutet aber in diesem Fall die Abkehr von einem statischen Modell zugunsten eines dynamischen Modells von operativer Prozessualität, in dem sich erst beide Seiten wechselseitig konstituieren.

Das objektivistische Modell arbeitet mit der Differenz von Subjekt und Objekt. Die Differenzierungsleistung zwischen Mensch und Medium hat dabei einen doppelten Effekt. Indem nämlich das Medium objektiv konstituiert wird, konstituiert damit gleichzeitig sich der Mensch als Subjekt. Anders gesagt: Die Subjektivität des Menschen drückt sich darin aus, dass er Medien als Objekt behandelt und nutzt. Indem die andere Position dieses Verhältnis auf den Kopf stellt, verändert sie auch den Charakter dieser Relation. So kann man zwar beobachten, wie die Medien selbst Subjektstatus erhalten, der Mensch aber dadurch nicht zum Objekt wird, sondern eher zum Simulakrum oder Effekt. Medien erzeugen den Menschen als Subjekt der Medien, um selbst Subjekt sein zu können. Diese intentionale Redeweise bekräftigt geradezu den Subjektstatus, der so den Medienzukommt.

Dennoch gibt es eine weitere verblüffende Parallelität zwischen diesen Positionen. Als Beobachtungsresultate geben sie nämlich Muster vor, wie auf Beobachter als Instanzen der Beobachtung zurückgerechnet werden kann. Die objektivistische Position mit der operativen Differenz von Subjekt und Objekt ist auf einen Beobachter zurückzurechnen, der in der Beobachtung selbst noch einmal auftaucht, und zwar in der Position des Menschen. Ein Beobachter, der mit der Differenz von Subjekt und Objekt beobachtet, rückt zwangsweise in die Subjektposition. Wo demnach mit dieser Differenz zwischen Mensch und Medium differenziert wird, ergibt es sich, dass der Mensch selbst diese Beobachterposition ausfüllt.

Im umgekehrten Fall verhält es sich - und das ist das Verblüffende - parallel. Hier übernimmt das Medium selbst die Beobachterposition und beobachtet das Verhältnis von Medium und Mensch. In beiden Fällen liegt eine konstitutive Re-entry-Konstellation vor, in der die Unterscheidung der Beobachtung in das durch sie Unterschiedene wieder eintritt und eben dadurch wird, was es ist. Die Einheit bzw. Gemeinsamkeit dieser beiden Positionen besteht somit darin, dass sie selbst die Differenz mit der Differenz beobachten, in der sie stehen. Und diese Autoreflexivierung ist der Grund für die Transzendentalisierung der einen Seite in der Differenz, um das Differenzierungsmuster überhaupt noch stabil zuhalten. Menschen und Medien beobachten die Differenz von Mensch und Medium - je nachdem.

Ein Vermittlungsvorschlag muss also genau dazu wiederum eine Differenz formulieren. Zu diesem Zweck muss eine Instanz eingeführt werden, die das Verhältnis von Mensch und Medium beobachtet, ohne selbst Mensch oder Medium zu sein. Um es gleich anzumerken: Natürlich sind es immer noch Menschen, die auch eine solche Beobachtung anstellen, aber sie fließen nicht als Menschen in diese Konzeption mit ein. Dies kann aber nicht dadurch geschehen, dass eine einzige Instanz angenommen wird, die das Verhältnis von Mensch und Medium beobachtet, weil sich dann das Verhältnis nur strukturgleich wiederholen würde. Es geht aber nicht um Struktur, sondern um Prozess!

Für die Frage, wie das Verhältnis von Mensch oder Subjekt und Medium zu beobachten sei, zeichnet sich ein komplexer Lösungsvorschlag aus Konstruktivismus und Systemtheorie ab, dessen Pointe darin besteht, die Differenz von Mensch und Medium mit einer querliegenden Differenz so zu überlagern, dass diese als Prozessierungsinstanz fungiert, die die Differenz von Mensch und Medium prozessiert. Diese Differenz ist als Differenz von Bewusstsein und Kommunikation und ihr Prozessieren als strukturelle Kopplung gefasst worden. Sie geht auf eine Idee von Humberto Maturana zurück, hat in stark modifizierter Form Eingang in Luhmanns Systemheorie gefunden, ist von S.J. Schmidt rekonzeptualisiert worden, um insbesondere das Prozessieren von Medien zu modellieren und ist neuerdings von Friedrich W. Block aufgegriffen worden, um genau den »prekäre[n] Zusammenhang von Subjektivität und Medien« zu erhellen.5

Ich verzichte auf eine ausführliche Diskussion und vermerke nur den wichtigsten Bestandteil der strukturellen Kopplung:6 Beide Systeme, Bewusstsein und Kommunikation, sind wechselseitig füreinander intransparent und unzugänglich. Daher leisten Medien diese strukturelle Kopplung, und zwar so, dass das Prozessieren des jeweils anderen Systems den Prozess des einen Systems so am Laufen erhält, dass dies wiederum den Prozess des anderen Systems vorantreibt, und so weiter ad infinitum.

Voraussetzung ist, dass sowohl Bewusstsein als auch Kommunikation als prozessierende Systeme defizitär sind. Als Prozesse sind sie differentiell, das heißt in keiner Prozessphase sich selbst präsent; sie sind sich beide immer schon voraus. Insofern kann kein Prozess den Impuls zum Prozessieren aus sich selbst heraus entwickeln. Pointiert gesagt: Bewusstsein und Kommunikation machen aus ihrer Not, das heißt ihrer Intransparenz und Differentialität, eine Tugend, das heißt: strukturelle Kopplung. So entsteht Ko-Prozession der Systeme bei gleichzeitiger Wahrung der Systemgrenzen. Das Subjekt kann als Prozess der strukturellen Kopplung bezeichnet werden, womit dann ein Vermittlungsmodell von Medien und Mensch/Subjekt gegeben ist. Das Subjekt wird somit zu einer nachträglichen Identifikation des differentiellen Prozesses der strukturellen Kopplung. Dieser Prozess ist überhaupt immer nur als Prozess; solange also dieser Prozess am Laufen ist, kann von einem Subjekt gesprochen werden, das dann auch als Mensch überhöht werden kann. Dieser Prozess ist nie sich selbst präsent und daher ungreifbar. Der Name des Subjekts ist nachträgliche Identifikation der Differentialität, die das Subjekt ausmacht. Allerdings schafft diese Identifikation erst die Voraussetzung für die Konstruktion einer Selbstpräsenz des Differentiellen, mithin für das Selbstverständnis des Subjekts als Subjekt. So vermittelt die strukturelle Kopplung Medien und Subjekt(ivität). Daraus entsteht ein komplexes Wechselverhältnis von Differentialität und Entdifferentialisierung. Medien sind die differentielle Voraussetzung für die prozessuale Konstitution von Subjektivität; doch Subjektivität ist ein solcher Effekt des Prozesses, der die Differentialität des Prozesses entdifferentialisiert, um somit Selbstpräsenz zumindest prozessual imaginativ zu realisieren, um also aus der Unverfügbarkeit heraus die Idee der Verfügbarkeit zu konstruieren. Das Medium ist unverfügbar, weil es in diesem Prozess keine Instanz gibt, die hinter das Medium zurückgehen kann. Es ist aber für diese Subjektivität so verantwortlich, dass es diese Idee der Verfügbarkeit hervorruft. Anders gesagt: Auf der prozessualen Ebene, der Ebene des sich vollziehenden Prozesses, ist das Medium unverfügbar, auf der Ebene des vollzogenen Prozesses ist das Medium verfügbar und als technisches Medium re-identifizierbar. Das Subjekt ist die differentiell erzeugte Instanz zur Selbstentdifferentialisierung jenes Prozesses, aus dem es hervorgegangen ist. Die Verfügbarkeitdes Mediums erzeugt die Idee des apriorischen Subjekts, die Unverfügbarkeit des Mediums hingegen die Idee des epiphänomenalen Subjekts.

Im Rahmen der unterschiedlichen Konzeptualisierungsvorschläge der strukturellen Kopplung ist auch das Verhältnis von Mensch und Kommunikation in den Blickpunkt geraten. Während Luhmann ein subjektloses Kommunikationskonzept vorstellte, hat S.J.Schmidt am Menschen als Instanz der Kommunikation festgehalten. Er hat zurecht darauf aufmerksam gemacht, dass erst die konzeptionelle Differenzierung von Bewusstsein und Kommunikation theoriebautechnisch zu der Luhmannschen These führt, nur Kommunikation könne kommunizieren.7 Ich gehe davon aus, dass die Luhmannsche Differenzierung notwendig ist, um strukturelle Kopplung zu modellieren, dass aber dennoch das Problem, wie Mensch und Kommunikation zusammenhängen, umgegangen werden kann, wenn man die darin implizierte Problemlage auf das Verhältnis von Mensch und Medium verlagert. Als querliegende Differenz kann man nämlich auf die theoriebautechnischen Vorteile eines subjektlosen Kommunikationskonzept zurückgreifen, ohne auf das Subjekt, das seinerseits eine unumgängliche Position in der Theoriekonstellation darstellt, verzichten zu müssen. Subjektlose Kommunikation erlaubt nämlich, strukturelle Kopplung als differentiellen und selbstlaufenden Prozess zu konzeptualisieren, nicht trotz, sondern gerade wegen der Intransparenz und Defizienz der Einzelprozesse von Bewusstsein und Kommunikation.

Das Medium ist verfügbar und unverfügbar gleichermaßen, es hängt nur davon ab, ob der Medienbeobachter das Medium oder den Mensch/das Subjekt fokussiert. Wer ist denn dieser Medienbeobachter? Beobachtung setzt, wie gesagt, das systematische Potential der Differenzierung und der Bezeichnung voraus. Im Grunde genommen gibt es auf basaler Ebene nur zwei Systeme, die dazu in der Lage sind: Bewusstsein und/oder Kommunikation. Da ihr Prozessieren immer schon in struktureller Kopplung umgriffen ist, kann man den Prozess der strukturellen Kopplung selbst als Beobachtungsinstanz, so differentiell wie Beobachtung an sich, auffassen. Da die Position in den Prozess involviert ist, fallen Beobachter und Beobachtung im Prozess ohnehin zusammen. Von hier aus beobachtet, stellen Subjekt bzw. Medium lediglich zwei alternative Beobachtungswinkel dar. Was immer fokussiert wird, auf der Grundlage der (querliegenden) Differenz von Subjekt und Medium, erscheint es selbst als differentiell und die andere Seite dieser Differenz eben als entdifferentialisiert, d.h. entweder als verfügbar oder unverfügbar. Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit des Subjekts hier und des Mediums dort werden somit zu komplementären Beobachtungsresultaten aus der Beobachtung der strukturellen Kopplung.

1. Siehe hierzu exemplarisch Hellmuth Vetter: Welches Subjekt stirbt? In: Zur Vorgeschichte der Kritik an derThese: Der Mensch ist Subjekt. In: Herta Nagl-Docekal/Hellmuth Vetter: Tod des Subjekts? Wien/München 1987, S.22-42.

2. Friedrich Kittler: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin 1986, S.167.

3. Norbert Bolz: Theorie der neuen Medien. München 1990, S.84.

4. In Anlehnung an Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a.M. 1983.

5. Humberto Maturana: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig: Vieweg 1982, 2. durchges. Aufl. 1985 (=Wissenschaftstheorie, Wissenschaft und Philosophie 19); und ders./ Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. München 1987(=Goldmann TB 11460); Siegfried J. Schmidt: Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Konstruktivistische Bemerkungen zum Zusammenhang von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur. Frankfurt a.M. 1994 (=stw 1128); Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1992 (=stw 1001);ders.: Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt? In: Hans Ulrich Gumbrecht/K. Ludwig Pfeiffer (Hg.): Materialität der Kommunikation. Frankfurt a.M. 1988 (=stw 750), S.884-905; Friedrich W. Block: Beobachtung des »ICH«. Zum Zusammenhang von Subjektivität und Medien am Beispiel experimenteller Poesie. Bielefeld: Aisthesis 1999.

6. Oliver Jahraus/Benjamin Marius: Systemtheorie und Dekonstruktion. Die Supertheorien Niklas Luhmanns und Jacques Derridas im Vergleich. Siegen 1997 (=LUMIS-Schrift 48); und Oliver Jahraus: Bewußtsein und Kommunikation. In: IASL online. Diskussionsforum »Bewußtsein und Kommunikation«. http://iasl.uni-muenchen.de [seit Dezember 1998].

7. Siegfried J. Schmidt: Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Konstruktivistische Bemerkungen zum Zusammenhang von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur. Frankfurt a.M. 1994 (=stw1128), S.68 und auch ders.: Die Welten der Medien. Grundlagen und Perspektiven der Medienbeobachtung. Braunschweig: Vieweg 1996.