Oliver Jahraus

Die Verfügbarkeit und die Unverfügbarkeit des Mediums.
Zum Verhältnis von Mensch und Medium

   
             
 
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Die folgenden Überlegungen stehen in einem Spannungsfeld von zwei entgegengesetzten Positionen, die das Verhältnis von Mensch und Medium zueinander jeweils in einem konträr hierarchisierten Verhältnis modellieren. (I) Die erste Position lässt sich beispielhaft mit einem Satz benennen, der lautet: Es sind Menschen, die die Medien benutzen, in und mit Mediensystemen leben und auch durch Medien manipulierbar sind.(II) Die andere Position bringt dagegen zum Ausdruck, dass die Rede von Menschen die Komplexitätsebene des Mediums verfehlt und dass der Mensch, sofern man überhaupt noch vom Menschen sprechen will, eher als Epiphänomen oder als Effekt von Medien zu verstehen ist.

Fragt man sich nun nach der entscheidenden Differenz zwischen diesen beiden Positionen, so darf man das Verhältnis nicht vorschnell auf eine Hierarchie zurückführen. Hierarchie würde in diesem Fall und in der ersten Position Verfügbarkeit ausdrücken. Und die entsprechende Frage würde sich darauf konzentrieren, ob Menschen grundsätzlich über Medien verfügen können oder ob das Medium eine Verfügbarkeit über - also eine konstitutive Funktion für - den Menschen in seinem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein besitzt: Wer verfügt über wen? Insofern muss man differenzieren: Verfügbarkeit bedeutet nicht ein Herrschaftsverhältnis über und durch Medien, denn auch im Rahmen dieses Modells, das von der Verfügbarkeit der Medien für Menschen ausgeht, kann sehr wohl auch erfasst werden, wie Menschen selbst medialer Manipulation oder Herrschaft unterliegen. Aber das Medium ist grundsätzlich vom Menschen zu differenzieren und kann daher in eine objektive Relation zum Menschen gebracht werden.

Demgegenüber wird in der anderen Position die Differenzierung zwischen Mensch und Medium unterlaufen und somit auf einer objektivistischen Basis hinfällig. Vorderhand möchte ich diese beiden Positionen mit der Differenz von Verfügbarkeit bzw. Unverfügbarkeit des Mediums auf den Begriff bringen. Doch die Differenz der Positionen reicht weiter und umfasst verschiedene Faktoren, die ich im folgenden mit einer Reihe von Einzelbeobachtungen eher essayistisch umreißen möchte:

1. Allein am Begriff des Menschen ist eine deutliche Unter- bzw. Überkomplexität spürbar. So selbstverständlich es ist, dass Menschen in Medienverhältnisse involviert sind, so wenig kann der Begriff Mensch terminologisch fixiert werden. Unterkomplex ist der Begriff des Menschen deswegen, weil damit die Verhältnisbestimmung zwischen Mensch und Medium, stelle man sie nun auf Rezeption, Interaktion, Funktionalisierungoder ähnliches ab, kaum terminologisch exakt gefasst werden kann; und überkomplex deswegen, weil mit dem Menschen immer ein unüberschaubarer und fast schon unabschließbarer Gesamtzusammenhang von Lebensvollzügen mitgegeben ist, der seinerseits unterschiedlichste Beschreibungsvarianten ermöglicht, seien sie anthropologischer, existentieller, psychologischer, aber auch organisch-biologischer oder neurophysiologischer Art, und somit Hyperkomplexität im eigentlichen Sinn, also verschiedene Beschreibungsverfahren für Komplexität, mit sich bringt.

2. Die Gegenposition lässt sich nur schwer mit dem Begriff des Menschen überhaupt formulieren; dies ist wiederum kennzeichnend für diese Position. Man spricht hierbei besser vom Subjekt; man begibt sich dabei zwar in eine lange und durchaus problematische philosophische Begriffstradition, bekommt damit aber auch ein reduktives Konstitutionsmodell von Subjektivität, das Subjektivität als Begründungskategorie ausweist und es somit erlaubt, das Verhältnis zwischen Subjekt bzw. Subjektivität und Medien in einer veränderten Begründungsrichtung zu sehen. In diesem Sinne müssten die Positionen hier das Subjekt, dort das Medium als Begründungsinstanz für die jeweils andere Instanz theoretisch installieren. Der Mensch als »Maß aller Dinge« gibt ohnehin immer eine Begründungsinstanz ab, die aber unter dieser Beobachtungsperspektive nicht mehr hinterfragt werden kann. Wenn somit die Position der Verfügbarkeit sich so auf den Menschen versteht, dass der Mensch nach dem Medium fragt, so kann die Verfügbarkeit des Mediums nicht mehr in Frage stehen. Umgekehrt hingegen besitzt der Subjektbegriff, der zwar von der Aufklärungsphilosophie und insbesondere im deutschen Idealismus, wenn auch bisweilen mit anderen Namen, als Letztbegründungskategorie eingeführt wurde, die Möglichkeit, wie sie insbesondere die Subjektkritik der Moderne und Postmoderne ausgeschöpft hat,1 das Subjekt auch die Position des Begründeten, nicht mehr des Begründenden, einnehmen zu lassen. Die beiden Positionen unterscheiden sich durch die Begründungsrichtungen im Verhältnis von Mensch und Medium.

Am deutlichsten lässt sich die Wechselseitigkeit dieser Differenz an dieser Begründungsfunktion selbst ablesen. Aus der Verbindung von Subjektkritik und Medientheorie stammt die Formulierung, die Medien als Apriori zu bezeichnen. Friedrich Kittler nennt die Medien anthropologische Aprioris«,2 und Norbert Bolz nennt - nahezu gleichlautend - das »Medium« das »historische Apriori« der Organisation der Sinneswahrnehmung«.3 Wenn man bedenkt, dass das Konzept des Apriori im Kontext der (vor allem Kantischen) Transzendentalphilosophie genau jene Begründungsleistung des Subjekts vor jeder Empirie benennt, so kann man daran erkennen, wie diese Funktion vom Menschen bzw. Subjekt auf die Medien schlichtweg übertragen wird. Mensch- und Medienseite werden einfach ausgetauscht, die Positionen werden in der Gegenüberstellung parallelisiert; nur die apriorische Begründungsfunktion wird auf die andere Seite geschlagen. Besonders symptomatisch ist die Kennzeichnung des Aprioris als anthropologisch, denn das bedeutet, dass das anthropologische Moment nicht dem Menschen selbst, sondern dem Medium zukommt. Die Verkehrung der anthropologisch-objektivistischen Position besteht also genau darin, das Medium, nicht den Menschen als anthropologisch zu charakterisieren und somit zu konstituieren.

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Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Abschnitt 5

Anmerkungen

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