Oliver Jahraus
Die Verfügbarkeit und die Unverfügbarkeit des Mediums.
Zum Verhältnis von Mensch und Medium
Abschnitt 2

   
             
 
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3. Diese Begründungsrichtungen sind verantwortlich für das,was man das wissenschaftliche Profil oder das Design der entsprechenden Forschungsanstrengungen nennen könnte. Während man - und dies ist vorderhand nur ein oberflächlicher Vorschlag - die eine Richtung, die nach dem Menschen fragt, eher als empirisch kennzeichnen kann, woran sich durchaus auch eine historische Perspektivierung anschließen lässt, ist die andere Richtung eher konzeptionell oder systematisch in dem entgegengesetzten Sinne zu charakterisieren, dass dabei eben nicht das Medium empirisiert beobachtet wird. Ich halte es schon für bedenkenswert, dass der Begriff des Menschen und der der Empirie so eng und attraktiv miteinander gekoppelt werden können.

Dahinter verbirgt sich eine problematische Begriffsfassung von Empirie. Der Begriff und das Konzept von Empirie wird durch die epistemologischen Zugriffsbedingungen charakterisiert, die ihrerseits aber wiederum nicht vom dem abhängen, was sie bestimmen, sondern von der - systematisch vorgängigen - Art und Weise, wie sie es bestimmen. Empirie ist somit nicht das, was erkannt werden kann, sondern Empirie ist das, was eine Erkenntnistheorie als erkennbar ausweist. Mit dem Empiriebegriff muss jedoch eine Differenz mitgegeben sein zu dem, was als epistemologischer Vorlauf und was somit - im Gegenüber zur Empirie - als Theorie bezeichnet werden könnte. Zur Anwendungsbedingung des Empiriebegriffs gehört es, dass Empirie eben nicht Theorie ist, aber gleichzeitig kann von einer höheren Beobachtungsposition aus erkannt werden, dass Empirie selbst ein rein theoretischer Begriff ist. Das theoretische Konzept von Empirie muss sich also immer als möglichst theorieunabhängig ausgeben. Zugegebenermaßen kann diese paradoxale Begriffssituation, Empirie theoriefrei theoretisch zu konzeptualisieren, auch nicht umgangen werden, wenn man einen Zugriff- und sei es nur durch dichte Beschreibung4 - auf das haben will, was immer man dann als Empirie bezeichnet. Wird der Empiriebegriff an den Menschen gebunden, lässt sich diese Situation am besten in den Hintergrund drängen. Die Selbstverständlichkeit, die den Begriff des Menschen auszeichnet, wird somit an eine menschliche Empirie weitergegeben.

Daran schließe ich eine weitere Beobachtung an. In besonderer Virulenz stellt sich dieses Problem am Beispiel des Medienbegriffs, was bedeutet, dass Empirie in besonderer Weise von Medien abhängig gemacht wird. Hier tritt die paradoxale Begriffssituation durch die Hintertür, aber deswegen um so drängender wieder ein - der Sachverhalt ist bekannt: Wenn die Medien als Bestandteil einer Empirie beobachtet werden, stellt sich gleichzeitig die Frage, inwieweit die Zugriffsbedingungen durch Medien selbst bestimmt, vorgegeben, in radikaler Fassung sogar: konstituiert werden. Auch erlaubt eine eindeutige Relationierung von Mensch und Medium über die Empirie des Menschen, auch eine Empirie der Medien zugänglich zu machen.

4. Dass damit auch zwei unterschiedliche Begriffe von Medium vorliegen, versteht sich von selbst. Merkwürdig ist eher die Tatsache, dass man mit demselben Wort »Medium« immer noch beide Positionen bezeichnen und auch noch wechselseitig konturieren kann. Ein markanter Unterschied lässt sich am Numerus des Wortes ablesen: Während ist Relationierung von Mensch und Medium eher auf »die Medien« rekurriert, wird in der systematischen Position im Gestus grundlagentheoretischer Reflexion von »dem Medium« gesprochen. Die Rede von den Medien verweist dabei nicht nur auf eine Diversifikation und Ausdifferenzierung medialer Möglichkeiten, sondern impliziert auch eine technische Verfasstheit dessen, was dann als Medium zu gelten hat. Auch hier lässt sich eine Affinitität zwischen der Mensch-Medium-Relation und einem technischen Medienbegriff feststellen. Die technische Dimension des Medienbegriffs kann als Effekt der Verobjektivierungstendenz zwischen Mensch und Medium angesehen werden. Dem steht ein rein systematischer Medienbegriff gegenüber - »rein« kann hier durchaus im transzendentalen Sinn von völliger Absehung von jeglicher Empirie verstanden werden. Die Frage ist dann nur, wie diese negative Bestimmung positiv gefüllt wird. In jedem Fall liegen hierbei nicht nur unterschiedliche Medienbegriffe vor, sondern die Medienbegriffe werden an unterschiedlichen Positionen im jeweiligen theoretischen Gefüge eingesetzt. In der objektivistischen Gegenüberstellung von Mensch und Medien ist das Medium Teil jener Sphäre, die Mensch und Medium umfasst und die z.B. Welt genannt werden kann. Medien kommen in der Welt vor, in dieser Form sind sie empirisch zugänglich, unabhängig davon, dass sie selbst Welt vermitteln. In der systematischen Variante hingegen kann man zwar auch zwischen Mensch und Medium differenzieren, aber das Medium ist selbst in die Vermittlung von Welt (an den Menschen) involviert, was bedeutet, dass der Medienbegriff selbst noch dieser Differenzierung vorausgehen muss. Das Medium ist die Differenzierungsgrundlage von Mensch, Welt und Medium. Von daher kann der Medienbegriff gar nicht mehr empirisch sein, weil eine empirische Verortung diese Funktion verunmöglichen würde - sie ist systematisch nachrangig.

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Anmerkungen

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